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 Toshihito Aisawa, 9 Jahre, der seine gesamte Familie verloren hat und jetzt mit einem Schild, auf dem ihre Namen geschrieben sind von Notunterkunft zu Notunterkunft geht. Er traut sich nicht, die Menschen anzusprechen und hält nur stumm sein Schild hoch. 'Morgen komme ich wieder her', steht auf dem Schild"Morgen komme ich wieder her"

 

Toyo, Japan (17. März 2011) - Die Pfarrerin der "Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Tokio-Yokohama", Elisabeth Hübler-Umemoto, schreibt im Tagebuchstil von der Stimmung und der momentanen Lage nach Deutschland:

 

16. März 2011, Nachmittag

 

Tief angerührt hat uns das Bild des kleinen Toshihito Aisawa, 9 Jahre, der seine gesamte Familie verloren hat und jetzt mit einem Schild, auf dem ihre Namen geschrieben sind von Notunterkunft zu Notunterkunft geht. Er traut sich nicht, die Menschen anzusprechen und hält nur stumm sein Schild hoch. "Morgen komme ich wieder her", steht auf dem Schild.* Nicht überall ist schon Trinkwasser eingetroffen. Man behilft sich mit Regenwasser. Inzwischen schneit es in weiten Teilen des Erdbebengebiets und Minustemperaturen sind für die Nacht angesagt.

 

Ein Krankenhaus in Kesenuma. Der Eingang ist ein Spezialzelt der Feuerwehr, zur Isolierung des Innenraums. Solche Isolationszelte kommen aus verschiedenen Landesteilen. Jetzt bewährt sich die gute Katastrophenschutz-Vorbereitung hierzulande. Das Personal trägt Masken und hofft das Beste. Dagegen ist mir die Vorstellung unerträglich, dass man sich in Deutschland Geigerzähler kauft.

 

Ich werde jetzt oft nach der Disziplin und Ruhe gefragt, die die Menschen hier bewahren. Alle sind daran gewöhnt, sich möglichst reibungsfrei in der Öffentlichkeit zu verhalten, da man auf engem Raum zusammenlebt, häufig in kleinen Wohnungen, kann man nur mit gut antrainierter Disziplin ständiges Gerangel oder Stress vermeiden.
 
Allmählich werden auch die Medien hier unruhig, wollen Ergebnisse sehen, manche zweifeln an der Fähigkeit der Regierung, diese Krise zu meistern. Ich mache mir Gedanken über unsere westliche Sicht der Dinge.

 

Diese Kultur der Gesamtkontrolle über alle Dinge, nichts dem Zufall überlassen zu wollen, nicht auf Menschen vertrauen, die so gut sie können, ihre Arbeit machen, nicht den Informationen glauben, selbst wenn sie mit festen Beweisen an Zahlen und Daten abgesichert sind. Allem misstrauen, alles Abwerten, Lust haben an Horrorszenarien.

 

Diese Haltung scheint mir  merkwürdig gepaart mit dem fröhlichen In-Anspruch-Nehmen aller neuesten elektronischen Konsumgüter, die natürlich Strom brauchen und dem fleißigen Wegschauen solange alles läuft.
 
Man möchte alles haben und flieht ganz schnell, wenn etwas schief geht und verachtet die, die vor Ort bleiben und ihre Pflicht erfüllen? Ich will mich selber gar nicht ausnehmen. Auch ich habe fleißig weggeschaut und einfach gehofft, dass nichts passiert.
 
Manche haben mich gefragt, ob Japan nicht reich genug ist, um auch ohne Spenden den Schaden zu beheben. Das ist angesichts dieser Größe der Katastrophe sicher nicht so. Und wenn jemand Angst hat, dass seine Spenden nicht ankommen: Gerade Japan ist ein Land mit sehr guter Infrastruktur, an dem Spenden beste Chancen haben, genau dort anzukommen, wo sie gebraucht werden, weil es vor Ort Hilfsorganisationen gibt, die funktionieren ohne Korruption.

 

 

16. März 2011, Abend

 

Zu 8 Personen haben wir einen Gebetsgottesdienst gefeiert. Der Bahnweg war frei, aber die Stadt deutlich dunkler und ruhiger. Es war nur unterwegs, wer unbedingt musste. Auf der Rückfahrt saßen wir zu fünft in derselben S-Bahn und waren die einzigen, die fröhliche Stimmung mitbrachten, sich unterhielten, lachten. „Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.“ sagt der Apostel Paulus und heute nach dem Gottesdienst waren wir echt fröhlich.

 

Die anderen Reisenden wirkten angespannt. Zum ersten Mal habe ich abends in einer Bahn gesessen und niemand schlief. Normalerweise schlafen die Pendler reihenweise, um sich schon mal  zu entspannen und abzuschalten auf dem Weg nach Hause. Heute war davon nichts zu bemerken. Alle starrten mit wachen Augen irgendwo hin, verschränkten die Hände oder verfolgten über Handyfernseher die neuesten Ansagen.

Ein Gemeindemitglied ist leitender Angestellter beim Tüv und hat die neuesten eigenen Messwerte. Für Tokyo war heute alles normal. 
 
Im Gebetsgottesdienst hat jeder Teilnehmer seine Erfahrungen erzählt. Einer sagte: was wir jetzt brauchen, ist Vertrauen. Kontrollieren können wir nicht, ob die Techniker ihre Kunst verstehen. Misstrauisch alles anzweifeln, was von ihrer Seite bekanntgegeben wird, hilft nicht weiter. Ein Kernphysiker erzählt in einem Fernsehinterview: „Ich kenne einige, die jetzt dort mit kämpfen, sie waren meine Schüler. Sie sind hervorragend ausgebildet und vorbereitet, auf Störfälle zu reagieren.“ Wir wünschen den Männern am Kernkraftwerk Fukushima Erfolg. Wir vertrauen auf ihre Fähigkeiten. Wir sind dankbar, dass sie für uns ihr Leben aufs Spiel setzen.

 

Und wir vertrauen, dass unser Leben noch anders getragen ist als durch das, was wir kontrollieren können.
 
Wir hörten den langen Genesistext vom Sonntag Invocavit, 1. Mose 3, 1 – 24  vom Sündenfall. Wie direkt man jetzt solche Texte in die Gegenwart gesprochen hören kann.
 
Das lange Singen des Kyrieliedes aus Taize hat enorm befreit. So sind wir wirklich fröhlicher Stimmung nach Hause gegangen. Fröhlich in Hoffnung.
 
Das letzte Stück im Taxi haben wir den Fahrer nach der Benzinrationierung gefragt. Die meisten Taxis in Tokyo fahren mit Autogas, war die Auskunft. Die Benzintaxis haben jetzt keine Möglichkeit zu fahren. Die meisten Tankstellen sind geschlossen und wo noch eine offen ist, darf pro Wagen nur 20 Liter gezapft werden.
 
Allmählich fallen auch Menschen auf, die mehr kaufen als sonst. In einem Supermarkt war sämtlicher Reis ausverkauft, Milch und Brot schon etwas länger. Auf dem Bahnsteig stand neben uns eine Frau mit einer Riesenpackung Toilettenpapier. Das sind jetzt die Essentials. 
 
Leben von Tag zu Tag. Vertrauen, sich fügen, sich beugen und doch weiter hoffen, dass alles sich stabilisiert.  

 

 

17. März 2011, Donnerstag

 

Immer noch sind Menschen von Hilfe abgeschnitten, weil die Küstenstraßen und Schienenwege zerstört sind. Viele haben in ihren Unterkünften keine Heizmöglichkeit, weil es kein Kerosin gibt, um Öfen zu befeuern. Davon werden jetzt viele Menschen krank.

 

Heute sah ich das Interview mit einem Mann, der Dialysepatient in einem Krankenhaus ist. Die medizinische Versorgung ist für ihn derzeit gesichert, aber er hat seit drei Tagen nichts gegessen, weil die Transporter mit den Versorgungsgütern nicht durch kommen.

 

Dabei sind zerstörte Straßen das eine Problem. Das gravierendere Problem  ist der Mangel an Benzin. Ein weiteres Problem ist, dass unverantwortlich hochgespielte Gerüchte über die atomaren Gefahren jetzt viele Lastwagenfahrer hindern, ins Erdbebengebiet zu fahren.

 

Man leitet jetzt die Güterzüge über Westjapan nach Norden und von dort zurück nach Süden ins Erdbebengebiet. Hubschrauber sind pausenlos im Einsatz, aber es ist einfach unglaublich viel zu tun.
 
Wir grüßen euch herzlich aus Tokyo. 

Heute Mittag reisen wir nach Nagoya und beobachten von dort wie es weiter geht.

 

Elisabeth Hübler-Umemoto und Naoto Umemoto, Tokyo.

 

 

Anmerkung

 

* Die Geschichte von Toshihito finden Sie in englischer Sprache unter: http://www.asahi.com/english/TKY201103160138.html 

 


Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), 17.03.2011 (tB).