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Psychologen der Universität Jena begleiten Strukturreform des Kirchenkreises Jena

Die Kirche im Dorf lassen – aber das Dorf anders gestalten

 

Jena (11. Oktober 2012) - Der Kirche in Thüringen geht es wie vielen anderen Organisationen derzeit: Sie hat Nachwuchssorgen. Die sinkende Bevölkerungszahl führt dazu, dass auch die Zahl der Mitglieder in den Kirchengemeinden stetig abnimmt. Eine niedrige Geburtenrate und Abwanderung werden diesen demografischen Trend in den nächsten Jahrzehnten zudem noch verstärken. Die Folge: verwaiste Kirchen und Gottesdienste, die nur mit einer Handvoll Gläubigen gefeiert werden.

 

„Das ist ein ernstes Problem“, sagt Prof. Dr. Rüdiger Trimpop von der Friedrich-Schiller-Universität Jena. „Denn mit den Mitgliedern schwinden auch die materiellen und personellen Ressourcen der Kirchengemeinden“, erläutert der Inhaber des Lehrstuhls für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie. Daher müsse sich die Kirche in ihrer Organisationsstruktur neu aufstellen. Das nimmt der Kirchenkreis Jena derzeit mit einer umfassenden Umstrukturierung in Angriff und wird dabei von den Jenaer Psychologen um Prof. Trimpop im Rahmen eines Forschungsprojekts wissenschaftlich unterstützt und begleitet.

„Hintergrund des Projekts ist der organisationale Veränderungsprozess im Kirchenkreis Jena, der bereits 2002 begonnen hat“, erläutert Psychologin Iris Seliger, die das auf mehrere Jahre angelegte Projekt im Rahmen ihrer Doktorarbeit betreut. Auf Beschluss der Kreissynode sind damals jeweils mehrere Kirchengemeinden zu Regionen zusammengeschlossen worden. „Damit wollte man die Arbeit der haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Gemeinden einerseits sinnvoll verteilen und zum anderen eine stärkere Zusammenarbeit der Gemeinden strukturell verankern.“ Allerdings, so Seliger weiter, sei dieser Prozess bisher ohne Unterstützung weniger erfolgreich verlaufen als erhofft. Daher sind Mitglieder des Kirchenkreises und Superintendent Diethard Kamm an den Lehrstuhl von Prof. Trimpop herangetreten, um den Prozess wissenschaftlich zu begleiten und seine Erfahrungen aus Umsetzungsprojekten in der Wirtschaft auch hier zu nutzen.

Das am häufigsten geäußerte Manko ist: „Die Regionalisierung der Kirchengemeinden sei am Reißbrett entstanden“, sagt Seliger. Die Nachwuchswissenschaftlerin hat über 40 haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter in einer ersten Bestandsaufnahme dazu befragt, wie sie die regionale Zusammenarbeit im Kirchenkreis einschätzen. „Dabei zeigte sich, dass es bisher eigentlich keine gemeinsame Definition bzw. kein gemeinsames Verständnis des Regionalisierungskonzepts gibt, auch wenn die Notwendigkeit einer solchen Strukturreform mehrheitlich eingesehen wird.“

Anhand ihrer Bestandsaufnahme haben die Jenaer Forscher mittlerweile die Hauptbrennpunkte identifiziert, die Kooperationsnotwendigkeiten und Möglichkeiten bestimmt und einen Prozess zur Optimierung gemeinsam mit den Beteiligten erarbeitet. „Entscheidend ist, dass die Regionen durch wirklichen Austausch und Kooperation zusammenwachsen“, unterstreicht Iris Seliger. Dies könne nur durch eine aktive Beteiligung der Mitarbeiter geschehen. Im vergangenen Jahr wurden dazu innerhalb eines Ausschusses verschiedene Vorschläge zur Strukturveränderung erarbeitet und in den Gemeinden diskutiert. Nach der positiven Entscheidung für einen der Vorschläge werden in den kommenden Monaten Workshops und Regionalkonferenzen durchgeführt, in denen es maßgeblich darum geht, die Umsetzung der Strukturveränderung inhaltlich zu konkretisieren. „In diesen Arbeitsgruppen wird es darum gehen, dass haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter gemeinsam die Rahmenbedingungen und die konkrete Zusammenarbeit vor Ort klären“, so Seliger. „Wie sehen die Mitarbeiter ihre Region und welchen persönlichen Bezug haben sie zu ihr?“, nennt die Psychologin von der Uni Jena exemplarische Fragen, an denen sie dies festmachen will. Letztlich, so sagt sie, gehe es darum, wie erfolgreich dem häufig negativ besetzten Wort „Strukturveränderung“ eine positive Bedeutung gegeben werden kann.

Eine der Aufgaben der Arbeits- und Organisationspsychologen in diesem Prozess ist es, die notwendigen empirischen Daten zur Kommunikation, Kooperation und Prozessabläufen zu generieren und zu evaluieren. Da dies in Abschlussarbeiten der Bachelor- und Masterstudierenden geschieht, haben alle Beteiligten einen Gewinn. Die Studierenden lernen die Praxis kennen und leisten einen wertvollen Beitrag zum Gemeinwohl. Die Gemeinde erhielt die wichtigen unabhängigen Rückmeldungen und Erkenntnisse nach dem neuesten Stand der Wissenschaft. Und die Forscher erhalten sehr intensive Erkenntnisse und Daten aus dem bisher sehr wenig beforschten Bereich der Non-Profit Organisationen. Eine Beteiligung
aller ist da nur von Vorteil.

 

Weitere Informationen

 

http://www.uni-jena.de

 


 

Quelle: Friedrich-Schiller-Universität Jena, 12.10.2012 (tB).