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11 | 12 | 2017
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Stillen und Beikost – endlich einheitliche, klare Regeln

Stiftung Kindergesundheit informiert über die neuen, gemeinsamen Empfehlungen der wichtigsten Gesundheits-Institutionen

 

München (12. Juli 2010) - Kaum ist das Baby endlich auf der Welt, können sich junge Eltern vor gut gemeinten Ratschlägen kaum retten: Verwandte und Freunde scheinen alles besser zu wissen, Elternzeitschriften und Ratgebersendungen überbieten sich mit Tipps zu jedem Pups und auch an Stellungnahmen von wissenschaftlichen Fachgesellschaften ist kein Mangel. Besonders für die richtige Ernährung des Babys gibt es viele, nicht selten widersprüchliche Empfehlungen, die junge Eltern häufig verunsichern. Zumindest damit soll es jetzt vorbei sein, vermeldet erfreut die Stiftung Kindergesundheit. Die wichtigsten Organisationen von Kinder- und Frauenärzten, Hebammen, Ernährungsexperten und Gesundheitspolitik haben sich auf wichtige gemeinsame Handlungsempfehlungen und unmissverständliche Zeitangaben zum Stillen, Babynahrung und Beikost geeinigt.

 

„Die vor kurzem in Berlin verabschiedeten nationalen Handlungsempfehlungen stellen einen europaweit einmaligen, beispiellosen Meilenstein dar“, sagt Kinder- und Jugendarzt Professor Dr. Berthold Koletzko, Stoffwechselspezialist der Universitäts-Kinderklinik München und Vorsitzender der in München beheimateten Stiftung Kindergesundheit. „Zum ersten Mal haben sich alle, für die Gesundheit von Babys maßgeblichen Gruppen auf einheitliche Botschaften zur Säuglingsernährung und zur Ernährung der stillenden Mutter geeinigt: Hebammen und Geburtshelfer, Kinderärzte und Zahnmediziner, Ärzte aus Praxis und Klinik, Expertinnen und Experten aus Forschungsinstituten und Gesundheitsbehörden, aus Verbraucherschutz und den Selbsthilfeorganisationen“.

 

Die nun erarbeiteten gemeinsamen Empfehlungen entstanden im Auftrag des bundesweiten Kommunikationsnetzwerks „Gesund ins Leben – Netzwerk Junge Familie“, das sich derzeit im Aufbau befindet und vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) finanziell gefördert wird.

 

 

Vieles längst bekannt, manches neu

 

Die meisten Empfehlungen, auf die sich der wissenschaftliche Beirat dieses Netzwerks unter der Federführung von Professor Koletzko geeinigt hat, sind schon lange anerkanntes Allgemeingut. Doch manches bisher Empfohlene musste im Licht neuer Erkenntnisse und aktueller wissenschaftlicher Studien abgewandelt, eingeschränkt, ergänzt oder präzisiert werden.

 

„Die Notwendigkeit zur einheitlichen Formulierung zeigt sich schon am Beispiel unterschiedlicher Zeitangaben in den Broschüren, auf den Verpackungen der Säuglingsnahrung oder auf den Internetseiten“, verdeutlicht Professor Koletzko: „Wenn es um Empfehlungen zur Ernährung im ersten Lebensjahr geht, sind aber unmissverständliche Zeitangaben wichtig, damit die Empfehlungen vom Verbraucher richtig umgesetzt werden. So können zum Beispiel Angaben wie ‚mit 4 Monaten’ auch als ‚im 4. Lebensmonat’ missverstanden werden, obwohl damit ‚ab dem 5. Monat’ gemeint ist. Angaben wie ‚etwa im Alter von 9 Monaten’ sind nicht konkret genug und werfen erneute Fragen auf. Deshalb empfiehlt unsere Experten-Gruppe unmissverständliche Zeitangaben, immer formuliert nach dem Schema ‚mit Beginn des’ oder ‚ab dem’ x-ten Monat“.

 

Die gemeinsamen Handlungsempfehlungen werden im Juli-Heft der „Monatsschrift Kinderheilkunde“ veröffentlicht. Die Stiftung Kindergesundheit hat daraus in ihrer aktuellen Stellungnahme die wichtigsten Punkte zusammengefasst.

 

 

Die Muttermilch ist nicht zu toppen!

 

Das Stillen gilt nach wie vor als das Beste für Mutter und Kind. Die Muttermilch ist an die Bedürfnisse des Babys angepasst und liefert die für Wachstum und gesunde Entwicklung wichtigen Nährstoffe. Muttermilch ist hygienisch einwandfrei und richtig temperiert. Sie ist praktisch, weil sie immer verfügbar ist, und sie kostet nichts.

 

Stillen kann das Risiko für Durchfall, Mittelohrentzündung und für ein späteres Übergewicht beim Kind senken. Es wirkt sich nicht nur auf die Gesundheit des Babys positiv aus, sondern auch für die der Mutter. Außerdem fördert das Stillen die seelisch-emotionale Bindung zwischen der Mutter und ihrem Kind.

 

Das Baby sollte mindestens bis zum Beginn des fünften Monats ausschließlich gestillt werden. Das gilt auch für Kinder mit erhöhtem Allergierisiko.
Aber auch nach Einführung der Beikost – das geschieht spätestens mit Beginn des zweiten Halbjahres – sollte weitergestillt werden. Auch Teilstillen ist wertvoll, betonen die neuen Handlungsempfehlungen. Gestillt wird nach Bedarf: Zeitpunkt und Dauer bestimmt das Kind.

 

Empfehlungen für die Einführung der Beikost im Überblick:

 

1.- 5. (bis 7.) Monat

Nur Muttermilch (oder Säuglingsnahrung; „Pre-„ oder „1-„ Nahrung)

Zusätzlich:
Vitamin K bei den Vorsorgeuntersuchungen U1, U2 und U3; Tablette mit Vitamin D und Fluorid für das ganze erste Lebensjahr und darüber hinaus (Absprache Kinderarzt).

5.- 7. Monat

1. Brei (gut geeignet: Gemüse-Kartoffel-Brei mit Fleisch oder Fisch);
Weiter Muttermilch und/oder Säuglingsnahrung („Pre-„ oder „1-„ Nahrung) bzw. Folgenahrung („2-„ Nahrung)

5.- 7. Monat

2. Brei (gut geeignet: Getreide-Milch-Brei)

6.- 8. Monat

3. Brei (gut geeignet: Getreide-Obst-Brei)

Ab 10. Monat

Allmählich und schrittweise Familienkost einführen (z. B. weiches Brot)

Ab Ende des 1. Lebensjahres

Kuhmilch (Trinkmilch) kann als Getränk gegeben werden

 

 

Fläschchennahrung richtig aussuchen

 

Wenn die Mutter ihr Kind nicht oder nicht voll stillt, gilt die Regel: Fertig kaufen, nicht selbst herstellen. Empfohlen wird eine industriell hergestellte Säuglingsmilchnahrung. Grund: Babys gedeihen mit einer selbst hergestellten Milchnahrung nicht so gut. Die Empfehlung, die Fläschchennahrung nicht selbst herzustellen, gilt für alle Milcharten – also für Kuh-, Ziegen-, Schaf- und Stutenmilch sowie für andere Rohstoffe wie Mandeln oder Soja.

 

Eltern sollten wissen: Anfangsnahrungen, die als „Prä“- oder „1“-Nahrung bezeichnet werden, sind zur Fütterung des Babys von Geburt an und danach für das gesamte erste Lebensjahr geeignet. Wenn Folgenahrung verwendet wird (als „2“- Nahrung bezeichnet) sollte sie frühestens mit Beginn der Beikostfütterung eingeführt werden.

 

 

Zum richtigen Umgang mit dem Fläschchen

 

Babys Flasche sollte immer frisch vor der Mahlzeit zubereitet werden. Trinkt das Baby sein Fläschchen nicht aus, bitte den Rest wegschütten und nicht für die nächste Mahlzeit aufbewahren und aufwärmen. Milchnahrung und Pulver wird mit frischem Trinkwasser aus der Leitung zubereitet. Bitte das Wasser ablaufen lassen, bis kaltes Wasser aus dem Hahn fließt. Von der Verwendung von Wasserfiltern wird abgeraten.

 

 

Was tun, wenn eine Allergie droht?

 

Von einem erhöhten Allergierisiko ist auszugehen, wenn mindestens ein Elternteil des Babys, eine Schwester oder ein Bruder bereits unter einer Allergie leidet. Nicht oder nicht voll gestillte Babys mit diesem Risiko sollten im ersten Halbjahr ihres Lebens eine so genannte HA-Nahrung (hypoallergene Nahrung) erhalten, mindestens bis zum Beginn des fünften Monats. Mit Einführung der Beikost kann dann auf eine „normale“ Säuglingsmilchnahrung umgestellt werden.

 

Der Schutzeffekt der HA-Nahrung wird allerdings häufig überschätzt, heißt es in den neuen Handlungsempfehlungen. Besonders wichtig sei deshalb in Familien mit Allergierisiko die Schaffung einer allergen- und schadstoffarmen Umgebung. Das bedeutet: Keine Katzen und andere Fell tragenden Haustiere anschaffen; Schimmel und feuchte Stellen an den Wänden vermeiden; lösungsmittelarme Lacke und Farben verwenden; bei Wohnungen an stark befahrenen Straßen nur zu verkehrsarmen Zeiten mehrmals kurz am Tag lüften (kein Dauerlüften).

 

 

Beikost früher als früher empfohlen

 

Unterschiedliche Empfehlungen der Fachgesellschaften und missverständliche Angaben auf den Babygläschen führen besonders häufig zur Konfusion bei jungen Eltern. Die neuen Empfehlungen schaffen Klarheit: Beikost sollte frühestens mit Beginn des fünften, spätestens aber mit Beginn des siebten Monats eingeführt werden. Die Zufütterung von Beikost bedeutet aber nicht das Ende des Stillens, betonen die Expertinnen und Experten in ihren aktuellen Empfehlungen.

Auch Babys, die bereits mit dem Fläschchen gefüttert werden, sollten auch nach Einführung von Brei- und Löffelkost ihre Flasche weiterhin erhalten.

 

Es darf übrigens alles auf den Löffel, was dem Baby schmeckt! Die früher häufig erhobenen Warnungen vor allergenreichen Nahrungsmitteln wie Milcheiweiß, Eier oder Fisch haben sich als nutzlos erwiesen: Das Meiden oder die spätere Einführung derartiger Lebensmittel bietet keinen Schutz vor Allergien. Heute wird deshalb Abwechslung durch Variation der verwendeten Beikostzutaten empfohlen. Studien haben nämlich mittlerweile ergeben, dass eine frühe Vielfalt in der Ernährung die Bereitschaft der Kinder erhöht, später auch neue, ihnen bis dahin nicht bekannte Lebensmittel zu akzeptieren.

 

Auch aus diesem Grund sollen die Eltern ausdrücklich ermutigt werden, für ihr Baby auch selbst zu kochen! Sowohl Gläschennahrungen als auch selbst zubereitete Breie haben Vorteile, unterstreicht die Stiftung Kindergesundheit. Mit beiden kann man ein Baby gut mit allen Nährstoffen versorgen, die es braucht. Die industriell hergestellte Beikost erfüllt zwar hohe gesetzliche Anforderungen und spart auch Zeit und Arbeit. Andererseits hat auch die Selbstzubereitung ihre Vorteile: Die Eltern können die Auswahl der Zutaten selbst entscheiden und dabei gesundheitsbewusst auf Salz und Zucker verzichten.

 

 

Fisch für Mutter und Kind

 

Nach den aktuellen Empfehlungen sollte Fleisch fünfmal in der Woche als Zutat im Brei des Babys enthalten sein, um den Bedarf an Eisen zu decken. Neu ist die Empfehlung, den Fleischbestandteil im Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei gelegentlich durch Fisch auszutauschen. Es gibt nämlich Hinweise, dass der Konsum von Fisch schon im ersten Lebensjahr das Kind vor der späteren Entwicklung einer allergischen Erkrankung schützen kann.

 

Aus diesem Grund sollten auch schwangere Frauen und stillende Mütter keinen Bogen mehr um die Fischtheke im Supermarkt machen, meint Professor Koletzko: „Fisch ist kein Tabu mehr für Schwangere, im Gegenteil: Fischkonsum in der Schwangerschaft und Stillzeit und während des ersten Lebensjahres des Babys schadet nicht, sondern scheint sogar schützende Effekte vor so genannten atopischen Erkrankungen zu haben. Empfohlen wird der Verzehr von fettreichen Seefischen wie Lachs, Hering, Makrele und Sardine. Der Konsum großer Raubfische wie Thunfisch oder Schwertfisch kann allerdings aufgrund einer höheren Schadstoffbelastung nicht empfohlen werden“.

 


 

Quelle: Stiftung Kindergesundheit, 12.07.2010 (tB).

 
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