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Erste Ergebnisse der von Novo Nordisk unterstützten multinationalen Studie am WFH-Kongress in Paris präsentiert

HERO Studie: Neue Erkenntnisse zu psychosozialen Aspekten der Hämophilie

 

Paris, Frankreich (9./10. Juli 2012 – Obwohl psychosoziale Aspekte für Menschen mit Hämophilie grundlegend wichtig sind, ist über deren Auswirkungen bislang nur wenig bekannt. Die von Novo Nordisk unterstützte Initiative HERO (Haemophilia Experiences, Results and Opportunities) hat zum Ziel, bisher nicht erforschte psychosoziale Bedürfnisse von Hämophilie-Patienten und deren Angehörigen zu erfassen sowie deren Behandlungsergebnisse und Versorgung langfristig zu verbessern.

 

Bei der HERO Studie handelt es sich um das größte, jemals durchgeführte internationale Hämophilie-Projekt, in das mehr als 1.200 Menschen aus 10 Ländern einbezogen wurden. Ergebnisse einer quantitativen Befragung wurden anlässlich des Kongresses der World Federation of Hemophilia (WFH) vom 8.–12. Juli 2012 erstmals präsentiert. Sie geben neue Einblicke in die Probleme und Herausforderungen, die die Patienten und ihre Angehörigen im Alltag bewältigen müssen.

 

Die Hämophilie – mit oder ohne Entwicklung von Hemmkörpern – hat bedeutsame psychosoziale Auswirkungen für Patienten und ihre Angehörigen, die deren Lebensqualität erheblich beeinträchtigen können. Um die Betroffenen bei der Lösung ihrer Probleme zu unterstützen, ist es wichtig, die Bedeutung psychosozialer Faktoren für die Lebensqualität sowie für den Behandlungserfolg und die Therapietreue zu kennen. „Die Betreuung von Hämophilie-Patienten umfasst mehr als nur die medizinische Behandlung“, so Birgitte Toftemose (Novo Nordisk A/S, Kopenhagen, Dänemark), Projektmanagerin der HERO Initiative*. „Die Berücksichtigung der psychosozialen Bedürfnisse geht weit darüber hinaus.“ Deshalb haben es sich die Initiatoren von HERO zur Aufgabe gemacht, Erkenntnisse über diese psychosozialen Aspekte zu gewinnen, sie zu identifizieren und quantifizieren.

 

 

Erste große Studie zu psychosozialen Aspekten bei Hämophilie

 

Bei HERO handelt es sich um eine internationale, multidisziplinäre Initiative, die mit Hilfe von Interviews und Fragebögen erstmals in diesem Umfang die bisher nicht erforschten psychosozialen Bedürfnisse von Menschen mit Hämophilie und deren Angehörigen erfasst. Das Projekt wurde vom HERO International Advisory Board (IAB) initiiert, einem multinationalen, multidisziplinären 12-köpfigen Team aus Patienten, Eltern minderjähriger Patienten, Ärzten, Psychologen und Angehörigen weiterer medizinischer Berufe. Es hat zum Ziel, durch besseres Verständnis der Erkrankung, durch Kenntnis des Stellenwertes psychosozialer Faktoren und durch Beachtung der Bedürfnisse der Betroffenen deren medizinische und psychosoziale Behandlung und Betreuung sowie die Lebensqualität langfristig zu verbessern. Dabei soll das Projekt für alle Beteiligten eine Plattform zur Information über Evidenz-basierte Forschungsergebnisse, zu Kommunikation und Erfahrungsaustausch sowie zur Interessensvertretung bieten.

 

Die HERO Studie wird von Novo Nordisk unterstützt. Wie Dr. Gabriele Pfeifer (Novo Nordisk, Mainz)* erläuterte, ist das Unternehmen im Bereich Hämophilie seit Jahren stark engagiert sowohl im Bereich der wissenschaftlichen und klinischen Forschung und Innovation als auch in der Aufklärung und Unterstützung von Menschen mit Hämophilie, ihren Angehörigen und Interessensgruppen sowie Ärzten und anderem Fachpersonal.

 

„Ich finde die Initiative ausgesprochen gut und begrüße das Konzept, dass die Patienten selbst befragt werden“, so der Hämostaseologe Dr. Wolfgang Mondorf (Frankfurt/Main)*. „Es wäre wünschenswert, dass sich dadurch eine allgemeine ,Awareness‘ entwickelt in Bezug auf die speziellen Probleme von Menschen mit Hämophilie, über die in der täglichen Praxis kaum gesprochen wird.

 

 

HERO Ergebnisse jetzt erstmals veröffentlicht

 

Kernstück der HERO Initiative ist die internationale und multimodale HERO Studie, die aus drei Abschnitten besteht:

 

Auftakt war eine eingehende Literatur-Recherche von publizierten Studien (Publikationszeitraum 1997–2010), in denen psychosoziale Aspekte von Menschen mit Hämophilie untersucht wurden. Die Ergebnisse, die 2011 in der Fachzeitschrift Haemophilia veröffentlicht wurden,1 zeigen, dass nur wenige publizierte Daten in Bezug auf psychosoziale Aspekte bei Hämophilie vorliegen. Dies gilt insbesondere für Entwicklungsländer. Zudem sind die untersuchten Studienkollektive relativ klein, und es wurde zumeist nur ein Untersuchungsverfahren eingesetzt. Insgesamt weisen die Daten darauf hin, dass Bedarf für mehr internationale, facettenreichere Forschung besteht, um die psychischen und sozialen Aspekte des Lebens mit Hämophilie zu untersuchen und quantitativ zu erfassen. Sie zeigen auch, dass die Lebensqualität der Patienten und ihrer Angehörigen häufig eingeschränkt ist.1

 

Es folgte eine qualitative Befragung von 150 Menschen mit Hämophilie, Eltern und medizinischem Fachpersonal aus sieben Ländern, darunter auch Deutschland. Die Ergebnisse, die anlässlich des XXIII. Kongresses der International Society on Thrombosis and Haemostasis (ISTH) 2011 publiziert wurden,2 geben einen Überblick über das qualitative Ausmaß psychosozialer Probleme, die Hämophilie-Betroffene im Laufe ihres Lebens bewältigen müssen. Dazu zählen etwa die Angst der Patienten, wegen der Erkrankung die Beschäftigung zu verlieren oder keinen Lebenspartner zu finden, aber auch Schuldgefühle der Mutter als mutmaßliche Konduktorin, wie Toftemose erläuterte.

 

Der dritte Abschnitt bestand aus einer quantitativen Befragung von insgesamt 1.236 Menschen mit Hämophilie oder deren Eltern aus zehn Ländern einschließlich Deutschland. Neben der Erhebung demografischer und medizinischer Daten wurden die Teilnehmer über ihre Ausbildung und Beschäftigung, ihre körperlichen Aktivitäten und ihre sozialen Beziehungen (Familie, Kinder, Sexualität, Einstellung gegenüber Unterstützung) befragt. Weitere Themen waren Lebensqualität, Schmerzmanagement, Zugang zur Behandlung und Kenntnisse über Hämophilie. Die Untersuchung wurde im Februar 2012 abgeschlossen. Erste Ergebnisse wurden anlässlich des WFH-Kongresses in Form von acht Postern und einem mündlichen Vortrag† präsentiert.

 

Insgesamt wurden 675 Patienten mit Hämophilie A (74 %) oder B (13 %), darunter 13% mit Hemmkörpern befragt. Das mediane Alter betrug 36 (18–86) Jahre.4 Zudem liegen Daten von 561 Eltern von Patienten im Alter unter 18 Jahren vor, die jeweils zu ihrem ältesten Sohn mit Hämophilie (medianes Alter 9 [1–17] Jahre) befragt wurden.4- 5

 

„Die bisher gewonnenen Erkenntnisse sind nur ein Kratzer an der Oberfläche einer großen Fülle von Daten, die nach und nach zur Verfügung stehen werden”, so Toftemose, die über ausgewählte Ergebnisse berichtete.

 

 

Herausforderungen im Arbeitsleben werden oft erfolgreich bewältigt

 

Einer der Schwerpunkte bei der Befragung galt der Bildung und Beschäftigung von Menschen mit Hämophilie und ihren Eltern. Es zeigte sich, dass Menschen mit Hämophilie in ihrem Berufsleben zwar vor Herausforderungen stehen, in ezug auf ihre Bildung und Arbeitssuche aber häufig erfolgreich sind. So haben immerhin 85 % eine abgeschlossene Schulbildung und 60 % sind berufstätig.

 

Dennoch berichteten 80 %, dass die Erkrankung mehr oder weniger ungünstige Auswirkungen auf ihr Berufsleben hätte, und jeweils 22 % waren der Annahme, dass sie in der Vergangenheit aufgrund der Hämophilie eine Anstellung verloren hätten oder deshalb gar nicht eingestellt worden wären.4 Unter den Eltern gaben immerhin 63 % an, dass der Umstand, für ein Kind mit Hämophilie sorgen zu müssen, in irgendeiner Weise negative Auswirkungen auf ihre Berufstätigkeit hätte. Jeder zehnte Befragte glaubte sogar, dass er deshalb schon einmal eine Arbeitsstelle verloren hätte.5

 

 

Erstmals Daten zum Sexualleben bei Hämophilie

 

Wie Toftemose weiter berichtete, wurden im Rahmen von HERO erstmals Daten zur Sexualität von Patienten mit Hämophilie erhoben, sodass diese Informationen weltweit bisher einzigartig sind. Unter den insgesamt 675 befragten Patienten sind 383 verheiratet, von denen wiederum 324 die Fragen zu Ihrem Sexualleben beantworteten. Demzufolge sind immerhin 78 % mit ihrem Sexualleben in den vergangenen Monaten zufrieden gewesen. Allerdings gaben mehr als die Hälfte (53 %) an, dass die Erkrankung die Qualität ihres Sexuallebens beeinflusst. Hauptgründe dafür waren Bewegungseinschränkungen, gefolgt von Infektionen mit dem HI- oder Hepatitis-C-Virus.6

 

 

Behandlung ermöglicht überwiegend gute Krankheitskontrolle

 

Über die Befragungsergebnisse in Bezug auf die Behandlung der Hämophilie berichtete Prof. Alfonso Iorio (Hamilton, Ontario, Kanada)†. Insgesamt wertete er die gesammelten Daten als sehr umfassend und „von einer gut definierten Population relativ gesunder“ Menschen mit Hämophilie, die Zugang zur Behandlung haben“. Die Mehrzahl der Patienten schätzte ihre Erkrankung als gut kontrolliert ein (Medianwert von 8 auf einer Skala von 1 [überhaupt nicht kontrolliert] – 10 [sehr gut kontrolliert]).

 

Durchschnittlich traten bei den Patienten 2,4 bzw. 18,3 Blutungsepisoden im letzten Monat bzw. Jahr auf. Bei 45 % erfolgte eine Bedarfsbehandlung, 31 % erhielten eine regelmäßige Prophylaxe und die übrigen eine Kombination von Bedarfsbehandlung und Prophylaxe bei bestimmten Ereignissen oder Aktivitäten. Insgesamt 41 % − in Deutschland jedoch nur 5 % − berichteten über Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Gerinnungsfaktor-Präparaten in den letzten fünf Jahren oder Bedenken in Bezug auf deren Verfügbarkeit oder Bezahlbarkeit. Die am häufigsten genannten Gründe dafür waren fehlende Belieferung der Klinik (56 %), persönliche finanzielle Schwierigkeiten (53 %) oder Probleme mit der Krankenversicherung (51 %).

 

Die meisten Patienten (77 %) fühlten sich für ihre Behandlung in erster Linie selbst verantwortlich. In der Hälfte der Fälle erfolgte die Behandlung immer und in einem weiteren Viertel meistens zuhause, wobei hier größere länderspezifische Schwankungen erkennbar waren. In Deutschland lag der Anteil der Patienten, die sich immer bzw. meistens zuhause behandeln, bei 70 % bzw. 20 %.

 

 

HERO Ausblick: weitere Aktivitäten und Ziele

 

Um auch langfristige Ziele zu erreichen, soll die Arbeit im Rahmen des HERO Projekts in den nächsten Jahren fortgesetzt werden. Weitere geplante Ziele und Aktionen bis 2016 umfassen die Veröffentlichung und Verbreitung von Ergebnissen der Studie, die Umsetzung nationaler Aktionspläne, eine kontinuierliche Überwachung des Fortschritts, sowie die Stärkung von Partnerschaften in der Hämophilieversorgung. „Die hier vorgestellten Ergebnisse sind erst der Anfang. Wir sind offen und flexibel in Bezug auf die künftige Nutzung der Daten“, kommentierte Iorio.

 

Im nächsten Schritt sind weitere detaillierte Auswertungen wie etwa Clusteranalysen als auch Analysen zu nationalen Daten vorgesehen, deren Resultate schon mit Spannung erwartet werden. „Aus der weiteren Analyse der Daten zu HERO wünschen wir uns Teilaspekte zu finden, die auch für Deutschland relevant sind und an denen weiter gearbeitet wird, sodass die Ergebnisse mit dazu beitragen, die Versorgung der Hämophilie-Patienten nicht nur hierzulande sondern auch in anderen Ländern zu verbessern“, sagte Dr. Werner Kalnins (Hamburg)*, Vertreter des HERO IAB für Deutschland und Vorsitzender des Vorstands der Deutschen Hämophilie-Gesellschaft (DHG), der selbst an einer schweren Hämophilie erkrankt ist.“ Auch Mondorf wünscht sich bessere Erkenntnisse bezüglich psychosozialer Missstände wie etwa Arbeitslosigkeit, Schule oder sexuelle Probleme. „Dort müssen wir ansetzen und auf Grundlage dieser Daten und Fakten versuchen, etwas zu ändern.“

 

 

Auch in Deutschland noch Verbesserungsbedarf

 

Kalnins zufolge ist die Versorgung von Hämophilie-Patienten in Deutschland insgesamt gut gesichert, aber dennoch besteht Verbesserungsbedarf.

 

Dies gilt beispielsweise für die schulische Integration von Kindern mit Hämophilie. So hat die Bereitschaft, diese Kinder und Jugendlichen in Schulen, insbesondere Gymnasien, aufzunehmen, in den letzten Jahren abgenommen. Schulleiter und Lehrer fühlen sich oft überfordert und wollen oder können die Verantwortung nicht übernehmen. „Eltern müssen häufig und immer wieder einen Kampf führen, um ihre Kinder zu integrieren.“, bedauerte Kalnins, der von seinen persönlichen Erfahrungen berichtete, darunter auch von seiner Kindheit in der Ära vor der Verfügbarkeit von Gerinnungsfaktor-Konzentraten. Die DHG bietet hier Unterstützungsmöglichkeiten und Beratung für betroffene Eltern.

 

Nicht selten tragen allerdings auch die Kinder selbst oder ihre Eltern – etwa durch Überprotektion – dazu bei, dass sich die jungen Patienten als Außenseiter benachteiligt fühlen. Die Außenseiterrolle wird etwa dadurch verstärkt, dass viele Kinder mit Hämophilie keinen Kindergarten besuchen oder nicht Fahrradfahren lernen und ein hoher Anteil der Schüler, trotz regelmäßiger Prophylaxe, nicht am Schulsport teilnimmt.

 

„Es fehlt in unserer Gesellschaft deutlich an Aufmerksamkeit für diese Erkrankung. Diesbezüglich gibt es noch viel Arbeit, wozu die HERO Initiative einen wichtigen Beitrag leistet“, lautete das Fazit von Mondorf.

 

 

Anmerkung

 

  • * Presseveranstaltung „HERO Study Talk“ von Novo Nordisk am 10.7.2012 anlässlich des WFH-Kongresses in Paris (Frankreich)
  • † Mündliche Präsentation am 9.7.2012 im Rahmen des wissenschaftlichen WFH-Programms (Abstract FP-MO-04.4-1)

 

 

Weitere Informationen

 

Weitere Informationen zu HERO unter www.changingpossibilities.com

 

 

Über Novo Nordisk

 

Novo Nordisk ist ein international tätiges und forschendes Unternehmen der Gesundheitsbranche und mit seinen innovativen Produkten seit 89 Jahren führend in der Diabetesversorgung. Das Unternehmen hält außerdem führende Positionen auf den Gebieten Blutgerinnung (Hämostase), Wachstumshormon- sowie Hormonersatztherapie. Mit Hauptsitz in Dänemark beschäftigt Novo Nordisk derzeit etwa 32.500 Menschen in 75 Ländern, davon rund 500 in Deutschland. Seine Produkte werden in 190 Ländern vertrieben. Die B-Aktien von Novo Nordisk werden an den Börsen von Kopenhagen (Novo-B) und New York gehandelt (NVO). Weitere Informationen unter www.novonordisk.de.

 

 

Referenzen

 

  • 1 Cassis FRMY et al. Haemophilia 2012; 18: e101-e114.
  • 2 Cassis F et al. ISTH 2011, Poster P-WE-492.
  • 3 Iorio A et al. ISTH 2011, Poster P-WE-491.
  • 4 Forsyth A et al. WFH 2012, Poster P-MO-199
  • 5 Nugent D et al. WFH 2012, Poster PO-MO-200
  • 6 Cassis F et al. WFH 2012, Poster PO-TU-148

 


 

Quelle: Presseveranstaltung „HERO Study Talk“ von Novo Nordisk am 10.7.2012 anlässlich des WFH-Kongresses in Paris (Frankreich).