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Jahrestagung der American Society of Hematology (ASH) 2015

Klinisch relevante Studiendaten zu lymphoproliferativen und myeloproliferativen Neoplasien

 

München (13. Januar 2016) - In der Vormittagssitzung des 32. Münchener Fachpresse-Workshops stand ein Rückblick auf den ASH, den weltweit bedeutendsten hämatologischen Fachkongress, auf dem Programm. Beim ASH wurden wichtige neue Studiendaten zu lymphoproliferativen und myeloproliferativen Erkrankungen präsentiert. Einige davon besitzen nach Auffassung von Prof. Martin Dreyling, München, das Potenzial, den klinischen Therapiestandard in naher Zukunft zu verändern. Als Beispiele nannte Dreyling unter anderem den Einsatz des „schmutzigen“ Multikinaseinhibitors Midostaurin in Kombination mit Standardchemotherapie bei Patienten mit neu diagnostizierter akuter myeloischer Leukämie (AML) und FLT3-Mutation sowie den Einsatz von Ibrutinib bei Patienten mit rezidiviertem Mantelzelllymphom. Prof. Clemens Wendtner, München, fasste die aktuellen Daten vom ASH zur chronischen lymphatischen Leukämie (CLL) zusammen.


Es gab erfolgversprechende Daten zum Einsatz der Dreierkombination aus Idelalisib mit Bendamustin/Rituximab bei Patienten mit rezidivierter/refraktärer (R/R) CLL und zur Kombination Bendamustin/Obinutuzumab in der Erstlinienbehandlung älterer Patienten, weiterhin zum Erstlinieneinsatz von Ibrutinib bei weniger fitten Patienten. Bedeutsam ist laut Wendtner auch der neue BCL-2-Inhibitor Venetoclax, der seine Wirksamkeit bei Patienten mit R/R CLL und 17p-Deletion unter Beweis gestellt hat. Im Bereich der myeloproliferativen Neoplasien wurden die finalen Daten der COMFORT-II-Studie vorgestellt, die die Wirksamkeit und Sicherheit des JAK-Inhibitors Ruxolitinib bei Patienten mit Myelofibrose und Splenomegalie im Langzeitverlauf belegen, so Prof. Martin Griesshammer, Minden. In den RESPONSE-1- und RESPONSE-2-Studien hat sich der JAK-Inhibitor zudem bei Patienten mit Hydroxyurea-resistenten/-intoleranten Patienten mit Polycythaemia vera bewährt – ganz gleich ob eine Splenomegalie vorliegt oder nicht.

 

 

Durchbruch in der Behandlung der AML

 

Bei Patienten mit AML konnte erstmals in einer randomisierten Studie ein positiver Effekt einer zielgerichteten Therapie nachgewiesen werden, berichtete Prof. Dreyling. Dies sei insofern bedeutsam, als sich der bisherige Therapiestandard bei der AML – Anthrazyklin plus Cytarabin – seit 30 Jahren nicht verändert hat. Es konnte gezeigt werden, dass der Multikinaseinhibitor Midostaurin in Kombination mit der Standardchemotherapie das Überleben von Patienten mit neu diagnostizierter AML und FLT3-Mutation verlängert(1). Die Mutation, die bei 30% der Patienten auftritt, stellt einen bedeutsamen Risikofaktor bei der AML dar, der darüber entscheidet, ob ein Patient einer allogenen Transplantation zugeführt wird oder nicht. Umgekehrt kann diese Mutation aber auch als therapeutisches Target genutzt werden, so geschehen in der Phase-III-Studie RATIFY, deren Daten beim ASH präsentiert wurden. Midostaurin ist ein oral applizierbarer potenter FLT3-Inhibitor – laut Dreyling ein „Dirty Drug“ –, der vergleichsweise unspezifisch verschiedene Rezeptortyrosinkinasen hemmt. 717 Patienten mit neu diagnostizierter AML und FLT3-Mutation erhielten randomisiert eine Standard-Chemotherapie aus Daunorubicin und Cytarabin mit Midostaurin (n = 360) oder Placebo (n = 357) für die Induktions- und Konsolidierungsbehandlung und dann über 1 Jahr nur Midostaurin oder Placebo als Erhaltungstherapie. 57% erhielten eine Stammzelltransplantation. Die Nachbeobachtungszeit betrug im Mittel 57 Monate. Mit 66% erreichten signifikant mehr Midostaurin-Patienten ein komplettes Ansprechen in der Induktions-Konsolidierungsphase im Vergleich zu 59% in der Placebogruppe (p = 0,045). Klinisch relevanter war laut Dreyling aber der Unterschied hinsichtlich des Gesamtüberlebens. Im Median überlebten die Patienten der Midostaurin-Gruppe 74,7 Monate, in der Placebogruppe 25,6 Monate (p = 0,0076). Nach 4 Jahren lebten noch 51,4% der Patienten, die mit Midostaurin behandelt worden waren, in der Placebogruppe waren es 44,2% (Hazard Ratio (HR) 0,77; p = 0,0074). Dies entspricht einem um 23% verringerten Todesrisiko durch die Midostaurin-Behandlung. Dreyling betonte, dass Midostaurin plus Chemotherapie nun „formal den neuen Therapiestandard bei der AML“ darstelle, doch sei Midostaurin für diese Indikation derzeit noch nicht zugelassen. Dennoch könne man bereits heute von einem „Dogmenwechsel in der Welt der AML“ reden.

 

 

DLBLC: Bortezomib unwirksam

 

Auch zum diffus großzelligen Lymphom (DLBCL) wurde beim ASH eine wichtige Studie vorgestellt, allerdings mit enttäuschendem Resultat. In der REMoDL-B-Studie, einer großen akademischen Studie mit über 1.000 Patienten, wurde untersucht, ob eine Zugabe des Proteasominhibitors Bortezomib zum Standard-Chemotherapieregime CHOP das Outcome der Patienten im Hinblick auf Ansprechrate und progressionsfreies Überleben (PFS) verbessern kann(2). In die Untersuchung gingen Patienten mit Keimzentrums-Lymphom und dem weiter ausgereiften, aktivierten B-Zell-Lymphom ein. Bei den letztgenannten ist retrospektiven Untersuchungen zufolge das Outcome in der Regel deutlich schlechter als bei den erstgenannten – was sich in der prospektiven REMoDL-B-Studie laut Dreyling allerdings nicht in dem Ausmaß bestätigte. Das entscheidende Ergebnis war, dass sich in der Studie in allen Subkohorten keinerlei Unterschiede im Ansprechen zwischen den Patienten des experimentellen Arms und des Kontrollarms zeigten, doch traten unter Bortezomib mehr Neuropathien auf. Dreylings Fazit: „Bortezomib scheint beim diffus großzelligen Lymphom keine Rolle zu spielen.“

 

 

Erfolge beim Mantelzelllymphom mit Ibrutinib

 

Der letzte Teil von Dreylings Vortrag befasste sich mit aktuellen Studiendaten zum Mantelzelllymphom (ML). In der Phase-III-Studie MCL3001, einer großen internationalen Studie in Zusammenarbeit mit dem Europäischen Mantelzellymphom-Netz, wurden die beiden zugelassenen Substanzen Ibrutinib und Temsirolimus bei Patienten mit rezidiviertem ML direkt miteinander verglichen(3). In die Studie gingen multipel vorbehandelte Patienten, überwiegend Hochrisikopatienten, ein, die nicht für eine Transplantation qualifiziert waren. Ibrutinib erwies sich Temsirolimus im Hinblick auf Wirksamkeit und Verträglichkeit als deutlich überlegen. Unter Ibrutinib zeigten 71,9% der Patienten (Intent to Treat-Population) ein Ansprechen gegenüber 40,4% unter Temsirolimus. Bei den Patienten der Ibrutinib-Gruppe hielt das Ansprechen auch deutlich länger an; einige Patienten waren auch nach zwei Jahren noch in anhaltender Remission. Ibrutinib war zudem deutlich besser verträglich als der mTOR-Inhibitor, bei dem vor allem Thrombozytopenien häufig aufgetreten waren. Dreyling wies ergänzend darauf hin, dass Ibrutinib aktuell in der Erstlinie in der Kombination mit Chemotherapie geprüft wird.

 

 

Chronische lymphatische Leukämie

 

Prof. Dr. Clemens Wendtner fasste in seinem Vortrag die aktuellen Daten vom ASH zur CLL zusammen, die nach Meinung vieler Experten die Highlights des hämatologischen Kongresses darstellten. Immerhin befassten sich über 13% der Abstracts beim ASH allein mit dieser lymphoproliferativen Erkrankung. Wie bei anderen malignen Neoplasien auch orientiert sich die moderne CLL-Therapie an individuellen Risikofaktoren, wobei sowohl zytogenetische Faktoren als auch patientenindividuelle Gegebenheiten wie Fitness und Komorbiditäten eine Rolle spielen. Durch die neuen Substanzen, die bisher vorwiegend in der Rezidivtherapie nach der klassischen Chemoimmuntherapie eingesetzt werden, kommt neuer Wind in die Therapiekonzepte bei der CLL.

 

 

Dreierkombination Idelalisib/Bendamustin/Rituximab im CLL-Rezidiv erfolgversprechend

 

Patienten mit CLL, die auf derzeitige Standardtherapien refraktär sind und ein Rezidiv erleiden, haben eine eher schlechte Prognose. Deshalb ist es von großer Bedeutung, auch für dieses Setting effektive Behandlungsoptionen zur Verfügung zu haben. Ein Highlight beim ASH, die Phase-III-Studie 115, beschäftigte sich laut Wendtner mit der Frage, ob das Outcome von Patienten mit rezidivierter/refraktärer CLL (R/R CLL) durch die Zugabe des PI3Kδ-Inhibitors Idelalisib zum „deutschen Rezidivstandard BR“ verbessert werden kann(4). Bislang ist die Substanz in der Kombination mit Rituximab zugelassen in der Erstlinienbehandlung von Hochrisikopatienten mit 17p-Deletion oder TP53-Mutation oder in der Rezidivtherapie. In der Studie hatten Patienten mit R/R CLL den Standard BR entweder in Kombination mit Idelalisib (150 mg BID; n = 207) oder in Kombination mit einem Placebo (n = 209) erhalten. Wie Wendtner berichtete, zeigte sich hinsichtlich des primären Endpunktes PFS ein signifikanter Vorteil zugunsten der Dreierkombination (23,1 vs. 11,1 Monate, HR 0,33; p < 0,0001), der sich auch in ein verlängertes OS übertrug (medianes OS in beiden Gruppen noch nicht erreicht; HR 0,55; p = 0,008). Auch im Hinblick auf die Gesamtansprechrate war die Dreier- der Zweierkombination überlegen (68% vs. 45%). „Das ist ein klarer Vorteil für die Dreierkombination mit Idelalisib“, konstatierte Wendtner. Aufgeklärt werden sollten die Patienten darüber, dass unter einer Behandlung mit Idelalisib Autoimmunhepatitiden auftreten können, die durch eine Aktivierung von T-Zellen verursacht würden. Diese seien häufiger, wenn Idelalisib früh im Therapiesetting eingesetzt werde, könnten aber im klinischen Alltag durch die Gabe von Kortikoiden kompensiert werden. „In der Regel können die Patienten weiter unter Idelalisib geführt werden“, so Wendtner. Im Gegensatz zum BTK-Inhibitor Ibrutinib erhöhe Idelalisib nicht die Blutungsneigung, betonte der Hämatologe.

 

 

BCL-2-Inhibitor erweitert therapeutisches Armamentarium im Rezidiv

 

Der BCL-2-Inhibitor Venetoclax, der aufgrund seines Wirkmechanismus bei CLL-Zellen Apoptose induziert, sorgte beim ASH ebenfalls für großes Aufsehen. In einer Phase-II-Studie (M13-982-Studie) wurde gezeigt, dass eine orale Monotherapie mit Venetoclax bei 107 Patienten mit R/R CLL mit 17pDeletion zu einer klinisch bedeutsamen Gesamtansprechrate von 79,4%, einschließlich kompletter Remissionen, bei akzeptabler Toxizität führte(5). Über 10% der Studienteilnehmer erreichten ein tiefes Ansprechen und bei über 20% der Responder war zudem keine minimale Resterkrankung (MRD) im peripheren Blut mehr nachweisbar. 107 Patienten hatten Venetoclax oral bis zum Progress oder bis zum Studienabbruch wegen anderer Gründe erhalten. 84,7% der Studienteilnehmer hatten ein lang anhaltendes Ansprechen auf Venetoclax (12MonatsSchätzung; mediane Dauer des Ansprechens noch nicht erreicht). Die Resultate für das PFS und OS nach 12 Monaten betrugen 72,0 % bzw. 86,7%. Die Toxizität war akzeptabel. Die häufigsten Grad3/4Nebenwirkungen waren Neutropenie (40%), Anämie (18%) und Thrombozytopenie (15%). Infektionen des oberen Atemtraktes vom Grad ≥ 3 wurden lediglich bei 2% der Patienten beobachtet. Die Problematik des Tumorlyse-Syndroms, die sich in Vorstudien gezeigt hatte, konnte durch langsame Eindosierung des Wirkstoffs auf die Tagesdosis von 400 mg weitgehend gelöst werden, betonte Wendtner. Auch zwei weitere Studien zu Venetoclax hätten den positiven Eindruck des BCL-2-Inhibitors bestätigt. So ergaben die vorläufigen Daten einer Phase-Ib-Studie, dass die Zugabe von Venetoclax zum Standard-Therapieregime BR bei Patienten mit R/R CLL zu einer nochmaligen Verbesserung der Ansprechrate auf über 80% führe, darunter 18% CR(6). Vorläufige Daten einer Untersuchung der Deutschen CLL-Studiengruppe (CLL14-Studie, run-in Phase) legen zudem nahe, dass auch die chemotherapiefreie Kombination aus Venetoclax und dem anti-CD20-Antikörper Obinutuzumab bei weniger fitten Patienten mit CLL sicher sei (7).

 

 

Bendamustin/Obinutuzumab neue effektive Erstlinienoption bei CLL

 

Eine Subgruppenanalyse der GREEN-Studie evaluierte die Wirksamkeit und Sicherheit der Kombination von Bendamustin und dem neuen Anti-CD20-Antikörper Obinutuzumab in der Erstlinienbehandlung von 158 Patienten mit CLL(8). Es wurde ein Gesamtansprechen von 78,5% erreicht – darunter waren 32,3% komplette Remissionen (CR). Noch bedeutsamer aber sei, dass nach der Behandlung knapp 60% der Patienten ohne nachweisbare minimale Resterkrankung (MRD) im peripheren Blut waren. Für Wendtner steht damit fest, dass Bendamustin/Obinutuzumab der zukünftige Therapiestandard insbesondere für ältere, aber durchaus noch fitte Patienten mit CLL werden und den bisherigen Therapiestandard Bendamustin/Rituximab ablösen wird. Mit der Zulassung der neuen Kombination werde im Laufe des Jahres 2016 gerechnet, so Wendtner.

 

 

Kann Ibrutinib in der Erstlinie Chlorambucil ersetzen?

 

Ein weiteres Highlight zum Thema CLL stellte nach Angaben von Wendtner die Phase-III-Studie RESONATE-2 dar, die sich der Frage widmete, ob in der Erstlinienbehandlung weniger fitter Patienten ohne genetische Hochrisikokonstellation (n = 269) Chlorambucil durch den BTK-Inhibitor Ibrutinib ersetzt werden kann(9). Das Ergebnis der Untersuchung war laut Wendtner überzeugend, wenngleich zweifelhaft sei, ob die Mehrzahl der Patienten wirklich so unfit gewesen war, wie das Studiendesign suggeriere. Die Ansprechrate unter Ibrutinib lag bei rund 86%, die unter Chlorambucil dagegen nur bei 35%. Der signifikante Benefit zugunsten von Ibrutinib übertrug sich auch auf das PFS (18,9 Monate unter Chlorambucil vs. nicht erreicht unter Ibrutinib, HR 0,16; p < 0,001) und sogar auf das Gesamtüberleben (OS), obwohl die Patienten der Chlorambucil-Gruppe später Ibrutinib außerhalb dieser Studie erhalten konnten. Die Nebenwirkungen der Ibrutinib-Therapie bestanden, wie aus Vorstudien bekannt, vor allem in Blutungen, die bei 40% der Patienten auftraten, darunter 8% schwere Blutungen (Grad 3/4).

 

 

Myeloproliferative Neoplasien – molekulare Diagnostik/Therapien auf dem Vormarsch

 

Prof. Martin Griesshammer, Minden, stellte die Highlights vom ASH zum Thema myeloproliferative Erkrankungen vor, speziell zum Thema Myelofibrose (MF) und Polycythaemia vera (PV). „Das Feld der myeloproliferativen Neoplasien explodiert seit etwa zehn Jahren, sowohl von der pathophysiologischen als auch von der therapeutischen Seite her“, sagte Griesshammer. Vor allem die Entdeckung der Treibermutationen JAK, CALR und MPL habe die Therapie dieser Erkrankungen enorm vorangebracht, da sich nun Targets für eine zielgerichtete Therapie ergeben hätten. Die Mutationen seien zudem häufig. So tragen über 90% der Patienten mit Myelofibrose eine der drei Treibermutationen und nahezu 100% der Patienten mit PV eine JAK-Mutation.

 

Wie Griesshammer berichtete, fand eine aktuelle Untersuchung auf der Basis eines 27 Gen Next Generation Sequencing (NGS)-Panels heraus, dass auch „nicht explosive“ Mutationen (Non driver mutations) eine große Bedeutung für die Prognose von Patienten mit primärer MF haben. Diese Mutationen kommen bei acht von zehn Patienten mit MF vor, sowohl bei den Patienten, die die bekannten drei Treibermutationen tragen, als auch bei tripel-negativen Patienten. In der Untersuchung erwies sich die Anwesenheit der Nicht-Treibermutationen ASXL1, CBL, RUNX1 und SRSF2 als prognostisch ungünstig, insbesondere wenn mehrere von ihnen gleichzeitig auftraten(10). Griesshammer: „Diese nicht explosiven Mutationen sind ganz klar ein negativer Prädiktor bei Patienten mit primärer MF.“

 

Die zweite von Griesshammer vorgestellte Studie befasst sich mit der Bedeutung der Knochenmarkfibrose bei Patienten mit primärer MF. Ziel der Untersuchung war es, den prognostischen Impact von diagnostischen Knochenmarkbiopsien zu analysieren. Die Untersuchung einer italienischen Arbeitsgruppe ergab, dass höhergradige Fibrosen ab Grad 2 – erhoben bei der Diagnosestellung der MF – prognostisch ungünstig sind(11). Sie korrelierten nicht nur mit klinischen und molekularen Variablen, sondern waren auch mit einem reduzierten Überleben assoziiert. Dies Ergebnisse sind laut Griesshammer klinisch relevant, da mit Hilfe der diagnostischen Knochenmarksbiopsien MF-Patienten identifiziert werden können, die trotz ihres vergleichsweise geringen Progressionsrisikos (niedrige und intermediäre Risikogruppe) schlecht auf Behandlungen ansprechen. „Möglicherweise könnten wir zukünftig mit Hilfe der Biopsien Patienten mit einer Fibrose ab Grad 2 identifizieren und sie unabhängig von ihrer Risikoklassifikation einer Transplantation zuführen“, so Griesshammer.

 

 

Myelofibrose: Ruxolitinib im Langzeitverlauf wirksam und sicher

 

Ein echtes Highlight beim ASH war für Griesshammer die Vorstellung der finalen Daten der Phase-III-Studie COMFORT-II bei Patienten mit MF, in der der (bei dieser Indikation zugelassene) JAK-Inhibitor Ruxolitinib gegen die beste verfügbare Therapie (BAT) getestet worden war(12). In die Studie waren Patienten mit primärer oder sekundärer MF eingeschlossen, die eine Splenomegalie und weitere Risikofaktoren aufwiesen. Es wurde überprüft, ob der positive Effekt von Ruxolitinib auf die Reduktion des Milzvolumens und auf die Reduktion der Symptome der MF, der sich in früheren Auswertungen der Studie gezeigt hatte, auch im Langzeitverlauf bestätigt werden konnte. Wie Griesshammer berichtete, kann die Frage eindeutig mit Ja beantwortet werden.

 

Bei 53,4% der Patienten unter Ruxolitinib blieb das exzellente Ansprechen auf die Behandlung über 5 Jahre erhalten. Ruxolitinib war BAT im Hinblick auf den primären Endpunkt Milzvolumenreduktion überlegen. Zudem bestätigte sich im Langzeitverlauf ein Überlebensvorteil der mit dem JAK-Inhibitor behandelten Patienten gegenüber den Patienten der BAT-Gruppe (4,1 Jahre unter BAT vs. noch nicht erreicht unter Ruxolitinib; HR 0,67; p = 0,06). Unter Herausrechnung des Crossovers von Patienten der BAT- in die Ruxolitinib-Gruppe, welcher aus ethischen Gründen bei Progredienz unter BAT erlaubt war, mittels RPSFT-Analyse war der Überlebensvorteil noch größer (HR 0,44). Die Patienten, die zunächst BAT erhalten hatten und dann auf Ruxolitinib gewechselt waren, sprachen auch insgesamt schlechter auf die Behandlung an als die Patienten, die das Medikament von Beginn an erhalten hatten. Nur etwa drei Viertel zeigten überhaupt ein Ansprechen (im Vergleich zu fast 100% unter Ruxolitinib von Beginn an) und nur gut 40% erreichten die „magische Grenze“ einer Milz-Volumenreduktion von mindestens 35%. Bei den Patienten, die über den ganzen Studienverlauf Ruxolitinib erhalten hatten, war zudem ein deutlicher Rückgang der JAK-Allellast um über 30% zu verzeichnen und – klinisch relevant – bei etwa der Hälfte der Patienten eine Verbesserung oder Stabilisierung der Fibrose. Dies wird als Hinweis auf den krankheitsmodifizierenden Effekt von Ruxolitinib gewertet. Insgesamt zeigten die „äußerst soliden Langzeitdaten“ der COMFORT-II-Studie, dass Ruxolitinib einen therapeutischen Durchbruch in der Behandlung von Myelofibrose-Patienten mit Symptomen und/oder Splenomegalie darstellt. Ob das Medikament auch für nicht symptomatische Patienten vorteilhaft sein könnte, müssten weitere Untersuchungen zeigen.

 

 

Polycythaemia vera: Patienten profitieren enorm von JAK-Inhibition

 

Im Anschluss stellte der Mindener Hämatologe zwei Untersuchungen zum Einsatz von Ruxolitinib bei Patienten mit PV vor. In der ersten Untersuchung, einer explorativen Analyse zu Daten der RESPONSE-1-Studie, ging es um die Frage, ob der JAK-Inhibitor sich nicht nur positiv auf den Hämatokrit von Hydroxyurea-resistenten/-intoleranten Patienten mit Splenomegalie auswirkt (für diese Indikation ist Ruxolitinib zugelassen), sondern auch die „weiße Reihe“ von Blutzellen günstig beeinflusst(13). Rationale der Untersuchung waren Hinweise, dass eine erhöhte Leukozytenzahl bei diesen Patienten an Komplikationen wie etwa Thrombosen sowie an der leukämischen Transformation beteiligt sein könnte. Im Hinblick auf den primären Endpunkt, die Hämatokrit-Kontrolle und die Reduktion der Splenomegalie, erwies sich Ruxolitinib der Vergleichstherapie (BAT) als eindeutig überlegen. Mindestens so interessant war jedoch, dass der JAK-Inhibitor bei Patienten mit erhöhter Leukozytenzahl ≥ 11.000 die Anzahl der weißen Blutzellen deutlich reduzierte und zwar binnen acht Wochen. Griesshammer: „Diese Daten geben uns Hoffnung, dass wir mit Ruxolitinib Komplikationen, wie etwa Thrombosen im Langzeitverlauf, möglicherweise besser kontrollieren können.“

 

In der Phase-III-Studie RESPONSE-2 wurde Ruxolitinib wie in der RESPONSE-1-Studie bei 149 Hydroxyurea-resistenten/-intoleranten Patienten gegen BAT getestet, doch gingen auch Patienten mit nicht palpablen Milzen in die Untersuchung ein(14). 47% der Patienten hatten trotz hoher Phlebotomieraten und dem Einsatz zytoreduktiver Medikamente vor der Randomisierung eine Leukozytenzahl ≥ 11.000, die mit einem erhöhten Risiko für thromboembolische Ereignisse assoziiert war. Die Patienten wiesen zudem ein breites Spektrum von Symptomen auf, insbesondere Fatigue, Konzentrationsprobleme, nächtliches Schwitzen, Pruritus, Knochenschmerzen und Inaktivität. Griesshammer: „ Wir haben in der Vergangenheit die Symptome der Patienten absolut unterschätzt und uns zu sehr auf die Kontrolle des Hämatokrits fokussiert:“ RESPONSE-2-zeige aber deutlich, dass auch bei Hydroxyurea resistenten/-intoleranten Patienten ohne tastbare Splenomegalie ein hoher „unmet medical need“ bestehe. Griesshammer deutete an, dass mit Ruxolitinib bei diesen Patienten ein therapeutischer Vorteil erreicht werden könne. Der primäre Endpunkt der Studie, die Hämatokrit-Kontrolle nach 28 Wochen, sei erreicht worden. Die entsprechende Publikation sei in Vorbereitung.

 

Dr. Claudia Schöllmann, Grasbrunn

 

 

Literaturverweise 

  1. Stone RM et al. ASH 2015; Abstract #6
  2. Davies AJ et al. ASH 2015; Abstract #812
  3. Rule R et al. ASH 2015; Abstract #469
  4. Zelenetz AD et al. ASH 2015; Abstract #LBA-5
  5. Stilgenbauer S et al. ASH 2015; Abstract #LBA-6
  6. Salles G et al. ASH 2015; Abstract #829
  7. Fischer K et al. ASH 2015; Abstract #496
  8. Stilgenbauer S et al. ASH 2015; Abstract #493
  9. Tedeschi A et al. ASH 2015; Abstract #642
  10. Tefferi A et al. ASH 2015; Abstract #350
  11. Guglielmelli P et al. ASH 2015; Abstract #351
  12. Harrison CN et al. ASH 2015; Abstract #59
  13. Miller CB et al. ASH 2015; Abstract #4070
  14. Passamonti F et al. ASH 2015; Abstract #2807

 


Quelle: 32. Münchener Fachpresse-Workshop mit Highlights vom ASH 2015 und SABCS 2015 am 13. Januar 2016 in München; Gemeinsame Sponsoren: AMGEN GmbH, Celgene GmbH, Gilead Sciences GmbH, MSD SHARP & DOHME GmbH, Novartis Pharma GmbH (tB).