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Doppelblind mit Hörgeräten?

Experten fordern neue Designs bei audiologischen Studien für Hörsysteme

 

Oldenburg (11. November 2010) - Etwa 15 Millionen Menschen leiden in Deutschland unter Schwerhörigkeit. Nur drei Millionen von ihnen benutzen ein Hörsystem wie z.B. ein Hörgerät oder Cochlea-Implantat. Aber wie groß ist der Vorteil, den man bei der Verwendung eines Hörsystems hat? Um dies beurteilen zu können, müssen die Wirksamkeit und der Nutzen der Hörsysteme genau nachgewiesen werden – während der Entwicklungsphase der Geräte und später individuell am Patienten. Wie aber misst man die Wirksamkeit von technischen Hörhilfen, insbesondere unter Berücksichtigung realistischer Alltagssituationen? Und wie kann die Aussagekraft dieser Studien mittels standardisierter und objektiver Verfahren erhöht werden? Mit der Beantwortung dieser Fragen beschäftigten sich Anfang November Experten aus Hörforschung und Hörsystementwicklung beim 1. Internationalen Workshop „Audiologische Studien für Hörsysteme“ im Oldenburger Haus des Hörens.

 

Hochrangige Vertreter der internationalen Hörgeräte- und Cochlea- Implantat-Hersteller kamen am 4. und 5. November in Oldenburg zusammen, um gemeinsam darüber zu diskutieren, wie audiologische Studien für die Bewertung von Hörsystemen verbessert und stärker vereinheitlicht werden können. „Der Bedarf, gemeinsame Standards für Hörgeräte-Studien zu entwickeln, ist enorm“, so das Resümee von Prof. Dr. Dr. Birger Kollmeier, der als wissenschaftlicher Leiter der HörTech gGmbH mit seinen Oldenburger Kollegen und Kolleginnen Gastgeber des internationalen Workshops war.

 

Für die Zulassung eines Hörsystems als Medizinprodukt müssen nach EU- Richtlinien die Sicherheit, Funktionsfähigkeit und die Leistungsfähigkeit des Produktes nachgewiesen werden. „Die Richtlinien sind klar definiert, nicht aber das Vorgehen zur Erbringung des Nachweises. Um aber zu vergleichbaren Aussagen zu kommen – beispielsweise wie gut die Sprachverständlichkeit im Störgeräusch funktioniert – benötigen wir einheitliche Untersuchungsmethoden. Bisher hat jeder Hörgeräte- und Cochlea-Implantat-Hersteller andere Vorgehensweisen, die insbesondere von Land zu Land sehr verschieden sind“, so Birger Kollmeier.

 

Wie werden audiologische Studien realitätsnäher, ohne an Objektivität zu verlieren? Die Durchführung audiologischer Studien für die Nutzenbewertung von Hörsystemen findet in der Regel in speziellen Untersuchungsräumen statt. „Hörgeräte müssen in der Anwendung aber komplexen akustischen Alltagssituationen gerecht werden. Es ist daher wichtig, die Laborsituation so realistisch wie möglich zu gestalten“, erklärt Dr. Melanie Zokoll-van der Laan, die im Oldenburger Haus des Hörens für das europäische Forschungsprojekt HurDig zuständig ist, im Rahmen dessen der Workshop stattfand. „Erfreulich ist, dass hier die Oldenburger Messprogramme, die das Sprachverstehen im Störgeräusch in einer annähernd realistischen Situation messen, bei den Teilnehmern des Workshops als sehr gut befunden wurden.“

 

Doppelblind mit virtuellen Hörgeräten: Untersucher und Proband testen „inkognito“ Neben den Messverfahren wurde aber auch das methodische Vorgehen der Studien selbst kritisch unter die Lupe genommen. Die sogenannten Doppelblindstudien, die bei der Erprobung von Medikamenten zum festen Standard gehören, lassen sich nicht direkt bei Hörgeräten umsetzen. Sie werden aber zunehmend auch für Hörsysteme gefordert. „Hier wollen wir auch in unserem Bereich mit Hilfe eines Computerprogramms ein virtuelles Verfahren entwickeln, bei dem weder der Untersucher noch der Proband weiß, welches Hörsystem gerade getestet wird“, erklärt Birger Kollmeier.

 

Internationale Arbeitsgruppen sollen Fortschritte vorantreiben Mit der Bildung spezifischer Arbeitsgruppen wurde auf dem internationalen Workshop in Oldenburg ein wesentlicher Grundstein für die Weiterentwicklung und Standardisierung audiologischer Studien für Hörsysteme gelegt. Diese befassen sich mit drei besonders wichtigen Bereichen, in denen Fortschritte erzielt werden sollen:

 

  • Wie können anhand von Testverfahren im Labor der Benefit und die Akzeptanz einer Versorgung mit Hörhilfen im alltäglichen Leben noch besser vorhergesagt werden?
  • Welche Testverfahren sind erforderlich und können soweit standardisiert werden, um die Anforderungen der Regulierungsbehörden in international anerkannter Weise erfüllen zu können?
  • Wie können bei der Erfassung der Lebensqualität hörspezifische Aspekte stärker berücksichtigt werden?

 

Antworten auf diese Fragen werden für den 2. Internationalen Workshop „Audiologische Studien für Hörsysteme“ erwartet, der im nächsten Jahr wieder unter der Leitung der HörTech gGmbH im Oldenburger Haus des Hörens stattfinden soll.

 

Die HörTech gGmbH wurde 2001 als Kompetenzzentrum für Hörgeräte- Systemtechnik vom Hörzentrum Oldenburg und der Universität Oldenburg gegründet. Ziel der gemeinnützigen Gesellschaft ist die Förderung von Wissenschaft und Forschung und die Gewinnung neuer Methoden und Erkenntnisse im Bereich des Hörens. Das Institut, das ursprünglich aus einem bundesweiten Wettbewerb des Bundesministeriums für Bildung und Forschung hervorgegangen ist, genießt mittlerweile internationale Anerkennung und leistet viel beachtete Grundlagenforschung zur Verbesserung von Hörgeräte-Technik. Die Mitarbeiter der HörTech gGmbH suchen nach neuen Möglichkeiten, Hörgeräte besser an die individuellen Bedürfnisse ihrer Träger anzupassen, sowie nach Methoden, die die Rehabilitation von Hörgeschädigten erleichtern. Für die wissenschaftliche Arbeit werden neueste Erkenntnisse über Audiologie und digitale Verarbeitung von Signalen zusammengeführt. Dabei greift die HörTech auf ein bundesweites Kompetenz-Netzwerk zurück. Sitz der HörTech gGmbH ist das „Haus des Hörens“ in Oldenburg. Das Projekt HurDig  wird mit Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert.

 


 

Quelle: Pressemitteilung HörTech, Kompetenzzentrum für Hörgeräte-Systemtechnik, 11.11.2010 (tB).