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Zieloffenes Arzt-Patientengespräch. Photo: Lundbeck DGIM-Kongress 2015

Henne oder Ei? Depression und Alkoholabhängigkeit gleichzeitig behandeln!

 

 

Mannheim (20. April 2015) - An einer Depression Erkrankte haben ein erhöhtes Risiko, alkoholabhängig zu werden.(1,2,3,4) Menschen mit einem behandlungsbedürftigen Alkoholkonsum wiederum haben ein signifikant höheres Risiko, eine Depression zu entwickeln als Patienten ohne ein Alkoholproblem.(1,2,5,6) Zudem fördert eine Alkoholabhängigkeit das Fortbestehen einer bereits bestehenden Depression.(5,6) Die oft aufkommende Frage „Henne oder Ei – was war zuerst da?“ kann meist nur schwer beantwortet werden. Viel wichtiger ist: Sowohl die Alkoholabhängigkeit also auch die Depression sollten therapiert werden, denn durch die gleichzeitige Behandlung verbessert sich der Verlauf beider Erkrankungen.

 

Neben Depression können auch Angsterkrankungen, Burnout, Stress und Schlafstörungen im Zusammenhang mit überhöhtem Alkoholkonsum stehen. Patienten mit einem behandlungsbedürftigen Alkoholkonsum kommen meist mit allgemeinen gesundheitlichen Beschwerden – möglichen alkoholbedingten Folgen – in die Arztpraxis und nicht zwingend wegen des zugrundeliegenden Alkoholproblems.(7) Daher sollten Ärzte diese psychiatrischen Auffälligkeiten auch zum Anlass nehmen, den Patienten vorsichtig auf seinen Alkoholkonsum anzusprechen.

 

 

Drei Fragen identifizieren den „Problemlöser“ Alkohol

 

„Das gleichzeitige Auftreten von Alkoholabhängigkeit und anderen psychischen Begleiterkrankungen wie depressiven Störungen oder Angst ist keine Seltenheit“, sagte Prof. Dr. Jens Kuhn, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Uniklinik Köln, im Rahmen des DGIM-Kongresses. 20 bis 30 % aller Menschen mit psychischen Störungen entwickeln im Laufe des Lebens eine Alkoholabhängigkeit. (8,9) „Oft wird Alkohol zunächst mehr oder weniger unbewusst als Therapeutikum, z.B. aufgrund der beruhigenden Effekte, der primären psychischen Erkrankung eingesetzt.“ Daher sollte der Arzt bei bestimmten Erkrankungen und Beschwerden auch einen überhöhten Alkoholkonsum in Betracht ziehen und das Thema „Alkohol“ ansprechen. Laut Dr. Petra Sandow, niedergelassene Fachärztin für Allgemeinmedizin in Berlin, kann der Arzt den Zugang zu diesem oft schwierigen Thema mit drei kurzen Fragen finden:

 

  1. Sie haben ja viel um die Ohren. Wie schaffen Sie das alles? / Für Beschwerde xy kann auch Stress eine Ursache sein. Haben Sie momentan viel Stress?
  2. Was machen Sie, um zu entspannen und um besser damit umgehen zu können? Beschreiben Sie gern einen typischen Tag.
  3. Trinken Sie ab und zu auch ein Glas Wein oder Bier? (An den meisten Abenden in der Woche?) / Nehmen Sie auch mal Tabletten oder machen sich eine Flasche Wein/Bier am Abend auf?

 

„Wer dem Patienten und seinen alltäglichen Belastungen empathisch Interesse und Anerkennung entgegenbringt, schafft es, dass der Patient sich öffnet, sich verstanden fühlt. Bei der Frage nach seinem Alkoholkonsum erlebe ich meist einen fast erleichterten Patienten, der das Thema ‚Alkohol‘ von selbst kaum angesprochen hätte“, so Sandow. „Auf den ersten Blick würde man jene Patienten nicht als alkoholabhängig bezeichnen, erst das gezielte Nachfragen bringt den krankhaften Alkoholkonsum zum Vorschein.“

 

Eine Reduktion des Alkoholkonsums kann bei diesen Erkrankten ein für den Patienten vorstellbarer Vorschlag sein, da er mit dem Alltag vereinbar ist. Die frühzeitige, in die neu entwickelte Leitlinie „Alkohol“(10) aufgenommene Reduktion im Einklang mit dem Patienten vermindert das Risiko alkoholbedingter Schädigungen und hat somit positive Auswirkungen auf die Gesundheit.(11) Eine medikamentöse Unterstützung der Reduktion bietet Selincro® (Nalmefen), das bei alkoholabhängigen Männern angewendet wird, die >60 g reinen Alkohol pro Trinktag konsumieren (z.B. ca. 1,5 l Bier mit 5 Vol.-%) bzw. Frauen, die >40 g (z.B. ca. 0,4 l Wein mit 12,5 Vol.-%) zu sich nehmen. Das Medikament bewirkt eine schnelle und langfristige Reduktion des Alkoholkonsums um rund 60 %.(12,13) Eine erfolgreiche Therapie hängt jedoch auch von der ärztlichen Beratung ab. „Die Erfahrungen, die wir in den vergangenen Jahren in der Diagnose und Behandlung von Depression gesammelt haben, müssen wir in den Bereich Alkoholabhängigkeit übertragen. Sprich: Das Tabu brechen, den Alkoholkonsum thematisieren und den Patienten motivieren, etwas zu ändern“, so Sandow. Eine Alkoholabhängigkeit entwickelt sich und besteht über Jahre bis Jahrzehnte – entsprechend muss sich auch eine Behandlung langsam aufbauen. Daher ist es ideal, den Patienten in einem Folgetermin zwei Wochen nach Therapiebeginn durch das Arzt-Patienten-Gespräch weiter zu motivieren.

 

 

Weiterdenken bei Depression

 

Die Mehrheit der Gesellschaft (etwa 65%) hat Depression als psychische Erkrankung anerkannt.(14) Aber vor allem im Arbeitsalltag stößt die Akzeptanz noch an ihre Grenzen. Denn neben der getrübten Stimmung kann der berufliche Alltag durch kognitive Symptome wie verminderte Konzentration, mangelnde Aufmerksamkeit und Entscheidungsunfähigkeit zu einer Herausforderung werden – für Arbeitnehmer und -geber. Die kognitiven Dysfunktionen können sich negativ auf die Arbeitsleistung und -zufriedenheit auswirken. Sie zählt, zusammen mit Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen, zu den am häufigsten genannten Symptomen depressiver Patienten und wird trotzdem oft unterschätzt.

 

Daher ist es wichtig, die kognitive Dysfunktion im Rahmen einer Major Depression als Outcomefaktor auch therapeutisch besser zu adressieren. Sie ist ein wichtiger Mediator für den Funktionsstatus und die Alltagskompetenz. „Denn die volle funktionale Wiederherstellung sollte wichtigstes Ziel der Depressionstherapie sein“, so Prof. Dr. Tillmann Krüger, leitender Oberarzt an der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Hochschule Hannover. Die Verbesserung der kognitiven Leistungsfähigkeit depressiver Patienten kann damit eine signifikante Bedeutung für das Erreichen einer funktionellen „Recovery” haben und die allgemeine Funktionsfähigkeit und Lebensqualität fördern. Studien zu Brintellix® (Vortioxetin) zeigen, dass das multimodal wirksame Antidepressivum ein Ansatzpunkt sein kann, um Depression und die Verbesserung kognitiver Funktion im Rahmen der Depression gemessen mit DSST und UPSA gleichermaßen pharmakologisch zu behandeln.(15,16) Außerdem ist Brintellix® auch bei älteren Patienten wirksam und sicher.(17) Neben der Sicherheit belegen Studien auch das vorteilhafte Verträglichkeitsprofil. Vortioxetin induziert weder Insomnie noch Somnolenz, ist gewichtsneutral, induziert keine klinisch signifikante QT-Zeitverlängerung und hat nur ein geringes Risiko für sexuelle Funktionsstörungen in den Dosierungen 5-15mg.(18) Ab dem 4. Mai 2015 ist Brintellix® (Vortioxetin) im Handel erhältlich.

 

 

Fazit für die Praxis

 

Augen auf, Beschwerden deuten, Chancen nutzen: Oft treten psychiatrische Erkrankungen parallel auf und stehen miteinander in Beziehung. Dies ist nicht immer auf den ersten Blick erkennbar. Durch eine empathische Ansprache kann der Arzt die Anzeichen erkennen, um sie dann gezielt parallel zu behandeln.

 

 

Über Brintellix® (Vortioxetin)

 

Brintellix® (Vortioxetin) ist ein multimodal wirksames Antidepressivum zur Behandlung von Episoden einer Major Depression bei Erwachsenen und wird zum 1. Mai 2015 auf dem deutschen Markt eingeführt. Es verbessert nicht nur die affektive Symptomatik, sondern kann zusätzlich kognitive Funktionen im Rahmen einer Depression verbessern.(15,16) Diese kann ein wichtiger Outcomefaktor für die funktionelle Leistungsfähigkeit der Patienten sein.

 

Das umfangreiche Studienprogramm bescheinigt Brintellix® neben einer robusten antidepressiven Wirksamkeit, in Kurz- und Langzeitanwendung, eine gute Verträglichkeit sowie ein günstiges Sicherheitsprofil. Seit dem 18. Dezember 2013 liegt die Europäische Marktzulassung für Brintellix® (Vortioxetin) vor.

 

 

Über Selincro® (Nalmefen)

 

Selincro® reduziert die verstärkende Wirkung von Alkohol auf das sogenannte „Belohnungssystem“, dessen Aktivität bei Alkoholabhängigen verändert ist (19) und verringert dadurch das Verlangen, Alkohol zu trinken. (20,21) Im Februar 2013 hat die Europäische Kommission die Zulassung erteilt. Seit 1. September 2014 steht Selincro® in Deutschland zur Therapie der Alkoholabhängigkeit bei Erwachsenen zur Verfügung, deren Alkoholkonsum sich auf mindestens „hohem Risikoniveau“(22) befindet (>60 g reiner Alkohol pro Tag für Männer, entsprechend ca. 3 Gläsern 0,2 l Wein; >40 g pro Tag für Frauen, entsprechend ca. 2 Gläsern 0,2 l Wein), die keine körperlichen Entzugssymptome haben und bei denen keine sofortige Entgiftung erforderlich ist. Selincro® sollte in Verbindung mit psychosozialer Unterstützung verordnet werden, die darauf abzielt, die Therapie fortzuführen und die Reduktion des Alkoholkonsums unterstützt. (23) In Studien sank der Alkoholkonsum, der sich anfänglich auf mindestens hohem Risikoniveau befand, nach sechs Monaten Behandlung mit Selincro® um mehr als 50 %: Die starken Trinktage (HDDs) sanken in ESENSE 1 von 23 auf 9 Tage pro Monat und der Gesamt-Alkoholkonsum (TAC) von 102 g auf 40 g pro Tag. (12) Nach einem Jahr verringerten sich die HDDs in der SENSE-Studie um 64 % von 19 auf 7 Tage pro Monat und der TAC um 67 % von 100 g auf 33 g pro Tag. (13)  Nach Anlage III Nr. 2 der Arzneimittel-Richtlinie „Mittel zur Behandlung der Alkoholabhängigkeit“ (24) sind Arzneimittel zur Unterstützung der Reduktion des Alkoholkonsums bei alkoholkranken Patienten für einen definierten Zeitraum von der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) erstattungsfähig.

 

 

Über Alkoholabhängigkeit

 

Alkoholabhängigkeit entsteht dadurch, dass Gehirnzentren des „Belohnungslernens“ durch Alkohol verändert werden und sich eine große Präferenz für alles entwickelt, was mit Alkohol in Verbindung steht. Unter Fortführung des Konsums entwickelt sich die Erkrankung progressiv. (25,26) Alkohol ist für die meisten Körperorgane schädlich, wobei die konsumierte Menge eng mit dem Risiko einer erhöhten Morbidität und Mortalität korreliert.(27) Alkohol ist ursächlicher Faktor für mehr als 60 Erkrankungen und Gesundheitsschäden. (28) Bei der Entstehung der Alkoholabhängigkeit spielen auch genetische und Umweltfaktoren eine wichtige Rolle. (29) Ein wesentliches Merkmal der Alkoholabhängigkeit ist der häufig übersteigerte Konsumwunsch, bedingt durch die hohe „Belohnungserwartung“ an den Alkoholkonsum. Die Patienten haben Schwierigkeiten, den Alkoholkonsum zu kontrollieren und konsumieren trotz der schädlichen Folgen weiterhin Alkohol. (30)

 

Übermäßiger Alkoholkonsum kommt in vielen Teilen der Welt und insbesondere in Europa häufig vor, wo über 14 Millionen Menschen alkoholabhängig sind. (31) Allein in Deutschland sind circa 1,8 Mio. Menschen an Alkoholabhängigkeit erkrankt. (32) Bei Patienten mit Alkoholabhängigkeit sollten bei einem umfassenden Behandlungsansatz sowohl Abstinenz als auch eine Reduktion als Einstieg in die Therapie berücksichtigt werden. (33)

 

 

Über die Lundbeck GmbH

 

Lundbeck ist ein international tätiges Pharmaunternehmen mit Gründungssitz in Kopenhagen, Dänemark. Das Unternehmen ist spezialisiert auf die Entwicklung und den Vertrieb innovativer Medikamente zur Behandlung von psychischen und neurologischen Erkrankungen. Lundbeck wurde 1915 in Dänemark gegründet und beschäftigt heute mehr als 5.800 Mitarbeiter in über 57 Ländern. Das „Unternehmen ZNS“ (www.lundbeck.de) hat seinen deutschen Firmensitz in Hamburg.

 

 

 

Quellen  

  1. Kessler RC, Crum RM, Warner LA et al. Arch Gen Psychiatry 1997; 54: 313-321
  2. Regier DA, Farmer ME, Rae DS et al. JAMA 1990; 264: 2511-2518
  3. Hasin DS, Tsai WY, Endicott J et al. J Affect Disord 1996; 41: 63-70
  4. Mueller TI, Lavori PW, Keller MB et al. Am J Psychiatry 1994; 151: 701-706
  5. Gilman SE, Abraham HD. Drug Alcohol Depend 2001; 63: 277-286
  6. Grant BF, Harford TC. Drug Alcohol Depend 1995; 39: 197-206
  7. Diehl A et Mann K. Dtsch Ärztebl 2005; 102: A 2244-2250 [Heft 33]
  8. Kessler et al. Am J Orthopsychiatr 1996; 66(1): 17-31
  9. Pettinati et al. Am J Psychiatry 2010; 167: 668-675
  10. AWMF. S3-Leitlinie “Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen”, 2015. Abrufbar unter: http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/076-001l_S3-Leitlinie_Alkohol_2015-02_02.pdf. - Zuletzt abgerufen im März 2015
  11. Anderson P, Baumberg B. Alcohol in Europe: A public health perspective. London: Institute of Alcohol Studies, 2006
  12. Van den Brink W et al. Alcohol and Alcoholism 2013; 48(5): 570-578
  13. Van den Brink W et al. J Psychopharmacol 2014; 28(8): 733-744
  14. Schomerus G, Matschinger H, Angermeyer MC. Psychiatry Res 2013; 209: 665-669
  15. Brintellix® Fachinformation, Stand: Februar 2015
  16. EPAR Brintellix®
  17. Katona C et al. A randomized, double-blind, placebo-controlled, duloxetine-referenced, fixed-dose study comparing the efficacy and safety of Lu AA21004 in elderly patients with major depressive disorder. Int Clin Psychopharmacol 2012; 27(4): 215-23
  18. Alvarez et al. 2012, Int J Neuropsychopharmacol 15: 589-600
  19. Heinz et al. Addict Biol 2009; 14(1): 108-118
  20. Kiefer F, Dinter C. Curr Top Behav Neurosci 2013; 13: 671-84
  21. Spanagel R, Kiefer F. Trends in Pharmacological Sciences 2008; 29(3): 109-15
  22. World Health Organization (WHO). International guide for monitoring alcohol consumption and related harm, 2000. Abrufbar unter http://whqlibdoc.who.int/hq/2000/WHO_MSD_MSB_00.4.pdf?ua=1. - Zuletzt abgerufen im November 2014
  23. Selincro® Fachinformation
  24. BAnz AT 12.05.2014 B1
  25. Von der Goltz C, Kiefer F. Der Nervenarzt 2008; 79(9): 1006-16
  26. Leshner. Science 1997; 278: 45-47
  27. Rehm et al. Eur Addict Res 2003; 9: 147-156
  28. WHO. Global status report on alcohol and health, 2011
  29. Schuckit. Ch. 98. In: Davis et al (eds). Neuropsychopharmacology: The Fifth Generation of Progress. 2002
  30. WHO, ICD-10, F10-19
  31. Wittchen et al. Eur Neuropsychopharmacol 2011; 21(9): 655-679
  32. Pabst et al. Sucht 2013; 59(6): 321-331
  33. Ambrogne. J Subst Abuse Treat 2002; 22(1): 45-53   

 


Quelle: Lundbeck, 24.04.2015 (tB).