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Chancen und Limitationen

Digitale Versorgungskonzepte in der Nephrologie

Berlin (12. September 2016) - Die Digitalisierung aller Lebensbereiche findet aktuell für alle Menschen in Industrienationen hautnah und fassbar statt. Nahezu jeder Mensch verwendet heute Smartphones. Zahlreiche Vorgänge der Kommunikation, aber auch der Geschäftstätigkeit, erfolgen mit digitaler Unterstützung. Es ist deshalb kein Wunder, dass dies auch die Gesundheitsbranche im Gesamten und die Nephrologie im Besonderen erfasst.


Der digitale Gesundheitsmarkt entwickelt sich dramatisch. Während 2013 weltweit 61 Mrd. US-Dollar umgesetzt wurden, werden für das Jahr 2020 233 Mrd. prognostiziert [1]. Marktforscher gehen davon aus, dass im Jahr 2015 165.000 Gesundheitsprogramme für das Smartphone vorhanden waren – „im Übrigen ein bisher völlig unkontrollierter Markt“, wie Prof. Dr. Mark Dominik Alscher, Stuttgart, Kongresspräsident der 8. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, betont.


Telemedizin und Telemonitoring im Gesundheitsbereich

Mobile Anwendungen werden das Gesundheitswesen in den kommenden Jahren auch ganz direkt beeinflussen und die klassischen Versorgungskonzepte verändern. Während frühere telemedizinische Anwendungen von hohen Technikkosten gedrosselt wurden, führen die modernen Möglichkeiten der Applikationen für Smartphones und Tablets zu deutlich reduzierten Kosten, so dass die Vorteile der Telemedizin nun zunehmend zum Tragen kommen [2-4] und diese Techniken zur Verbesserung der Betreuung chronischer Patienten breit eingesetzt werden können.
 
Eine weitere Entwicklung werden Geräte sein, welche über technische Neuerungen über das Internet Daten austauschen (Internet der Dinge) und kommunizieren. Die Zahl der Sensoren wird weltweit von 6,5 Mrd. 2016 auf 21 Mrd. 2020 ansteigen [5]. Zukünftig werden sich auch Daten aus dem Umfeld generieren lassen. Dies kann der Kühlschrank sein, der automatisiert seinen Inhalt berichtet, dies kann aber auch beispielsweise das Bewegungsmuster innerhalb der Wohnung des Patienten, seine körperlichen Aktivitäten, seine wesentlichen physiologischen Parameter und mehr sein.

Durch die zunehmende Anzahl mobiler Anwendungen, einer verbesserten Sensorik der Smartphones, auch durch die Entwicklung von Fibretronics, Kleidungsstücke mit implantierten Chips und Sensoren, wird dies ein sehr lebhaftes und offenes Feld sein [7] und neue Standards setzen: Bei Patienten mit chronischen Erkrankungen können diese Tools ein engmaschigeres Monitoring erlauben. Berücksichtigt werden muss, dass sich wahrscheinlich auch die Diagnostik in das persönliche Umfeld der Patienten verlagern werden wird („Lab-on-the-chip“). Weiter ist denkbar, dass Fachkräfte unterstützt mit digitalen Systemen („google-glasses“) Aufgaben übernehmen, bei denen früher der Arzt vor Ort war und bei denen er jetzt aus der Ferne zugeschaltet wird.


Aufgabe der medizinischen Fachgesellschaften

Bei all diesen möglichen Entwicklungen bedarf es einer kritischen Wertung, was dies für die Arzt-Patienten-Beziehung bedeutet und ob die jeweilige Qualität der Versorgung auch gewährleistet bleibt. Die Aufgaben medizinischer Fachgesellschaften werden darin liegen, einerseits Standards zu definieren, welche die Qualität sichern und die Reliabilität der Daten gewährleisten und andererseits die Rechte der Patienten zu stärken (Datenschutz, Recht auf Privatheit etc.),da die Grenze zwischen enger Betreuung und Überwachung fließend verläuft. Des Weiteren sollte die medizinischen Fachgesellschaften die Evidenzgewinnung um diese Entwicklungen auch wissenschaftlich zu begleiten. Die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) hat die Kommission „Digitale Nephrologie“ (Leitung: Dr. Stefan Becker, Essen) gegründet, um diesen Herausforderungen zu begegnen und die digitalen Möglichkeiten für das Fach sowie für die Patienten optimal auszuschöpfen.


Kann mHealth/eHealth die Dialyseheimverfahren stärken?

Die Heimdialyse entweder als Heim-Hämodialyse oder Peritonealdialyse sollte in den nächsten Jahren gefördert werden, da es gute Argumente dafür gibt, dass Patienten in einem Heimdialyseverfahren eine deutlich bessere Adhärenz, eine bessere Lebensqualität und – vermutlich aufgrund der höheren Kontinuität – auch eine höhere Dialyseeffizienz aufweisen. Die bisher geäußerten Bedenken gegenüber Heimdialyseverfahren wie den fehlenden Kontakt zu anderen Patienten, eine geringere ärztliche Begleitung, die Unsicherheit der Betroffenen und der Familie, die stärker mit Krankheit und Maschine konfrontiert und gelegentlich überfordert sind, und die Anforderung, einen zuverlässigen Partner zu haben, könnten durch den Einsatz neuer telemedizinischer Möglichkeiten überwunden werden. Telemedizinisch betreute Patienten haben die Sicherheit, dass sie rund um die Uhr medizinisch angebunden sind und sich das Dialysezentrum bei Auffälligkeiten mit ihnen in Verbindung setzt. Dadurch werden Heimdialyseverfahren für viele attraktiver. Dies gilt insbesondere für ländliche Regionen mit langen Transportwegen und -zeiten zu geeigneten Hämodialyse-Zentren.
 
Verschiedene „Player“ in der Nephrologie (große Dialyseanbieter, aber auch einige Industrie-unternehmen) haben bereits Anwendungen für Heimdialysepatienten erarbeitet. Die Lösungen reichen von „einfachen“ Apps, in welche die Patienten täglich ihre Daten händisch eingeben bis zu cloudbasierten Datenbanken, an die die Dialysemaschine und andere mit Sensoren ausgestattete Diagnostiktools (Waage, Blutdruckgerät, etc.) eigenständig und automatisch die Daten übertragen. Die Nephrologie nimmt heute eine Vorreiterrolle im Bereich moderner telemedizinischer Versorgungsformen ein, was zum einen daran liegt, dass nephrologische Patienten in der Regel chronisch krank sind und sich damit als Patientengruppe für solche telemedizinischen Versorgungskonzept anbieten, aber auch, weil die DGfN die (digitale) Zukunft mitgestaltet und sich aktiv in diese Entwicklungen einbringt.

Literatur

  1. Telgheder M. Zukunft der Medizin - Doktor Digital. Handelsblatt 2016 [updated 22.7.2016. Available from: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/zukunft-der-medizin-doktor-digital/13910444.html
  2. Gallar P, Vigil A, Rodriguez I et al. Two-year experience with telemedicine in the follow-up of patients in home peritoneal dialysis. J Telemed Telecare 2007; 13(6): 288-92
  3. Whitten P, Buis L. Use of telemedicine for haemodialysis: perceptions of patients and health-care providers, and clinical effects. J Telemed Telecare 2008; 14(2): 75-8
  4. Ong SW, Jassal SV, Miller JA et al. Integrating a Smartphone-Based Self-Management System into Usual Care of Advanced CKD. Clin J Am Soc N ephrol 2016; 11(6): 1054-62
  5. Gartner Says. 6.4 Billion Connected "Things" Will Be in Use in 2016, Up 30 Percent From 2015: Gartner; 2015 [updated 10.11.2015. Available from: http://www.gartner.com/newsroom/id/3165317


Weitere Informationen


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Nephrologie e.V. (DGfN) , 12.09.2016 (tB).