Drucken

Warum die Prävalenz chronischer Nierenerkrankungen zunimmt – und welche Menschen besonders gefährdet sind, im Laufe Ihres Lebens Dialysepatient zu werden

 

Prof. Dr. Christoph Wanner, Präsident des XLVII. ERA-EDTA/ II. DGfN congress 2010

 

München (25. Juni 2010) - Die Prävalenz von Nierenerkrankungen nimmt deutlich zu. Das ist zum einen der demographischen Entwicklung geschuldet – die Menschen werden älter und der Nierenfunktionsverlust ist auch eine Alterserscheinung. Doch die demographische Entwicklung allein erklärt nicht den steilen Aufwärtstrend der chronischen Nierenerkrankung (CKD). Auch die Tatsache, dass heutzutage die Patienten an der Dialyse länger überleben als noch vor zehn Jahren, kann den hohen Anstieg von Patienten, die einer Nierenersatztherapie bedürfen, nicht begründen.

 

Was wir derzeit beobachten, ist die „Quittung“ der massiven Ausbreitung sogenannter Wohlstandskrankheiten wie Diabetes mellitus, Bluthochdruck und Fettleibigkeit (Adipositas) während der letzten Jahre und Dekaden in den industrialisierten Ländern. Die CKD ist häufig eine direkte Folgeerkrankung von Bluthochdruck und Diabetes – Krankheiten, deren Vorkommen in den vergangenen Jahren dramatisch gestiegen ist und deren Auftreten zudem aufgrund der immer noch hohen Dunkelziffer nicht vollends abgeschätzt werden kann. Diese Krankheiten resultieren, vor allem wenn sie nicht oder unzureichend behandelt werden, Jahre später in einer chronischen Niereninsuffizienz. Der CKD-Anstieg kann also als direkte Folge der steigenden Anzahl von Diabetikern und Bluthochdruckpatienten gewertet werden. Und das Beunruhigende ist: Wir müssen befürchten, dass wir hier erst die Spitze des Eisbergs sehen.

 

Denn die Inzidenz von Diabetes ist in den letzten Jahren dramatisch gestiegen. Im Jahr 2007 litten weltweit 246 Millionen Menschen an Diabetes. Bis 2025 wird sich diese Zahl Schätzungen zufolge auf 380 Millionen erhöht haben [1] – und damit wird auch die Inzidenz der chronischen Nierenkrankheit, einer häufigen Folgeerkrankung von Diabetes, rasant zunehmen. Weltweit gehen bereits jetzt 40 % aller Neu-Dialysepatienten auf das Konto der diabetischen Nephropathie [2].

 

Nicht sehr viel besser sieht es im Bereich Bluthochdruck aus. Laut Angaben des Robert-Koch-Instituts [3] betrug bereits 1998 die altersadjustierte Hypertonieprävalenz in Europa 44% und in Deutschland sogar 55%. Die Situation hat sich in den letzten Jahren nicht verbessert. Viele Menschen bemerken nicht, dass ihr Blutdruck zu hoch ist und viele, die darum wissen, nehmen es nicht ernst. Sie gehen nicht zum Arzt oder nehmen ihre blutdrucksenkenden Medikamente nicht ein, da sie Bluthochdruck als „Unpässlichkeit“ abtun und nicht als das einstufen, was er ist, nämlich eine ernstzunehmende Erkrankung, die zu gravierenden Folgen wie Nierenversagen, Herzinfarkt oder Schlaganfall führen kann.

 

Demzufolge sind also Diabetiker und Menschen mit Bluthochdruck besonders gefährdet, eine chronische Nierenerkrankung zu entwickeln. Für sie ist die Früherkennung von Nierenerkrankungen von besonders großem Wert und sollte regelmäßig, mindestens jährlich durchgeführt werden. Denn früh erkannt kann die Erkrankung unter fachärztlicher Behandlung aufgehalten bzw. ihr Fortschreiten verlangsamt werden. In Deutschland zeigten sich bereits kleine Erfolge durch das Diabetiker Disease-Management-Programm, das regelmäßige Nierentests umfasst. Das Programm wurde 2002 gestartet und es trug erste Früchte, da bereits 2004 prozentual weniger Diabetiker an die Dialyse kamen. Leider stieg indessen deutlich der Prozentsatz der Dialysepatienten, deren Erkrankung auf eine vaskuläre Nephropathie, also auf Folgeschäden von Bluthochdruck zurückzuführen ist.

 

 

Abb. 1: Diagnoseverteilung der Patienten bei Therapiebeginn (Inzidenz) im Jahresvergleich. Quasi-Niere Bericht 2006/2007  

 

Abb. 1: Diagnoseverteilung der Patienten bei Therapiebeginn (Inzidenz) im Jahresvergleich. Quasi-Niere Bericht 2006/2007

 

 

Um die Inzidenz der CKD zu senken, sind also folgende Maßnahmen wichtig:

 

  1. 1. Sensibilisierung von Diabetiker & Patienten mit Bluthochdruck für ihre besondere Gefährdung und für regelmäßige „Nierenchecks“.
  2. 2. Senkung der Dunkelziffer dieser beiden Erkrankungen durch Aufklärungsarbeit.
  3. 3. Stärkung des Bewusstseins für Nierenerkrankungen und ihrer Prävention.

 

 

Literatur

 

  1. Sicree, R., J. Shaw, and P. Zimmet, Diabetes and impaired glucose tolerance., in Diabetes Atlas, 3rd edition, D. Gan, Editor. 2006, International Diabetes Federation: Brussels. p. 15-109.
  2. 2Yamagata, K., et al., Chronic kidney disease perspectives in Japan and the importance of urinalysis screening. Clin Exp Nephrol, 2008. 12: p. 1-8.


Quelle: XLVII ERA-EDTA Congress – DGfN Congress, München, 25.06.2010 (albersconcept) (tB).