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Mehr Pflegeaufwand, weniger Mittel

Der nephrologische Pflegeberuf in der „Kostenfalle“

 

Kerstin Gerpheide

 

Wiesbaden (8. April 2013) - Die Reduzierung der Wochenpauschale trifft das Pflegepersonal in den Dialyseeinrichtungen zum zweiten Mal unmittelbar. Schon die Einführung der Wochenpauschale 2002 führte zu personellen Veränderungen bei der direkten Versorgung von Dialysepatienten. Waren früher überwiegend 2 jährig weitergebildete nephrologische Fachpflegekräfte² und examinierte Pflegekräfte für die pflegerische Versorgung und Betreuung der Menschen mit chronischer Niereninsuffizienz und der angeordneten Durchführung der Nierenersatztherapie verantwortlich, so waren die Dialyseanbieter seit 2002 gezwungen mit dem Fortbildungscurriculum „Dialyse“ für Arzthelferinnen, preiswerteres Personal in den Einrichtungen auszubilden und einzusetzen. Die Wochenpauschale jetzt nochmals stufenweise, ohne finanzielle Not der Kostenträger, abzusenken, gefährdet die „noch“ gute Versorgungsqualität und die Patienten. Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Personalschlüssel mit durchschnittlich 1:6 (eine Pflegekraft betreut 6-10 Dialysepatienten) schon jetzt niedriger als im Vergleich zu anderen europäischen Ländern (z.B. Schweiz, Skandinavien haben einen Schlüssel von 1:4).

 

Die Aufgabenbereiche der Pflegekräfte in den Dialysezentren haben sich in den letzten Jahren von der technisch orientierten Behandlungspflege nun zu einer über viele Jahrzehnte dauernden ganzheitlichen Betreuung gewandelt. Der Anteil der älteren, multimorbiden und an Demenz erkrankten Dialysepatienten nimmt ebenso zu wie der zunehmend pflegerische Aufwand. Dialysepflichtigkeit bedeutet für die Patienten lebenslange Abhängigkeit vom Nierenersatzverfahren, Einschränkungen in der Ernährung und der Trinkmenge, viele Schmerzen wie zum Beispiel die 3xwöchentlichen Shuntpunktionen, die Einnahme von Minimum 15 Tabletten täglich und ein zeitlich aufwendiges Behandlungsregime. Dialyseinduzierte Erkrankungen wie Amputationen, Blindheit und Herzerkrankungen erfordern eine hohe Fachkompetenz des Dialyseteams. Unterbringungen im Heimen oder die notwendige Pflege zu Hause durch Angehörige oder Pflegedienste verlangen viel Organisation- und Schnittstellenmanagement. Das Überleben mit der Dialyse ist maßgeblich von der Qualität des Behandlungsteams abhängig. Hierbei ist in der nephrologischen Pflege, eine zunehmende Abkehr von der traditionellen pathophysiologisch medizinischen Sichtweise hin zu einem umfassenderen, auf Prävention und Gesundheitsförderung ausgerichteten Fokus mit Anwaltschaft (Advocacy) für die zu pflegenden Personen, Familien und Gemeinschaften erkennbar.1 Diesem Anspruch ist nur mit qualifizierten und gut ausgebildeten Fachpflegepersonal gerecht zu werden.²

 

Die nephrologische Pflege ist geprägt durch die Versorgung nierenkranker Menschen in den verschiedenen Stadien der Niereninsuffizienz. Sie betreut den nierenkranken Menschen vom Beginn der Erkrankung bis zum Tod. Die verschiedenen Versorgungssettings (Präventiv- Akut- Rehabilitation- Chronisch- Transplantation- Palliativ) und die unterschiedlichen Behandlungsverfahren (Akut- und Spezialverfahren, Peritoneal- und Hämodialyse und deren Heimverfahren, Überleitungsbetreuung bei Transplantation) verlangen eine hoch qualifizierte Pflegeleistung, sowohl individuell als auch gesellschaftlich und ökonomisch. Die seit Jahren zunehmende Arbeitsverdichtung bei steigender Pflegeintensität macht eigentlich eine Effizienzsteigerung notwendig. Deshalb hat die BANP hat eine Steigerung der Fachquote mit entsprechender Pflegefachweiterbildung im Bereich der Dialyse eingefordert.³ 

 

Aber wie soll es in Zukunft trotz weniger Geld möglich sein, im multidisziplinären Team mit den unterschiedlichen beruflichen Qualifikationen, eine höchstmögliche Versorgungs- und Behandlungsqualität für unsere Patienten zu gewährleisten? Mit der Kürzung der Wochenpauschale wird diese Frage nicht mehr zu beantworten sein.

 

 

Referenzen 

  1. Wiederhold D, Gerpheide K. Bundesarbeitsgemeinschaft Nephrologische Pflege (BANP): Definition der nephrologischen Fachpflege. Dialyse aktuell 2012; 16(6): 256-269
  2. Fernsebner T,  Bundschu M. Bundesarbeitsgemeinschaft Nephrologische Pflege (BANP): Kompetenzbasierter Rahmenlehrplan. Dialyse aktuell 2012; 16 (5, Sonderdruck BANP): 3–15
  3. Bundschu M, Fernsebner T. Bundesarbeitsgemeinschaft nephrologische Pflege (BANP): Position zur Personalsituation und -diskussion in Dialyseeinrichtungen. Dialyse aktuell 2012; 5: 272-273


 

Quelle: Statement von Kerstin Gerpheide (Bundesarbeitsgemeinschaft Nephrologische Pflege, BANP) anlässlich der Pressekonferenz der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie (DGfN) zum Thema "Discountermedizin statt Qualität" am 08.04.2013 in Wiesbaden(tB).