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Das Schlaganfallrisiko ist unter Neuroleptika erhöht – bei atypischen noch höher als bei typischen

 

SchlaganfallBerlin (14. November 2008) - Im Jahr 2002 gab es die ersten Berichte, dass atypische Neuroleptika möglicherweise bei Patienten mit Demenz das Schlaganfallrisiko erhöhen. In der Folgezeit wurde dies dann durch mehrere Studien belegt. Es war allerdings nicht bekannt, ob das Schlaganfallrisiko auch bei Patienten, die nicht wegen einer Demenz behandelt werden, erhöht ist. Dies untersuchte eine Studie aus England, deren Ergebnisse jetzt im Britisch Medical Journal veröffentlicht wurden.

Die Autoren hatten Zugriff auf die englische General Practice Research Database (GPRD), die Informationen von 6 Millionen versicherten Einwohnern Englands hat. In der Datenbasis wurden alle Patienten erfasst, die vor dem Jahr 2002 einen Schlaganfall erlitten hatten und mindestens ein Rezept für ein Neuroleptikum erhalten hatten. Dann wurden bei den betroffenen Patienten die Zeitperioden verglichen, in denen sie Neuroleptika einnahmen mit denen, in denen keine Medikamenteneinnahme erfolgte. Die Neuroleptika wurden in typische wie Phenothiazine, Haloperidol, Flupentixol und Sulpirid sowie Atypika wie Risperidon, Olanzapin, Amisulprid und Quetiapin unterteilt.

 

Für die Auswertung standen 6790 Patienten mit Schlaganfall zur Verfügung, die dieses Ereignis zwischen 1988 und 2002 erlitten hatten. 905 Patienten hatten ein atypisches Neuroleptikum und 6334 ein typisches Neuroleptikum erhalten. Das mittlere Alter der behandelten Patienten betrug 80 Jahre, und 64% waren Frauen. Bei 1423 Patienten lag zum Zeitpunkt der Erfassung eine Demenz vor. Vergleicht man die Zeitperioden, in denen die Patienten Neuroleptika erhielten, mit denen in denen sie keine erhielten, war das Risiko eines Schlaganfalls um den Faktor 1,73 erhöht. Die Risikoerhöhung betrug 1,69 für typische Antipsychotika und 2,32 für atypische Neuroleptika. Bei Patienten, die unter einer Demenz litten, war das Schlaganfallrisiko um den Faktor 3,5 erhöht. Erfasst man die Patienten, die dement waren und ein atypisches Neuroleptikum erhalten hatten, war das Schlaganfallrisiko um den Faktor 5,86 erhöht.

 

Offenbar sind also alle Neuroleptika mit einem erhöhten Schlaganfallrisiko assoziiert. Dieses Risiko ist für Atypika höher als für typische Neuroleptika und ist bei Patienten mit Demenz höher als bei Patienten ohne Demenz.

 

Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Neurologie DGN und der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde DGPPN:

 

Die Studie zeigt eindeutig, dass Neuroleptika das Schlaganfallrisiko erhöhen, dass Atypika dabei gefährlicher sind als traditionelle Neuroleptika und dass das Risiko insbesondere bei Patienten mit Demenz erhöht ist. Ein wesentlicher Nachteil dieser Untersuchung ist, dass andere Variablen, die das Schlaganfallrisiko beeinflussen können, wie beispielsweise Herzrhythmusstörungen nicht erfasst wurden. Diese Arbeit ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie große Datenbanken, z.B. in England, genutzt werden können, um wichtige wissenschaftliche Fragestellungen zu beantworten.
 
Diese englische Studie und eine ganze Reihe von anderen Studien belegen, dass es tatsächlich einen Zusammenhang zwischen der Einnahme von Neuroleptika und einem erhöhten Schlaganfallrisiko gibt.
Für die klinische Praxis hat dies allerdings nur geringe Auswirkungen, da ältere Patienten und insbesondere demente Patienten, die psychotisch werden, ja nicht unbehandelt bleiben können. Die Datenlage würde allerdings dafür sprechen, eher typische als atypische Neuroleptika zu verwenden (wenn dies von den Nebenwirkungen her machbar ist) und von Zeit zu Zeit zu überprüfen, ob die Indikation für die Gabe von Neuroleptika noch besteht. Wenn sich der Zustand des Patienten verbessert hat und die Neuroleptika nicht mehr notwendig sind, sollten sie abgesetzt werden.

Douglas IJ, Smeeth L. Exposure to antipsychotics and risk of stroke: self controlled case series study. BMJ. 2008; 337: a1227.

 


Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) vom 14.11.2008.