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ENS 2009: Neurologische Erkrankungen: Unterschätzte Krankheitslast

Viel versprechende neue Erkenntnisse zu Schlaganfall

 

Mailand, Italien (22. Juni 2009) – „Unterschätzte Krankheitslast: Jeder zehnte Europäer leidet unter einer neurologischen Erkrankung, Krankheiten wie Schlaganfall, Demenz, Parkinson, Multiple Sklerose oder Migräne sind für 35 Prozent der Gesundheitsausgaben in Europa verantwortlich. Die Gesundheitspolitik müsste daher dieser Krankheitsgruppe mehr Aufmerksamkeit schenken, fordern Experten bei der Jahrestagung der Europäischen Neurologengesellschaft in Mailand. Gute Nachrichten gibt es zum Thema Schlaganfall: Wichtige Fortschritte in Prävention und Behandlung verbessern die Chancen Betroffener.

 

Neurologischen Erkrankungen sind weit verbreitet, insbesondere in Europa, und verursachen erhebliche Kosten,“ sagt Professor José Ferro (Lissabon, Portugal), Präsident der Europäischen Neurologengesellschaft (ENS), die derzeit in Mailand ihre Jahrestagung abhält. Das wissenschaftliche Großereignis führt mehr als 2.900 Experten aus aller Welt in Italien zusammen. Aktuelle Trends und neue Erkenntnisse aus allen Bereichen der Neurologie werden diskutiert. „Erkrankungen des Gehirns und des zentralen Nervensystems, so zeigt eine Untersuchung, sind in Europa für den Verlust von 23 Prozent von in Gesundheit verbrachten Lebensjahren und für 50 Prozent der mit Behinderung verbrachten Lebensjahre verantwortlich,” betont Professor Ferro.  

 

UNTERSCHäTZTES GESUNDHEITSPROBLEM: EIN DRITTEL DER GESAMTEN KRANKHEITSLAST GEHT AUF DAS KONTO NEUROLOGISCHER ERKRANKUNGEN

 

Dem „Neurologie-Atlas“ der Weltgesundheitsorganisation WHO zufolge nimmt die Häufigkeit neurologischer Erkrankungen weltweit zu. Allein im EU-Raum erleiden mehr als eine Million Menschen pro Jahr einen Schlaganfall, etwa 45 Millionen Menschen  in Europa haben Migräne, rund fünf Millionen leiden an Demenz und mehr als 1,2 Millionen sind von Parkinson betroffen. Insgesamt leiden deutlich mehr als 50 Millionen Europäer an einer neurologischen Erkrankung. „Trotz ihrer Häufigkeit wird neurologischen Krankheiten in der Öffentlichkeit oder von Seiten der Gesundheitspolitik viel weniger Aufmerksamkeit geschenkt als zum Beispiel Herz-Kreislauferkrankungen oder Krebs“, kritisiert Professor Ferro. „Die Tatsache, dass etwa ein Drittel der Gesundheitskosten durch neurologische Erkrankungen verursacht werden, sollte sich auch in entsprechend gut ausgestatteten Budgets für Ausbildung, Forschung oder Prävention in diesem Bereich widerspiegeln. Außerdem müssen sich unsere Gesellschaften damit auseinander setzen, dass die Belastung durch neurologische Erkrankungen in den nächsten zehn bis 20 Jahren weiter steigen wird.“  

 

SCHLAGANFäLLE SIND ZWEITHäUFIGSTE TODESURSACHE

 

Dass auf dem ENS Kongress in Mailand viel Raum dem Thema Schlaganfall gewidmet ist, ist kein Zufall.  Der Hirnschlag hat sich zu einer der großen Herausforderung für Gesundheitspolitik und Medizin entwickelt. Weltweit ist der Schlaganfall heute die zweithäufigste Todesursache, und die häufigste Ursache für Behinderung im Erwachsenenalter in der industrialisierten Welt. Professor Ferro zitiert WHO Schätzungen, wonach „die Häufigkeit von Schlaganfällen bis 2020 um weitere 30 Prozent steigen wird.“ Auf dem ENS Kongress werden neue präventive und therapeutische Strategien diskutiert. „Wir müssen diese dramatische Entwicklung eindämmen, unter anderem, indem wir bekannte Strategien der Primär- und Sekundärprävention konsequenter umsetzen und indem wir die Sterblichkeit weiter senken. Das ist möglich, wenn konsequent gut untersuchte Methoden zur Anwendung kommen. Eine besonders wichtige Rolle spielt hier die Verfügbarkeit von spezialisierten Behandlungseinheiten, den Stroke Units.“  

 

PRIMäRPRäVENTION: RAUCHEN VERDOPPELT DAS SCHLAGANFALL-RISIKO – EXPERTEN PLäDIEREN FüR KONSEQUENTE RAUCHFREIHEIT IN öFFENTLICHEN RäUMEN

 

Besonders wichtig für die Experten ist es, Schlaganfälle überhaupt zu vermeiden. Hier gäbe es eine Reihe neuer Erkenntnisse, so Professor Ferro, die „unsere Praxis bereits verändert haben oder noch verändern werden.“

 

Neue Daten zur Primärprävention werden beim ENS Kongress in einem speziellen Symposium des ENS-Präsidenten präsentiert. Rauchen ist der Risikofaktor Nummer eins für Schlaganfall. „Eine  aktuelle Meta-Analyse von 22 Studien zeigt, dass Rauchen das Risiko, eine Schlaganfall zu erleiden, verdoppelt, und  dass  der Verzicht auf den blauen Dunst das Risiko um 50 Prozent reduziert,” fasst Professor Ferro neue Studienergebnisse zusammen. „Alle öffentlichen Orte konsequent rauchfrei zumachen würde also enormen Nutzen bringen.“  

 

SEKUNDäRPRäVENTION: ASPIRIN-DIPYRIDAMOL-KOMBINATION GENAUSO EFFEKTIV WIE CLOPIDOGREL – OPERATIONEN DER HALSSCHLAGADER SICHERER ALS STENTS  

 

Auch im Bereich der Sekundärprävention, wo es darum geht, bei Schlaganfall oder TIA-Patienten ein neuerliches Ereignis zu vermeiden, gibt es Neuigkeiten, so Professor Ferro:  „Bei diesen Patienten hat ein direkter Vergleich zwischen Clopidogrel und einer Kombination von Aspirin mit retardiertem Dipyridamol keine Unterschiede bezüglich der Wirksamkeit ergeben.” Beide Strategien erwiesen sich als etwas effektiver als Aspirin allein.

 

Eine andere wichtige sekundärpräventive Maßnahme sind Operationen der Halsschlagader. Solche Eingriffe verhindern das Risiko eines wiederholten Schlaganfalls oder das Sterberisiko bei Patienten mit einer mit einer schweren Karotis-Verengung. „In mehreren Studien wurde die Karotis-Operation mit dem Einsatz von Stents in die Halsschlagader verglichen“, berichtet Professor Ferro. „Innerhalb von 30 Tagen nach dem Eingriff ist das Sterblichkeitsrisiko oder das Risiko, einen neuerlichen Schlaganfall zu erleiden, bei Stent-Patienten signifikant höher.“  

 

THROMBOLYSE: ERWEITERTES BEHANDLUNGSFENSTER UND STENT-UNTERSTüTZUNG MACHT DIE THERAPIE FüR MEHR PATIENTEN MöGLICH

 

Bessere Chancen für Schlaganfall-Opfer bringe n die neuesten wissenschaftlichen Einsichten zur Thrombolyse, berichtet Professor Ferro. Dieses intravenös zu verabreichende Arzneimittel zur Auflösung von Blutgerinnseln hat die Überlebenschancen von Schlaganfall-Opfern deutlich verbessert. Medizinische Leitlinien und die Zulassungsbestimmungen sehen derzeit vor, dass die Thrombolyse nur in einem Zeitfenster von drei Stunden nach dem Einsetzen des Schlaganfalls angewendet werden soll.  

 

Die kürzlich veröffentlichte ECASS III Studie hat aber gezeigt, dass eine Behandlung mit der thrombolytischen Substanz Alteplase auch im Zeitraum von drei bis viereinhalb Stunden nach dem Schlaganfall nicht nur wirksam, sondern auch ebenso sicher ist wie im dreistündigen Zeitfenster. “Die neuen Erkenntnisse eröffnen jetzt auch einer Reihe von Patienten eine Behandlungsperspektive, die bisher nicht von der Thrombolyse profitieren konnten. Heute erreichen noch immer viele Patienten nicht innerhalb von drei Stunden die Klinik“, kommentiert Professor Ferro die Fortschritte. „Ich gehe davon aus, dass die Leitlinien und Zulassungen bald entsprechend geändert werden.“  

 

Auch ein anderer neuer Ansatz könnte die Möglichkeiten der Thrombolyse ausweiten. „Die endovaskuläre, Stent-unterstützte Thrombolyse erweist sich bei Patienten mit bestimmten Verengungen der inneren Halsschlagader als viel versprechende Behandlungsoption“, so Professor Ferro. Diese so genannten ICA-Stenosen sind oft die Ursache für Schlaganfälle von jüngeren Menschen und lassen sich mit der herkömmlichen Thrombolyse oft nicht behandeln.  

 

TELEMEDIZINISCH UNTERSTüTZTE THROMBOLYSE IST SICHER UND WIRKSAM

 

Die besten Behandlungsergebnisse werden erzielt, wenn ein Schlaganfall in einer spezialisierten Behandlungseinrichtung, einer so genannten Stroke Unit, therapiert wird. Während solche Spezialeinheiten in manchen Ländern flächendeckend zur Verfügung stehen, leben in andere große Teile der Bevölkerung außerhalb des Einzugsgebietes solcher Einrichtungen. Die technischen Möglichkeiten der Telemedizin allerdings erlauben es heute regionalen Krankenhäusern ohne Spezialisierung, Schlaganfallpatienten erforderlichenfalls vor Ort, aber mit der Unterstützung spezialisierter neurologischer Zentren zu behandeln. “Neuere Studien haben gezeigt, dass sich in derartigen telemedizinischen Projekten das Risiko eines Schlaganfallpatienten, zu sterben, oder eine dauerhafte Behinderung zu erleiden, um bis zu einem Drittel reduzieren lässt.“  

 

SCREENING BEI FAMILIäR GEHäUFTEN ANEURYSMEN

 

Etwa zwei Prozent der Bevölkerung haben ein Aneurysma, also eine Ausbuchtung an einem arteriellen Blutgefäß – häufig ohne davon zu wissen. Sie können jederzeit platzen und eine gefährliche Gehirnblutung verursachen. Risikofaktoren sind die Größe und bestimmte Lokalisierungen des Aneurysmas, aber auch die familiäre Prädisposition. „Es deutet heute viel darauf hin, dass hinsichtlich der Frage, wie sich ein Aneurysma entwickelt, genetische Faktoren eine wichtige Rolle spielen“, erklärt Professor Ferro. “Menschen, die zwei oder mehr Verwandte ersten Grades mit diesem Problem haben, sollten eine Vorsorgeuntersuchung machen lassen. Bei nur einem betroffenen Verwandten ist das nicht sinnvoll.“  

 

Abstracts

ENS abstract 1: Leys, Stroke prevention: research which changes practice.

ENS abstract 2: Hennerici, Expanding the opportunities for the treatment of acute stroke.

ENS abstract 3: Rinkel, Screening and management of unruptured cerebral aneurysms.

 


 

Pressemitteilung der European Neurological Society vom 22.06.2009.