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Plädoyer für ein Umdenken in der Medizin

Weg von der Bürokratie und von der Fließbandmedizin

 

Prof. Dr. Heinz Reichmann, 1. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie

 

Mannheim (21. September 2010) - In deutschen Zeitungen liest man immer häufiger von einem zunehmenden Ärztemangel. Nicht nur in Sachsen, wo ich arbeite, ist dieses Thema relevant, zunehmend auch in Ballungsräumen wie München, Berlin oder Düsseldorf. Andererseits wissen wir, dass auf jeden Studienbewerber, den wir für das Studium der Humanmedizin in Dresden zulassen, mehr als zehn Bewerber kommen, die bei uns keinen Studienplatz erhalten. Das führt dazu, dass sich manche Studenten einklagen und zusätzlich zu der vorgesehenen Zahl bei uns ausgebildet werden müssen.

 

Man kann daraus den Schluss ziehen, dass die Faszination, Arzt zu werden, ungebrochen ist. Wie kann es dann sein, dass wir zu wenige Ärzte haben und wohl in Zukunft noch weniger haben werden? Dies sind Fragen, denen sich nicht nur der Dekan Medizinischen Fakultät stellen muss, sondern auch die Politik.

 

 

Die Faszination, Arzt zu werden, ist ungebrochen

 

Wir müssen zunächst feststellen, dass die Gesamtzahl an Studienplätzen für Humanmedizin in Deutschland leicht reduziert wurde. Das kann man nachvollziehen, wenn man weiß, dass der Unterhalt einer Medizinischen Fakultät teuer ist und die Ausbildung eines einzigen Arztes den Steuerzahler mehr als 200 000 Euro kostet. Hat der Steuerzahler dann aber nicht das Recht, im KrankheitsfaIl rasch und uneingeschränkt Zugang zum Haus- oder Facharzt seiner Wahl zu erhalten? Niemand wird diesen Anspruch infrage stellen wollen. Warum muss man dann aber bisweilen bei einem vermuteten Magengeschwür, das noch nicht blutet, vier Monate auf eine Magenspiegelung warten? Warum muss man Monate warten, bis ein Augenarzt die richtige Brille verschreibt oder man seine Kopfschmerzen fachärztlich abgeklärt bekommt? Warum finden alte Menschen, die nicht mehr in die große Stadt fahren können, auf dem Land keinen Hausarzt mehr?

 

 

Abwanderung ins Ausland

 

Eine erste Antwort auf diese Fragen bietet die Erkenntnis, dass wir von den in Deutschland ausgebildeten Medizinern zu wenige haben, die letztendlich die Arbeit im Krankenhaus oder in der freien Praxis aufnehmen.

 

Wo bleiben diese Mediziner? Viele wenden sich nicht der aktiven Versorgung zu, sondern bevorzugen Arbeitsplätze in Behörden, der Fachpresse oder in forschenden Pharmaunternehmen. Andere wenden sich bewusst von der Krankenversorgung in Deutschland ab und wechseln ins Ausland.

 

Allein in die Schweiz sind 2008 immerhin 842 Ärzte ausgewandert. Jeder fünfte Arzt in der Schweiz hat ein ausländisches Arztdiplom. 56 Prozent davon sind Deutsche. Die meisten davon sind zwischen 25 und 34 Jahre alt! Wir finanzieren den Eidgenossen somit für die reine Ausbildung der Ärzte bislang eine Milliarde Franken.

 

Warum gehen viele unserer besten Absolventen ins Ausland oder entscheiden sich gegen die aktive Medizin? Sicherlich hängt sehr viel an der Arbeits‐ und Einkommenssituation.

 

Beginnen wir mit der Einkommenssituation. Ärzte benötigen ein Abitur, anschließend folgen ein sechsjähriges Medizinstudium und dann noch eine mindestens fünfjährige Facharztausbildung.

 

Daran kann man ersehen, dass es sehr lange dauert, bis man im angestrebten Beruf vollverantwortlich tätig werden kann. Diese lange Zeit des Lernens und Unterordnens wurde früher dadurch kompensiert, dass später eine gute Honorierung folgte, die zum Teil sicherlich überzogen war und die Ärzte als Superverdiener in Misskredit brachte. Heute ist es so, dass jüngere Arzte im Krankenhaus deutlich besser verdienen, als es früher der Fall war, die älteren können dann aber nicht mehr mit den hohen Einkommen früherer Zeiten rechnen, da ja das Geld im System nicht ständig mehr wurde. Beim Vergleich mit dem Ausland lassen sich daher nicht wenige junge Kollegen davon leiten, dass sie bei einem Wechsel in die Schweiz, in die skandinavischen Länder und ins vereinigte Königreich in Europa deutlich besser situiert sind.

 

Noch besser ergeht es den Kollegen, die sich im US‐amerikanischen System etablieren. Es ist für mich immer wieder verblüffend, wie viele junge deutsche ärztliche Kollegen ich bei Vorträgen in Großbritannien, der Schweiz oder Skandinavien treffe. Neben den finanziellen Anreizen geben diese Ärzte stets die besseren Strukturen und das bessere Arbeitsklima im Ausland an. Es scheint dort noch nicht die Fließbandmedizin Einzug gehalten zu haben, die viele junge Krankenhausärzte bei uns abstößt. Im neu etablierten DRG‐System werden nämlich Kliniken nicht wie früher nach belegten Betten, sondern nach behandelten Fällen bezahlt. Somit ist jeder Krankenhausträger bemüht, dass möglichst viele Patienten "durchgeschleust" werden. Trotz dieser Widernisse entscheiden sich immer mehr junge Arzte, im Krankenhaus zu bleiben, da dort ja mittlerweile auch geregelte Arbeitszeiten Einzug gehalten haben und eine sichere Einkommessituation herrscht.

 

Bei den niedergelassenen Kollegen ist die Situation noch bedrohlicher. Hier gibt es Berufsgruppen, die gut verdienen, aber so wichtige Berufsgruppen wie Hausärzte, Psychiater, Neurologen, Augenärzte oder Orthopäden rangieren am unteren Ende der Skala. Es ist zum Beispiel so, dass manche Neurologen in manchen Bezirken Berlins nach Abzug aller Verbindlichkeiten von ca. 2000 Euro leben sollen, bevor sie, ihre privaten Verbindlichkeiten (Wohnung, Essen, Kleidung) bezahlt haben.

Die Gesellschaft kann somit schlussfolgern, den Medizinern geht es nur ums Geld, und daher sind sie in der Jagd nach dem Mammon nicht mehr gewillt, in Deutschland zu arbeiten. Dies lesen wir häufig in anklagenden Zeitungsbeiträgen und in Kommentaren und Leserbriefen.

 

 

Strukturen machen mürbe

 

Wer so denkt, springt zu kurz. Der wahre Grund ist für die meisten, die nicht in Deutschland Krankenversorgung leisten wollen, ein ganz anderer. Es sind unsere Strukturen, die den altruistischsten jungen Menschen mürbe machen und zwingen, Alternativen zu erwägen. Wir Ärzte werden dazu missbraucht, immer mehr zu dokumentieren und immer weniger Zeit für den Patienten zu haben. In immer kürzeren Takten muss durch den "Fall" ein Einkommen für das Krankenhaus oder für die eigene Praxis generiert werden. Die Abrechnung mit den Krankenkassen, mit Ämtern und Behörden nimmt einen Hauptteil der täglichen Arbeitszeit ein. Durch ein jahrelanges Drohen ist persönlicher Haftung haben Arzte gelernt, ständig nach den preiswertesten Behandlungsformen zu suchen. Im Sozialgesetz steht, dass jeder Patient das Recht auf eine adäquate Behandlung hat. Wie soll man das aber gewährleisten, wenn man ein Budget hat, das diesen Anspruch gar nicht umsetzen lässt. Wie soll man Ärzten schmackhaft machen, dass sie bei Verbrauch ihres Budgets z.B. nach 6 Monaten im Rahmen der Quartalsabrechnung die nächsten vier Wochen umsonst arbeiten sollen. Stellen wir uns einmal vor, alle Geschäfte würden einen Monat lang im Quartal ihre Waren umsonst abgeben. Das erschiene widersinnig, nur in der medizinischen Versorgung wird es billigend in Kauf genommen. Wer das vorgeschriebene Budget nicht einhält, dem droht "Strafe", das heißt, es wird ihm angedroht, die überzogene Summe aus seinem Privatvermögen begleichen zu müssen.

 

Während man früher Patienten die aus Sicht des Arztes bestgeeignete Medikation verschrieb, das heißt Therapiefreiheit lebt, wird dem Arzt heute vorgeschrieben, welche Medikamente er verwenden darf und welche nicht erlaubt sind. Sollte er sich daran nicht halten, muss er diese Medikamente selbst finanzieren.

 

Belastend ist für Ärzte in privater Niederlassung, das heißt für unternehmerisch tätige Arzte, dass mehr Arbeit aufgrund der Budgetdeckelung nicht lohnt. Manche fliegen daher einmal im Quartal nach Großbritannien und können dort in zwei Wochen dieselbe Summe verdienen wie in acht Wochen zu Hause.

 

Die niedergelassenen Ärzte können sich ihres Honorars nie sicher sein, da die Kriterien durch die Kassenärztliche Vereinigung festgesetzt werden und zum Teil für die einzelnen Arbeitsgruppen nicht nachvollziehbar festgelegt werden.

 

Was kann die Politik gegen den Ärztemangel tun? Zum einen ist das sächsische Sozialministerium aktiv geworden, indem es jungen Ärzten die Niederlassung finanziell erleichtert und zum Beispiel österreichische Kollegen nach Sachsen einlädt. Aus meiner Sicht wäre es aber auch wichtig zu prüfen, ob tatsächlich in jedem Krankenhaus alle Abteilungen vorgehalten werden müssen oder ob man zumindest in Ballungszentren eine Zentrierung der medizinischen Leistungen in weniger Großkliniken organisiert, wodurch Ärzte für die ambulante Versorgung frei würden.

 

 

Angemessene Honorare

 

Den ärztlichen Kollegen sollte man mit einer Entbürokratisierung entgegenkommen, sie sollten sich bei angemessenem Honorar wieder dem Patienten widmen dürfen und von der Fließbandmedizin wegkommen. Dann würden junge Mediziner auch wieder eher bereit sein, sich in die aktive Versorgung in Deutschland einzubringen und nicht ins Ausland abzuwandern.

 

 

Autor

 

Prof. Dr. med. Heinz Reichmann

Dekan der Medizinischen Fakultät

Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurologie

Universitätsklinikum Carl Gustav Carus

Fetscherstr. 74

01307 Dresden

 

 


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN), 2109.2010 (tB).