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Im Verbund gegen den Hautkrebs

 

Würzburg (4. November 2008) - Jedes Jahr erkranken etwa 22.000 Menschen in Deutschland am schwarzen Hautkrebs; rund 3.000 sterben daran. Ärzte stehen dem Tumor häufig machtlos gegenüber. Ein Forschungsverbund soll nun neue Therapien entwickeln. Wenn der schwarze Hautkrebs nicht rechtzeitig erkannt wird, ist es oft schon zu spät: Das so genannte maligne Melanom bildet bereits zu einem frühen Zeitpunkt Tochtergeschwülste - Metastasen. Insbesondere für das metastasierte Melanom fehlen bislang effektive Behandlungsmöglichkeiten, da diese Metastasen oft unempfindlich gegenüber Chemo- oder Strahlentherapie sind. Zahlreiche Wissenschaftler aus ganz Deutschland wollen nun in einem nationalen Forschungsverbund neue Therapieverfahren gegen den schwarzen Hautkrebs entwickeln. Die Deutsche Krebshilfe fördert diesen Verbund mit 2,8 Millionen Euro. Von Seiten der Universität Würzburg beteiligen sich zwei Arbeitsgruppen an dem Verbund mit Untersuchungen an relevanten präklinischen Modellen.



Untersuchungen am Fisch

Moleküle und Prozesse, die bei der Entstehung der Tochtergeschwülste eine entscheidende Rolle spielen könnten, untersucht ein Team um Svenja Meierjohann und Manfred Schartl am Lehrstuhl für Physiologische Chemie I. "Wir arbeiten schon seit Langem mit einer bestimmten Fischart, die ebenfalls Hautkrebs entwickelt, und haben dabei Moleküle entdeckt, die sich als Marker oder als möglicher Ansatzpunkt für eine Therapie eignen könnten", erklärt Schartl.

Seit den 1920er-Jahren ist bekannt, dass nach der Kreuzung bestimmter Arten von Aquarienfischen, die zu den Zahnkarpfen gehören, bei den Nachkommen stets Hauttumoren entstehen. Durch die Kreuzung gerät nämlich ein Gen außer Kontrolle und löst die Krebsbildung aus. Die entstehenden Tumoren entsprechen dem bösartigen Melanom beim Menschen.

Überraschende Reaktionen im Organismus

Schartl hat dieses Krebsgen identifiziert und seine Eigenschaften beschrieben. Es enthält den Bauplan für ein Protein, das unter anderem die Zellteilung und die Zellwanderung in Gang setzt. Aufgrund einer Mutation ist das Protein bei den betroffenen Fischen fälschlicherweise dauernd aktiv. Als Folge entstehen schnell wachsende Hauttumoren, die sich stark ins umliegende Gewebe ausbreiten. Aber lassen sich die Erkenntnisse über Prozesse, die in einem Fischorganismus ablaufen, überhaupt auf den Menschen übertragen? Kein Problem, sagt Schartl: "Krebs ist eine Erkrankung der Zellteilung. Das ist ein so basaler Prozess, da steht der Fisch dem Menschen sehr nahe".

Die Genetik ist bekannt, und die Prozesse, die ablaufen, wenn sich eine normale Pigment- in eine Melanomzelle verwandelt, sind großteils verstanden, so Schartl. Dennoch tauchen im Organismus immer wieder andere Reaktionen auf als vorhergesagt. "Das Wissen reicht einfach noch nicht aus, um es in eine klinische Anwendung münden zu lassen". Der neue Forschungsverbund werde daran arbeiten.

Das Stufenmodell der Tumorentwicklung

An der Spitze des zweiten Teilprojekts, an dem die Universität Würzburg beteiligt ist, steht Jürgen Becker. Der leitende Oberarzt der Universitäts-Hautklinik forscht schon seit vielen Jahren an Melanom-Metastasen. Für seine Arbeiten erhielt Becker unter anderem den Deutschen Hautkrebspreis (2001) und den Deutschen Krebspreis (2004). Jetzt will Becker an Tieren genauer erforschen, wie das Melanom entsteht. "Es gibt die Theorie, dass bestimmte Tumorarten sich in Stufen entwickeln", sagt Becker. Nach diesem von Bert Vogelstein ursprünglich für das Kolonkarzinom vorgeschlagene Model stehen am Anfang immer normale, reguläre Zellen; dann folgt eine Phase des vermehrten Wachstums, das aber immer noch gutartig ist, bis am Ende der bösartige Tumor sein zerstörerisches Werk treibt. Der Mediziner will in seinem Teilprojekt diese verschiedenen Stadien genauer unter die Lupe nehmen. "Wir wollen unter anderem herausfinden, wann die ersten Veränderungen auftreten, wann sich der Übergang von gut- zu bösartig vollzieht und welche molekularen Veränderungen damit einhergehen; aus diesen Erkenntnissen erhoffen wir eine geeignetes Ziel zu definieren um erfolgreich therapeutisch eingreifen zu können", sagt Becker.

Schon seit vielen Jahren forscht Becker über den schwarzen Hautkrebs. In dieser Zeit hat er deutliche Fortschritte erlebt: "Wir verstehen heute sehr viel besser, wie sich ein Melanom entwickelt, und sind von daher in der Lage, ganz neue Ansätze für eine Therapie zu entwickeln", sagt der Hautarzt. Mit diesem Wissen - und weil Melanom nicht gleich Melanom ist - könnten Ärzte heute sehr viel spezifischere und damit für die Patienten schonendere Behandlungen anbieten.

Neue Erkenntnisse dank des interdisziplinären Ansatzes

Trotzdem ist Becker mit dem bisher Erreichten nicht zufrieden: "Das maligne Melanom spricht bei Weitem noch nicht so gut auf unsere Therapien an, wie es wünschenswert wäre", sagt er. Neue Erkenntnisse erhofft sich Becker von dem Verbundprojekt. Der interdisziplinäre Ansatzpunkt verspreche ganz unterschiedliche Sichtweisen, die am Ende möglicherweise zu ganz neuen Erkenntnissen führen können.

An dem von der Deutschen Krebshilfe geförderten Verbundprojekt sind elf universitäre Kliniken und Institute in Berlin, Bonn, Essen, Heidelberg, Jena, Köln, Lübeck, Regensburg, Rostock, Tübingen und Würzburg eng beteiligt. Die Förderdauer beträgt drei Jahre, Sprecherin des Forschungsverbunds ist Professor Dr. Anja Bosserhoff vom Institut für Pathologie der Universität Regensburg.

Kontakt
Prof. Dr. Manfred Schartl, T: (0931) 888-4149, E-Mail:
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Prof. Dr. Jürgen C. Becker, T:(0931) 201-26396 , E-Mail:
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Quelle: Pressemitteilung der Julius-Maximilians-Universität Würzburg vom 04.11.2008.