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22 | 03 | 2017
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Arzneimittelinteraktionen in der Schmerztherapie – ein vielfach unterschätztes Problem

 

Aachen, Berlin, Limburg/Lahn (3. Dezember 2015) - Wie vielseitig das Thema Arzneimittelinteraktion ist, zeigte sich bei einem gemeinsamen Symposium der drei forschenden Pharmaunternehmen Grünenthal, Mundipharma und Pfizer im Rahmen des Deutschen Schmerzkongresses 2015 in Mannheim, das bereits zum vierten Mal in Folge stattfand. Unter dem Motto „Gemeinsam gegen den Schmerz“ diskutierten Experten aus Praxis, Pflege und Krankenhaus über die Auswirkungen auf Schmerzpatienten, die täglich eine Vielzahl unterschiedlicher Medikamente einnehmen.


Arzneimittelinteraktionen sind nicht per se negativ. Darauf machte Dr. Markus Faust, Hamburg-Wandsbek im Rahmen des gemeinsamen Symposiums aufmerksam und verwies auf deren positiven Seiten, wie sie etwa in der Kombinationstherapie bei Diabetes und Hypertonie genützt würden. „Auch in der Schmerztherapie ist es gang und gäbe, mehr als ein Schmerztherapeutikum zu verordnen“, sagte Faust. Was gezielt eingesetzt von Nutzen ist, kann unkontrolliert erheblich schaden: 5-10 Prozent aller Krankenhauseinweisungen gehen auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen zurück. Arzneimittel-Interaktionen machen 20-30 Prozent aller Arzneimittel-bedingter Todesfälle aus.

 

Als zentrale Ursache kann eine zunehmende Polymedikation angesehen werden, die insbesondere in der ständig wachsenden Gruppe der älteren Menschen weit verbreitet ist. So nimmt in der Altersgruppe der über 65jährigen 42 Prozent mindestens fünf, 20 Prozent mindestens zehn Medikamente und bei den über 75jährigen 58 Prozent mehr als sechs Medikamente täglich ein.

 

 

Herausforderungen der hausärztlichen Schmerzversorgung

 

Die Polymedikation stellt für Hausärzte eine große Herausforderung dar. „Als Hausarzt muss ich alle Medikamente eines Patienten beurteilen können, nicht nur die internistischen. Und ich sollte Arzneimittelinteraktionen vermeiden“, erklärte Dr. Stefan F. Regner, hausärztlicher Internist aus Mainz. Zu bedenken sei außerdem, dass viele Patienten OTC-Präparate wie Schlafmittel und Johanniskraut einnehmen und dies verschweigen. „Hier gibt es oft gefährliche Wechsel- und Nebenwirkungen.“ Als erste Anlaufstelle für Patienten mit meist multiplen Schmerzlokalisationen müssen Hausärzte eine Schmerztherapie einleiten, die im Einklang mit der Medikation ihrer in der Regel multimorbiden Patienten steht. Regress- und Termindruck würden die Situation verschärfen. „Wir haben in den Praxen vor allem mit Rückenschmerzpatienten zu kämpfen, die häufig wiederkommen“, so Regner. Denn Hausärzte agieren nicht im neutralen Raum. Nicht nur Kassenärztliche Vereinigungen und Krankenkassen, sondern auch Patienten, Angehörige und Lebenspartner sowie Fachärzte und Krankenhaus, der Pflegedienst, Apotheken und Medien würden auf die Therapie Einfluss nehmen.

 

Für multimorbide Patienten eine Schmerzmedikation zu finden, die sich ohne Wechsel- und Nebenwirkungen integrieren lässt, ist sehr schwierig. Klassische NSAR kämen in der Regel nicht in Frage. „Coxibe haben ein geringeres Nebenwirkungsprofil, so dass sie leichter zu handhaben sind“, sagte Regner. Bei chronischen Rückenschmerzen und Niereninsuffizienz gäbe es Vorteile im Bereich der Opioide. Viele Hausärzte können jedoch mit BTM-Arzneimitteln nur schlecht umgehen. „Sie sind unsicher, welche Wechselwirkungen sie bei ihren multimorbiden älteren Patienten hervorrufen“, erklärte Regner. Es gälte insbesondere bei älteren Patienten eine Vielzahl an Einflussfaktoren wie verminderte Kognition, Herzinfarkt, Schlaganfall, Leistungsabbau und altersbedingte Parameter zu beachten.

 

„Insgesamt ist es im Alltag sehr schwer, mit der Multimedikation zurechtzukommen. Hier brauche ich Hilfsmittel wie das Arzt-Informationssystem, das mich auf Arzneimittelinteraktionen aufmerksam macht“, erklärte Regner. Solche Systeme sollten seiner Ansicht nach auf allen Arztcomputern hinterlegt und als App auf dem Handy von Ärzten installiert sein. „Die moderne Technik erleichtert uns die Aufgabe, die Polypharmazie etwas besser unter Kontrolle zu bekommen.“

 

 

Tatort Krankenhäuser und Kliniken

 

In der Klinik sind nach Ansicht von Faust viele unerwünschte Arzneimittelinteraktionen das Ergebnis suboptimaler Kommunikation von in der Klinik Tätigen und einer nicht optimal abgestimmten Klinikstruktur. „Wir haben ein großes Behandlungsteam mit hoher Fluktuation. Und jeder Stationsarzt hat eigene Ideen, deren Umsetzung mangels Zeit nicht immer sauber dokumentiert wird“, erklärte Faust. Durch den häufigen Wechsel blieben Nebenwirkungen und Arzneimittelinteraktionen oft unerkannt. Eine schlechte Patienten-Compliance stelle auch in der Klinik ein Problem dar. „Es ist immer wieder überraschend, was sich in den Schubladen findet. Tabletten, Kapseln und von zu Hause mitgebrachte Medikamente“, wunderte sich Faust. Unklare Anordnungen von Seiten der Ärzte und Übertragungsfehler in den Medikamentenplänen würden das Problem weiter verschärfen.

 

Möglichkeiten zur Reduktion von Medikamenteninteraktionen sieht Faust in allen Bereichen einer Klinik. „Eine gründliche Anamnese und die Kommunikation mit dem Patienten, damit er versteht, warum er etwas einnehmen soll, halte ich für zentral“, so Faust. Ebenso wichtig schätzt Faust die Überprüfung der Medikation auf ihre Notwendigkeit ein. Oft könne auf gewohnheitsmäßige Dauertherapien und Bequemlichkeitsverordnungen verzichtet werden.

 

In diesem Zusammenhang rät Faust dazu, auch Auslassversuche zu probieren, insbesondere dann, wenn starke Analgetika verabreicht werden. „Und wir müssen Symptome überprüfen, ob sie Ausdruck einer Erkrankung oder einer Arzneimittelwirkung sind.“ Für jeden Patienten sollte ein eindeutiger Medikamentenplan aufgestellt und vom Kliniksystem auf Interaktionen hin überprüft werden. Um sicher zu stellen, dass der optimierte Medikamentenplan auch nach Klinikentlassung eingehalten wird, ist es nach Faust notwendig, diesen einfach zu halten. Außerdem müssten Patienten die Notwendigkeit der Medikamenteneinnahme verstehen und der weiter behandelnde Arzt seine Zusammenstellung nachvollziehen können.

 

 

Die Kunst, das rechte Schmerztherapeutikum zu finden

 

Wie schwierig es ist, bei multimorbiden Patienten eine Schmerztherapie ohne bedeutende Arzneimittelinteraktionen zu finden, demonstrierte Prof. Dr. Christoph Maier von der Ruhruniversität Bochum, anhand einer 81jährigen Patientin, die leitliniengerecht 10 verschiedene Medikamente erhielt. „Gehen Sie nicht nach Tabellen, was toxisch ist und was nicht, sondern sehen Sie sich immer den einzelnen Patienten an“, so der Rat des Experten. Und weiter: „Ich nehme alle Substanzen weg, die nicht notwendig sind oder bei einer zusätzlichen Schmerzmedikation gefährliche Interaktionen hervorrufen könnten.“ Im vorgestellten Fall rät Maier dazu, den selektiven Serotoninreuptakeinhibitor (SSRI) Citalopram weg zu lassen. „Der SSRI gehört sicher zu den ‚vergessenen‘ Medikamenten.

 

SSRI können wie NSAR gastrointestinale Blutungen verursachen. Die Kombination von beiden erhöht das Risiko um den Faktor 8“, erläuterte Maier seine Entscheidung. Auch PPI seien alles andere als ein harmloses Medikament. Neben gastrointestinalen Störungen werden sie u.a. für Leberfunktionsstörungen, interstitielle Nephrititis und Störungen im Knochenumbauprozess verantwortlich gemacht. Da PPI beim Absetzen schwere Rebound-Phänomene hervorrufen können, seien Patienten jedoch nur schwer davon zu überzeugen, dass sie das Medikament nicht weiter einnehmen sollten, so Maier zur Absetzproblematik. Alle Schmerzmedikamente seien mit Vorsicht zu handhaben. Die Wahl sollte immer von den individuellen Risiken eines Patienten bestimmt werden. „Für jedes Analgetikum sollte die niedrigste wirksame Dosis verwenden werden. Was nicht wirkt, absetzen“, so der Rat des Schmerzexperten. Außerdem rät auch er, Auslassversuche vorzunehmen.

 

Traditionelle NSAR hätten das Image, leichte und harmlose Medikamente zu sein, da sie in der Apotheke rezeptfrei erhältlich sind, „was ich persönlich für ein Desaster halte. Sie sind eines der gefährlichsten Medikamente“, sagte Maier. Neben den allgemein bekannten gastrointestinalen Risiken läge unstrittige Toxizität für Niere, Leber, Haut, Gerinnungssystem, ZNS und Lunge vor. Darüber hinaus können sie erhebliche kardiovaskuläre Probleme verursachen. „In Deutschland werden NSAR und Psychopharmaka von den Patienten meist verschwiegen“, so Maier. Dies sollte mit berücksichtigt werden. Coxibe wären hier nur bedingt geeignet und Paracetamol oft keine Ausweichlösung. Die Wirksamkeit von Paracetamol sei oftmals nur gering, die Nebenwirkungen hingegen beträchtlich.1 „Opiate, wenn sie in diesen Fällen richtig eingesetzt werden, machen keine Probleme“, sagte Maier. Lediglich bei COPD, Schlafapnoe und anderen Atemwegserkrankungen sollten sie so spät wie möglich eingesetzt werden.²

 

 

Quellen 

  1. Cazacu I, Mogosan C, Loghin F. Safety issues of current analgesics: an update. Clujul Med. 2015;88(2):128-36.
  2. Wehling M, Burkhardt K (Hrsg.). Arzneitherapie im Alter. Springer Verlag, Berlin, Heidelberg, New York, 2013. FORTA List: http://www.umm.uni-heidelberg.de/ag/forta/

 

Über Grünenthal

 

Die Grünenthal Gruppe ist ein unabhängiges, international tätiges, forschendes Pharmaunternehmen in Familienbesitz mit Konzernzentrale in Aachen. Wir sind ein unternehmerischer Spezialist, der den Patienten echten Nutzen bringt. Durch unsere nachhaltige Investition in Forschung und Entwicklung über dem Branchendurchschnitt verpflichten wir uns der Innovation, um medizinische Versorgungslücken zu schließen und nutzenbringende Produkte auf den Markt zu bringen. Grünenthal ist ein Unternehmen mit vollständig integrierter Forschung und Entwicklung; wir verfügen über langjährige Erfahrung in innovativer Schmerzbehandlung und der Entwicklung modernster Technologien für den Patienten. Die Grünenthal Gruppe ist in insgesamt 32 Ländern mit Gesellschaften in Europa, Australien, Lateinamerika und den Vereinigten Staaten vertreten. Grünenthal-Produkte sind in mehr als 155 Ländern erhältlich und knapp 5.200 Mitarbeiter arbeiten weltweit für die Grünenthal Gruppe. Der Umsatz 2014 betrug 1,154 Mrd. €. Weitere Informationen unter: www.grunenthal.com.

 

 

Über Mundipharma

 

Mundipharma ist eines der führenden mittelständischen Pharmaunternehmen mit eigener Forschung und Produktion in Deutschland. Dabei versteht sich das Unternehmen nicht nur als Arzneimittelhersteller, sondern als moderner Dienstleister, der hochwirksame Arzneimittel mit größtmöglicher Verträglichkeit entwickelt und somit die Therapie für Arzt und Patient wesentlich erleichtert und verbessert. Mundipharma hat sich sehr erfolgreich auf die Schmerztherapie spezialisiert. Das Unternehmen verfügt darüber hinaus in den Bereichen Onkologie und Atemwegserkrankungen über weitere Kompetenzfelder und hat sich auch in der Immunologie als zuverlässiger Partner etabliert. Weitere Informationen erhalten Sie unter www.mundipharma.de.

 

 

Pfizer – Gemeinsam für eine gesündere Welt

 

Wenn Menschen krank werden, können sich viele Dinge für sie verändern – ein oft schwieriger Weg beginnt. Mehr als 10.000 Forscher und etwa 97.000 Mitarbeiter arbeiten bei Pfizer daran, Menschen auf diesem Weg zu unterstützen. Sie entwickeln und vertreiben innovative Medikamente und Impfstoffe sowie einige der weltweit bekanntesten rezeptfreien Produkte. Das Unternehmen mit Hauptsitz in New York erzielte im Geschäftsjahr 2014 einen Gesamtumsatz von 49,6 Milliarden US-Dollar. In Deutschland beschäftigt Pfizer derzeit mehr als 2.000 Mitarbeiter an vier Standorten: Berlin, Freiburg, Karlsruhe und München (Hospira).

 


Quelle: Gemeinsame Pressemitteilung der Firmen Grünenthal, Mundipharma und Pfizer, 03.12.2015 (tB).

 
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