Drucken

Nicht nur auf Wolke 9:

Sex mit über 60 weit verbreitet

 

Osnabrücker Sozialwissenschaftler Prof. Otten stellt "Die 50+ Studie" vor

 

Osnabrück (9. Oktober 2008) - Rund 80 Prozent der Männer und gut 60 Prozent der Frauen zwischen 50 und 70 Jahren haben regelmäßigen und durchaus variantenreichen Sex. 80 Prozent aller 50+Paare beurteilen ihre Beziehungen als gut bis sehr gut und ganze 90 Prozent von ihnen verbringen ihre Zeit am liebsten mit dem Partner. Die Forscher sprechen vom Philemon & Baukis Syndrom (Liebe und Zweisamkeit bis ins hohe Alter) als neuem gesellschaftlichen Basis-Trend. Groß im Kommen sind dabei Erlebnis-Reisen, ausgedehnte Kinobesuche und fetzige Tanz-Parties. Dies sind nur einige der spektakulären Ergebnisse der ersten, zwischen Februar und März 2008 von der "Forschungsgruppe 50+" der Universität Osnabrück durchgeführten Studie.

 

Befragt wurden 3880 Menschen zwischen 50 und 70, die als sogenanntes Panel den Auftakt einer ganzen Serie von Befragungen darstellen, durch welche diese Generation auch in den kommenden Jahren regelmäßig repräsentativ untersucht werden soll. Die Studie zeichnet das Lebensgefühl einer Generation, der "Wertewandelkoalition" und der "68er", die sich weltoffen, verfassungspatriotisch und hochvital gibt und mit 113 Prozent des Durchschnittseinkommens wirtschaftlich gesehen die eigentliche Mittelschicht darstellt. Forschungsleiter Prof. Dr. Dieter Otten: "Die Wertewandelkoalition ist die prägende Schicht der Gesellschaft, denn sie stellt die Deuter und Lenker unseres Landes. Und auch wenn die Ältesten von ihnen 70 sind, so sind sie und verhalten sie sich - bis auf eine Minderheit - keineswegs alt im klassischen Sinne."

Diese Generation umfasst bereits 22 Millionen Menschen und stellt mit 45 Prozent die größte Wählergruppe der nahen Zukunft dar. Aber anders als in der Vergangenheit steht diese Gruppe älterer Wähler nicht rechts von der Mitte, sondern links: 56 Prozent würden kommenden Sonntag Rot-Rot-Grün wählen (Stand: 15. März 2008), wenn Bundestagswahlen wären. Otten: "Da bis heute die älteren Wähler das zahlenmäßige Rückgrat der CDU-Wählerschaft und damit das konservative Mehrheitspotential darstellen, könnte die CDU in Zukunft eins der ersten Opfer des demographischen Wandels werden, wenn die über 75jährige CDU-Bastion allmählich ausscheidet."

Ferner fanden die Forscher heraus, dass rund 60 Prozent auch nach dem 65. Lebensjahr gerne weiter arbeiten würden. Die Hälfte davon im angestammten Beruf; die andere Hälfte will etwas Neues anfangen. Und zwar so lange es geht. Der Alterslimes (Grenze zwischen nicht-alten und alten Menschen) verschiebt sich damit auf der nach oben offenen Altersskala immer weiter nach hinten. Denn diese Menschen sind fit: Etwa die Hälfte treibt regelmäßig Sport (Nordic Walking ist der Massentrend). Noch stärker ist ihre mentale Fitness: "Knapp 80 Prozent von ihnen fühlen sich heute selbstbewusster als je zuvor", bestätigt der Osnabrücker Sozialwissenschaftler, der zusammen mit Nina Melsheimer und Wassja Weiß die Daten auswertete.

Auch revolutionäres Zukunftspotential steckt vermutlich in dieser Generation: 43 Prozent können sich ein Leben in einer Wohngemeinschaft vorstellen, 60 Prozent gar im Mehrgenerationenhaus. Bisher wird 80 Prozent der Pflege familiär bewältigt. Otten: "Das wird angesichts wachsender Single-Muster und weit verstreuter "Bohnenstangenfamilien" bei den zu erwartenden Zahlen keine Zukunft haben. Aber es scheint so, als ob diese Generation das Potential hat, revolutionäre Lösungen zu finden."

Was sind die Gründe für diesen Wandel? Der Kern-Befund der Studie macht klar: "Wer heute Anfang 70 ist - Götz George zum Beispiel - ist einfach nicht alt, fühlt sich nicht alt und verhält sich nicht alt - die überwiegende Mehrheit zumindest", so Otten. Der Wertewandel der 68er, der Jahrhunderttrend der Individualisierung hat längst Körper und Geist erreicht. Die 50-70jährigen, darunter auch immer mehr Männer, verhalten sich betont körperbewusst, sind gesundheitsorientiert und risikoverständig, kurz interventionistisch. Sie leben länger, sie bleiben länger jung und sind länger gesund.

Aber auch dies gilt: Die politische, soziale und kulturelle Prägung der 1960er Jahre lebt fort. Der Osnabrücker Sozialwissenschaftler: "Aus den 'Kritikern der Elche' wurden später nicht selber welche. In gesellschaftlicher Hinsicht - nicht politisch - hat die Kulturrevolution der 1960er Jahre so gut wie gewonnen. Und zwar weniger durch Pflastersteine und Proteste, sondern im wesentlichen durch konservatives Festhalten an den Werten des Aufbruchs und durch die von dieser Generation selbst ausgelöste, epochensprengende 'Geburtenverringerung'."

Die KarstadtQuelle Versicherungen unterstützen die Langzeitstudie. Die Ergebnisse können in dem soeben erschienenen Sachbuch von Prof. Dieter Otten: "Die 50+ Studie" nachgelesen werden (Rowohlt Verlag 2008).



Quelle: Pressemitteilung der Universität Osnabrück vom 09.10.2008 (tB).