1. Berliner Schmerz-Dialog

Das Geheimnis des Schmerzes

 

Berlin (29. Mai 2008) – Schmerzen kennt jeder: Ob Kopf-, Rücken- oder Zahnschmerzen, Menstruationsbeschwerden, Muskelkater oder Prellungen – nahezu jeder Mensch leidet gelegentlich, mancher sogar ständig unter Schmerzen. Schmerzen gehören zu unserem Alltag – und gleichzeitig schränken sie uns in eben diesem ein.

Das Spannende am Schmerz: So allgegenwärtig er ist, ist er dennoch so individuell. Obwohl wir alle Schmerzen kennen, kann man seinen Schmerz nicht teilen, nicht sichtbar machen, nur schwer beschreiben. Dazu kommen unterschiedliche Schmerzgrenzen: Was der eine als Lapalie empfindet, kann für den anderen schier unerträglich sein. Ebenso unterschiedlich ist der Umgang des Einzelnen mit dem Schmerz: Der eine hält es mit "Indianer kennt keinen Schmerz", der andere nimmt lieber frühzeitig eine Schmerztablette.

 

Was ist Schmerz?

Schmerz ist eine Sinnesempfindung. Nahezu der gesamte menschliche Körper ist durchzogen mit Schmerzrezeptoren. Sie liegen zu etwa 90 Prozent in der Haut, aber auch in den inneren Organen. Diese Sensoren nehmen Reize wahr, wie z. B. Hitze und Kälte, aber auch Druck oder Dehnung. Diese Schmerzinformation wird im Körper von Nervenzellen und Synapsen an das Rückenmark weiter gegeben und von dort ans Großhirn geschickt, wo sie wahrgenommen und verarbeitet wird. Zusätzlich wird in der Hirnrinde der Schmerz mit bisherigen, individuellen Erfahrungen abgeglichen und bewertet.

 

Diese direkte Reaktion auf einen äußerlichen Reiz ist die akute Form des Schmerzes – die berühmte heiße Herdplatte, bei der man fast automatisch mit der Hand zurückschnellt. Ähnlich funktioniert Schmerz auch als Warnzeichen einer ursächlichen Erkrankung, wie z. B. an Zahnschmerzen meist eine Entzündung im Zahn- oder Kieferbereich Schuld ist oder die stechenden, rechtsseitigen Bauchschmerzen, die bei Druck noch schlimmer werden, auf eine Blinddarm-Entzündung hinweisen. Der Körper signalisiert dem Gehirn, dass etwas nicht in Ordnung ist – und veranlasst uns, den Arzt oder Zahnarzt aufzusuchen.

 

Doch Schmerzen können in vielen Fällen auch selbst die Krankheit sein. Bei  etwa 80 Prozent der Rückenschmerzen und auch bei Kopfschmerzen ist dies der Fall. Migräne, Spannungs- oder Clusterkopfschmerz sind ein eigenständiges Krankheitsbild – sogenannte primäre Kopfschmerzerkrankungen – für das es keine zugrundeliegende oder zu behebende Ursache gibt. Dann ist es der Schmerz selbst, der behandelt werden muss. Chronische Schmerzen haben ihre Warnfunktion, unter Umständen sogar den auslösenden Reiz verloren. Sie sind dann in Laufe der Zeit nur noch körperlich und psychisch zermürbend.

 

Chronifizierung von Schmerzen

Anders als z. B. das Immunsystem, das nach einer überstandenen Krankheit Antikörper entwickelt und so für einen erneuten Angriff gewappnet ist, funktioniert das Schmerzsystem anders. Der Körper kann sich nicht an Schmerzen gewöhnen, sie nicht bekämpfen. Ganz im Gegenteil können immer wiederkehrende Schmerzreize dazu führen, dass sich Nervenzellen im Rückenmark und Gehirn verändern und ein sogenanntes "Schmerzgedächtnis" entsteht: Selbst wenn gar kein oder nur ein leichter Reiz vorhanden ist, kommt es zu einer Überreaktion und Schmerzinformationen werden ans Bewusstsein gemeldet – schlimmstenfalls ständig.

 

Von chronischen Schmerzen gehen Mediziner aus, wenn die Schmerzen länger als 3-6 Monate und mehr als der Hälfte der Tage anhalten. In vielen Fällen reicht bei diesen Patienten schon ein leichter Reiz – eine Berührung oder ein Wärmeempfinden – um eine Überreaktion hervorzurufen, so dass Alltägliches unerträglich wird.

 

Chronische Schmerzen sind für den Patienten aber auch psychologisch schwer zu ertragen: Ihre Ursache kann nicht auf einem Röntgenbild sichtbar oder mittels einer Blutuntersuchung aufgedeckt werden. Nicht selten sehen sich chronische Schmerzpatienten immer wieder dem Vorwurf des Simulierens ausgesetzt.

 

Schmerzmittel – das Für und Wider

Besonders in Deutschland sind die Vorbehalte gegen Schmerzmittel groß, wie die von Reckitt Benckiser in Auftrag gegebene, breit angelegte Studie "Schmerzen und Schmerzmittel ins rechte Licht gesetzt" zeigt. Über 8.000 Menschen aus acht europäischen Ländern wurden zu ihrem Umgang mit Schmerzen und Schmerzmitteln befragt.

 

Nur 38 Prozent der Deutschen gaben an, lieber ein Schmerzmittel zu nehmen als Schmerzen auszuhalten. Andererseits macht sich von den befragten Deutschen fast die Hälfte Sorgen wegen der Nebenwirkungen von Schmerzmitteln. Nur 21 Prozent der Befragten halten Schmerzmittel für eine sichere Methode zur Linderung allgemeiner Schmerzen.

 

Dabei gibt es gute Gründe, Schmerzen zu bekämpfen: Sie schränken die Lebensqualität ein, führen zum zeitweiligen Rückzug aus Arbeits- und Sozialleben, und Schmerz kann, kehrt er immer wieder, zum Schmerzgedächtnis und zur Chronifizierung führen. All diesem kann durch frühzeitige und adäquate Schmerzmittelgabe entgegen gewirkt werden.

 

Dem gegenüber stehen die Ängste vor Abhängigkeit, Risiken und Nebenwirkungen von Schmerzmitteln, wie z. B. dem medikamentenbedingten Kopfschmerz, der durch übermäßige und zu häufige Einnahme von Schmerzmitteln entstehen kann.

 

Selbstmedikation – was ist sinnvoll?

"Grundsätzlich können bekannte Schmerzen, wie z. B. Migräne und Kopfschmerzen vom Spannungstyp, vom Patienten selbst behandelt werden. Der bestimmungsgemäße Gebrauch von Schmerzmitteln kann die Lebensqualität verbessern – ohne die Gefahr von Abhängigkeit oder Nebenwirkungen", erklärt Prof. Dr. Dr. Stefan Evers, Oberarzt an der Klinik und Poliklinik für Neurologie am Universitätsklinikum Münster und 1. Vizepräsident der Deutschen Migräne- und Kopfschmerz-Gesellschaft e.V. (DMKG).

 

Wer also freiverkäufliche Schmerzmittel, wie z. B. Ibuprofen, bestimmungsgemäß (s.u.) gegen ihm bekannte Schmerzen einsetzt, kann seine Schmerzen sicher lindern – ohne dass dabei Ängste bezüglich Nebenwirkungen oder Risiken berechtigt wären.

 

Der "bestimmungsgemäße Gebrauch von Schmerzmitteln" bedeutet, dass

 

  • die Einnahme erfolgt, sobald der (bekannte) Schmerz auftritt,
  • die Dosierung und Einnahmeintervalle laut Empfehlung (Beipackzettel) eingehalten werden,
  • die Einnahme maximal drei Tage in Folge und an 10 Tagen im Monat erfolgt (also 20 Tage im Monat komplett Schmerzmittel-frei bleiben),
  • Kontraindikationen (siehe Beipackzettel) beachtet werden.

 

Die Grenzen der Selbstmedikation

Die Grenzen der Selbstmedikation mit Schmerzmitteln sind erreicht, wenn Schmerzen chronisch oder ungewöhnlich sind oder mit weiteren Symptomen, wie beispielsweise hohem Fieber oder Schwindel, gemeinsam auftreten. Dann sollte der Schmerz als Warnfunktion ernst genommen und ein Arzt aufgesucht werden.

 

Für den Bereich der Kopfschmerzen definiert die DMKG, dass eine ärztliche Klärung – im Normalfall zunächst beim Hausarzt, ggf. dann in spezieller Schmerztherapie – ratsam ist, wenn

 

  • Kopfschmerzen täglich oder fast täglich auftreten,
  • sie mit weiteren Symptomen wie Lähmungen, Gefühls-, Seh-, Gleichgewichtsstörungen, Augentränen oder starkem Schwindel oder
  • mit psychischen Veränderungen wie Störungen des Kurzzeitgedächtnisses oder Störungen der Orientierung zu Zeit, Ort und Person einhergehen,
  • sie erstmals im Alter von über 40 Jahren auftreten,
  • die Schmerzen in ihrer Intensität, Dauer und/oder Lokalisation
    unüblich sind oder
  • erstmals während oder nach körperlicher Anstrengung auftreten, sehr stark sind und in den Nacken ausstrahlen,
  • sie von hohem Fieber begleitet sind,
  • sie nach einer Kopfverletzung, z. B. einem Sturz, auftreten
  • die Kopfschmerzen trotz Behandlung an Häufigkeit, Stärke und Dauer zunehmen,
  • zusammen mit einem epileptischen Anfall und Bewusstlosigkeit auftreten oder
  • sie nicht mehr auf die bisher wirksamen Medikamente ansprechen.


Quelle: Pressekonferenz der Firma Reckitt Benckiser Deutschland zum Thema „Schmerzen & Schmerzmittel ins rechte Licht gesetzt“, anlässlich des 1. Berliner Schmerz-Dialogs am 29.05.2008 in Berlin (POYS Kommunikations-Management).

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