1. Dialog Ernährung und Politik

Die vergESSENe Zukunft

 

Berlin (25. September 2008) – Eine Verbesserung der Ernährungsqualität sorgt für optimale Leistungsfähigkeit. Falsche und unausgewogene Ernährung ist in weiten Teilen der Bevölkerung in Deutschland ein gravierendes Problem. Als Folge können die Heranwachsenden ihre geistigen, motorischen und gesellschaftlichen Fähigkeiten nicht voll ausschöpfen. So gibt es inzwischen einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen Mangelernährung und Nachteilen bei den Berufsaussichten.

 

Fehlernährung hat Folgen für die Wirtschaft

Maßnahmen zur Ernährungsoptimierung aus der Dritten Welt, wie sie die humanitäre Initiative SIGHT AND LIFE seit 20 Jahren durchführt, belegen immer wieder, dass eine ausgewogene Ernährung die Perspektiven von benachteiligten Kindern deutlich verbessert. Auch in Deutschland ist eine bedarfsgerechte Ernährung die Basis für eine erfolgreiche Zukunft. Eine aktuelle Untersuchung an Potsdamer Nachwuchssportlern und Schülern zeigt, wo in Deutschland konkrete Ernährungsdefizite bestehen: Unzureichend zugeführt werden demnach Vitamin D und Folsäure sowie die Mineralstoffe Jod, Eisen und teilweise Calcium. Wider Erwarten bestanden diese Defizite bei Gymnasiasten und jugendlichen Leistungssportlern. So kann eine verbesserte Nährstoffversorgung nicht nur den Ausbildungserfolg des Einzelnen unterstützen, sondern auch die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands langfristig sichern. Bereits die Qualität unserer Nahrung ist ein Garant für die Zukunft unserer Kinder und den Wirtschaftsstandort Deutschland.

 

Ernährungsaufklärung

 

Die humanitäre Initiative SIGHT AND LIFE möchte mit konkreten Projekten auch in Deutschland auf die Ursachen und Folgen des Nährstoffmangels aufmerksam machen. Der mit der Gesellschaft für angewandte Vitaminforschung durchgeführte 1. Dialog Ernährung und Politik mit dem Thema „Die vergESSENe Zukunft – Nährstoffe als Perspektive für Deutschland“ in Berlin soll einen weiteren Beitrag zur Aufklärung von Fehl- und Mangelernährung von Kindern und Jugendlichen – auch in Deutschland – leisten.

 

Fehlernährung – ein weltweites Problem

Manifeste Defizite als Folge von Hunger und Überernährung. Als Fehlernährung bezeichnet man allgemein Gesundheitsstörungen, die durch eine defizitäre oder nicht bedarfsadäquate Ernährung über einen längeren Zeitraum mit einem oder mehreren Nährstoffen ausgelöst werden. Laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) leiden etwa zwei Milliarden Menschen weltweit unter Fehl- bzw. Mangelernährung mit Nährstoffen. Dabei manifestiert sich die Fehlernährung meist bereist pränatal, da auch die Mütter schon defizitär versorgt sind.

 

Weltweit sind

  • 1/3 aller Kinder im Vorschulalter (< 5 Jahre) unterentwickelt,
  • 64,6 Prozent der Vorschulkinder in Afrika, 47,7 Prozent der Vorschulkinder in Asien, 39,5 Prozent der Vorschulkinder in Lateinamerika und der Karibik sowie 28 Prozent der Kinder in Ozeanien anämisch,
  • 155 Millionen Kinder im Schulalter übergewichtig.

 

Fehlernährung – die nationale Katastrophe

Kinder in Entwicklungsländern haben aber nicht nur Defizite in ihrer körperlichen Entwicklung, sondern können vor allem ihr geistiges Potenzial nicht voll ausschöpfen. Fehlernährung und häufige Morbidität wirken sich negativ auf ihre geistige, motorische und sozial-emotionale Entwicklung aus. Typische Folgen sind Lern- und Konzentrationsschwierigkeiten, häufige Fehlzeiten in der Schule, erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten und eine geringe Produktivität. Gerade in den ersten Lebensjahren ist eine ausreichende Nährstoffversorgung extrem wichtig für die geistige Entwicklung, da das Gehirn in dieser Zeit besonders schnell wächst. Schon bei Säuglingen und Kleinkindern werden die psychomotorischen und intellektuellen Fähigkeiten sowie Neugier, Motivation und Spielverhalten durch eine Fehlernährung beeinträchtigt.

 

Chronische Mangelernährung führt dazu, dass die Kinder ihr Leben lang für Krankheiten und Behinderungen besonders anfällig sind und ihre Leistungsfähigkeit herabgesetzt ist. So gehen den betroffenen Ländern potentielle Arbeitskräfte verloren, wodurch die nationale Entwicklung negativ beeinflusst wird. Das Wachstum des Bruttosozialproduktes reduziert sich in diesen Ländern um bis zu vier Prozent auf Grund einer eingeschränkten kognitiven Leistungsfähigkeit.

 

Teufelskreis 

 

Europäische Ernährung verstärkt das Problem

Die Umstellung auf unsere modernen Ernährungsgewohnheiten ist für Entwicklungsländer keine Lösung. Ganz im Gegenteil zeigt sich hier, welche Versorgungslücken durch den Verzehr industriell hoch verarbeiteter Lebensmittel entstehen können. In den betroffenen Regionen der Welt, zum Beispiel in Mikronesien im nördlichen Pazifik, leiden vor allem Kinder und Mütter bereits an den Folgen einer einseitigen und nährstoffarmen Ernährung. Denn so genannte „leere“ Kalorien, wie sie in Süßigkeiten, Fertiggerichten oder zuckerreichen Getränken stecken, sind arm an lebenswichtigen Vitaminen und Mineralstoffen.

 

Auf Dauer erhöhen eine ungesunde Lebensweise sowie Bewegungsarmut das Risiko von ernährungsbedingten Krankheiten wie beispielsweise Adipositas, Herz-Kreislauferkrankungen oder Diabetes. Die Kosten, die durch die Krankheitsbehandlung sowie durch den Verlust an körperlicher und geistiger Arbeitskraft entstehen, tragen erheblich zu einer ökonomischen Belastung der Entwicklungsländer bei und nähern sich der Situation in den westlichen Industrienationen: In Deutschland werden derzeit ca. 6,5 Millionen Menschen, knapp acht Prozent der Gesamtbevölkerung, wegen eines Diabetes mellitus behandelt. Die Zahl der Menschen mit Diabetes mellitus in Deutschland wächst derzeit um vier bis fünf Prozent jährlich. Aus gesundheitsökonomischer Perspektive ist der Diabetes mellitus bereits heute mit einer der teuersten chronischen Erkrankungen in Deutschland.

 

Den Ursachen auf der Spur

Hier besteht noch ein enormer Forschungsbedarf, denn die Weichen zur Manifestation von Zivilisationskrankheiten werden meistens schon in der Jugend gestellt. Ziel der dreijährigen so genannten HELENA-Studie (Healthy Lifestyle in Europe by Nutrition in Adolescence) ist es daher, den Ernährungsstatus und Lebensstil europäischer Jugendlicher zu ermitteln. Anhand dieser Daten sollen zukünftig effektive Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Krankheitsprävention entwickelt werden. Aktuell liegen die ersten Daten der Pilotstudie vor: So wurde festgestellt, dass bei etwa 30 Prozent der Jugendlichen der Eisenhaushalt gestört ist. Im Vergleich mit fettleibigen Jugendlichen, die einen schlechteren Vitamin B12-, Vitamin C-, D- und Beta-Karotin-Status haben, sind untergewichtige Jugendliche nicht ausreichend mit Folsäure, Vitamin B12 und Eisen versorgt. Verwendet man Referenzwerte von Erwachsenen, hätten etwa 50 Prozent der europäischen Jugendlichen einen nicht optimalen Vitamin D-Status.

 

Versteckter Vitaminmangel – auch in Deutschland ein Problem

Während in Entwicklungsländern chronische Vitamin-Mangelzustände weiterhin ein großes gesundheitspolitisches Problem darstellen, gewinnt sowohl in den Entwicklungsländern als auch in den Industrienationen die Ansicht an Gewicht, dass Vitamine nicht nur in der Prävention degenerativer Erkrankungen von Bedeutung sind. Von wachsendem Interesse sind auftretende versteckte Vitaminmangelzustände, die bei Kindern und Jugendlichen Folgen für die körperliche und vor allem geistige Entwicklung haben können.

 

In einer Untersuchung von Verzehrsprotokollen und Blutparametern an Schülern eines Olympia-Stützpunktes und eines Gymnasiums in Potsdam konnte gezeigt werden, dass es sowohl bei jugendlichen Leistungssportlern als auch bei Jugendlichen mit geringer körperlicher Aktivität zu Mangelsituationen kommen kann. Die Ergebnisse zeigen, dass Vitamin D und Folsäure sowie die Mineralstoffe Jod, Eisen und teilweise Calcium unzureichend zugeführt werden. Eine Situation, die Anlass dazu geben sollte, entsprechende Maßnahmen zu einer Optimierung der Ernährungssituation in Deutschland einzuleiten.

 

Defizitäre Nährstoffversorgung erfordert Aufklärung

Zukünftig muss das Ziel daher sein, eine integrierte, evidenzbasierte Strategie für Ernährungsinterventionen für jede Lebensphase zu schaffen. Beginnend im Säuglingsalter können so ernährungsabhängige, chronische Erkrankungen und berufliche Nachteile im Erwachsenenalter vermieden werden. Dies setzt eine Kenntnis der Zusammenhänge nicht nur bei Experten, sondern auch bei Meinungsbildnern, Politikern, Akteuren und der Gesellschaft voraus, die SIGHT AND LIFE beispielsweise mit dem 1. Dialog Ernährung und Politik gezielt ansprechen wird.

 

Zur nachhaltigen Verbesserung der Ernährung und Lebenssituationen unterstützt SIGHT AND LIFE sowohl die Forschung, als auch die Verbreitung von Wissen und Informationen über Nährstoffe. Handlungsbedarf besteht aber nicht nur in den Entwicklungsländern, sondern auch in den westlichen Industrienationen wie zum Beispiel Deutschland. SIGHT AND LIFE hat es sich daher zur Aufgabe gemacht, entsprechende Projekte zu fördern sowie Initiativen, die der Fehlernährung vorbeugen, zu unterstützen. Denn nur, wenn den Menschen verständlich gemacht werden kann, dass bestimmte Ernährungsgewohnheiten in den Industrienationen der Gesundheit schaden können, kann einer Fehlernährung und damit langfristig beruflichen und gesellschaftlichen Nachteilen effektiv vorgebeugt werden.

 

 

 

Über SIGHT AND LIFE

 

SIGHT AND LIFE ist eine humanitäre Initiative zur Bekämpfung von Mikronährstoffmangel in der Welt und wurde 1986 ins Leben gerufen. Bis heute hat die Initiative mehr als 3.200 Projekte in über 80 Ländern unterstützt und arbeitet mit UN-Organisationen wie der WHO, World Food Programmen und UNICEF zusammen. Aber auch namhafte NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) wie Helen Keller International oder Save the Children sowie führende Universitäten wie die Johns-Hopkins-Universität in Baltimore leisten gemeinsam mit SIGHT AND LIFE einen Beitrag zur nachhaltigen Verbesserung der Ernährungs- und Gesundheitssituation in Entwicklungsländern. Seit 2003 wird SIGHT AND LIFE von DSM Nutritional Products AG, dem weltweit führenden Lieferanten von Vitaminen und Nahrungsergänzungen, in Basel (Schweiz) unter der Leitung des Generalsekretärs Dr. Klaus Krämer weitergeführt.

 


 

Quelle: „1. Dialog Ernährung und Politik: Die vergESSENe Zukunft“ am 25.09.2008 in Berlin (POYS Kommunikationsmanagement) (tB).

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