Das Altenpflegeheim von heute hat keine Zukunft

Künftige Seniorengenerationen werden ganz andere Ansprüche ans Wohnen im Alter stellen

Hamburg (22. November 2007) – Rund 9.300 Pflegeeinrichtungen für alte Menschen gibt es zurzeit in Deutschland ‑ Tendenz steigend. Anleger sehen angesichts des demografischen Wandels in Altenpflege‑Immobilien eine gute Zukunftsinvestion. Mit dieser Einschätzung könnten sie jedoch fundamental falsch liegen, befürchtet Prof. Christei Bienstein, Leiterin des Instituts für Pflegewissenschaft der privaten Universität Witten‑Herdecke.

„Ob im erwarteten Ausmaß Alteneinrichtungen der heutigen Generation benötigt werden, ist sehr in Frage zu stellen”, so Prof. Bienstein auf der Veranstaltung „Pflege 2030 ‑Boombranche oder Pflegefall?” der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) Ende November in Hamburg. „Hier muss es einen grundlegenden Veränderungsprozess geben.” Der Wunsch der Bürgerinnen und Bürger sei es, in den eigenen vier Wänden alt zu werden. Dieser gehe jedoch in den meisten Fällen nicht in Erfüllung.


70 Prozent der Bewohner kamen unfreiwillig ins Altenheim

Besonders hochbetagte Menschen, die wegen eines gesundheitlichen Zwischenfalls unerwartet ins Krankenhaus kommen, können oftmals nach dem Klinikaufenthalt nicht wieder in die eigene Wohnung zurückkehren. Da es in Deutschland zu wenig Angebote geriatrischer Rehabilitation oder rehabilitativer Kurzzeitpflege gibt und auch eine häusliche Unterstützung in vielen Fällen nicht möglich ist, bleibt nur die Übersiedlung in eine Pflegeeinrichtung. Geschätzt wird, dass rund 70 Prozent der Menschen, die in Alteneinrichtungen leben, gegen ihren Willen dorthin „umgezogen wurden” ‑ ein Weg zurück in die eigene Wohnung ist nur einem verschwindend geringen Anteil möglich.


„Neue Alte” wollen andere Versorgungsangebote

Prof. Bienstein: „Bis heute unterscheidet sich die stationäre Versorgung deutlich von der häuslichen. Die vertraute Umgebung, das soziale Umfeld, der individuell gestaltete Tagesablauf kann nicht erhalten bleiben. Menschen im hohen Alter müssen sich hier einem Veränderungsprozess stellen, der nicht von ihnen selbst gewählt und nur eingeschränkt beeinflusst werden kann.” Aus diesem Grunde sei es notwendig, über erweiterte Formen der Versorgung pflegebedürftiger älterer Menschen nachzudenken ‑ über neue Formen, die dazu beitragen, dass alte Menschen in der eigenen Häuslichkeit wohnen bleiben können, über neue Wohn‑ und Versorgungsmodelle, die unterschiedliche Bedürfnislagen berücksichtigen, sowie über neue Träger‑ und Organisationsmodelle. „Besonders die zukünftige Generation der Alten wird sich mit den jetzt zur Verfügung stehenden Angeboten nicht zufrieden geben”, war sich Prof. Bienstein auf der BGW‑Veranstaltung sicher.


Ausweitung von Kontrollen bringt nichts

Darüber hinaus ist es notwendig, eine kompetente Versorgung auch aus personeller Sicht zu gewährleisten. „Die Pflege der Zukunft braucht Mitarbeiter, die motiviert sind, die ihre Arbeit als Bereicherung erleben und die persönliche Entwicklungsmöglichkeiten mit ihr verbinden”, sagte Prof. Bienstein vor dem Hintergrund der erheblichen physischen und psychischen Belastungen sowie der geringen Karrierechancen des Pflegeberufs. Das Augenmerk müsse sich auf drei Faktoren konzentrieren: auf die personelle Ausstattung, auf die fachliche Qualifikation und Weiterentwicklung sowie auf das Organisationsmanagement. „Dies kann nicht durch eine Ausweitung von Kontrollen erreicht werden; hier muss die Branche noch erhebliche Anstrengungen unternehmen”, so Prof. Bienstein.

 


Quelle: Journalisten-Forum 2007 der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege am 22.11.2007 (tB).
Schlagwörter:

MEDICAL NEWS

Meeting highlights from the Committee for Medicinal Products for Human…
Using face masks in the community: first update – Effectiveness…
Difficulties to care for ICU patients caused by COVID-19
Virtual post-sepsis recovery program may also help recovering COVID-19 patients
‘Sleep hygiene’ should be integrated into epilepsy diagnosis and management

SCHMERZ PAINCARE

Projekt PAIN2020: Wir nehmen Schmerzen frühzeitig ernst. Jetzt für alle…
Wechselwirkung zwischen psychischen Störungen und Schmerzerkrankungen besser verstehen
Lisa Olstein: Weh – Über den Schmerz und das Leben
Wie ein Schmerz den anderen unterdrückt
Opioidtherapien im palliativen Praxisalltag: Retardierte Analgetika zeigen Vorteile

DIABETES

Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes gehören nicht zur Risikogruppe und…
Neue Studie will Entstehung von Typ-1-Diabetes bei Kindern verhindern
Toujeo®: Ein Beitrag zu mehr Sicherheit für Menschen mit Typ-1-Diabetes
Diabetes: Neue Entdeckung könnte die Behandlung künftig verändern
Für Menschen mit Typ-2-Diabetes: Fixkombination aus Basalinsulin und GLP-1-Analogon

ERNÄHRUNG

Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren
Gesundheitliche Auswirkungen des Salzkonsums bleiben unklar: Weder der Nutzen noch…
Fast Food, Bio-Lebensmittel, Energydrinks: neue Daten zum Ernährungsverhalten in Deutschland

ONKOLOGIE

Konferenzbericht: Aktuelle Daten aus der Hämatologie vom ASH 2020
Anzeige: Aktuelle Daten zur Therapie des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms
Aktuelle Daten zu Apalutamid und Abirateron in der Therapie des…
Forschende entwickeln neuen Ansatz, um Krebs der Bauchspeicheldrüse zu erkennen
Blasenkrebs: Wann eine Chemotherapie sinnvoll ist – Immunstatus erlaubt Abschätzung…

MULTIPLE SKLEROSE

Erste tierexperimentelle Daten zur mRNA-Impfung gegen Multiple Sklerose
Multiple Sklerose: Immuntherapie erhöht nicht das Risiko für schweren COVID-19-Verlauf
Empfehlung zur Corona-Impfung bei Multipler Sklerose (MS)
Fallstudie: Beeinflusst SARS-CoV-2 Infektion die Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose: Novartis’ Siponimod verzögert Krankheitsprogression und Hirnatrophie bei aktiver…

PARKINSON

Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Neuer Bewegungsratgeber unterstützt Menschen mit M. Parkinson durch Yoga
Neue Studie zur tiefen Hirnstimulation bei Parkinson-Erkrankung als Meilenstein der…
Putzfimmel im Gehirn
Parkinson-Patienten in der Coronakrise: Versorgungssituation und ein neuer Ratgeber