Schizophrenie und Bipolare Störungen

Wenn das Leben aus dem Gleichgewicht gerät

 

Frankfurt (27. Oktober 2007) – Seit der Psychiatrie-Enquête in den 1970er Jahren gilt die Forderung „ambulant vor stationär“. Dies gilt auch für Patienten, die aufgrund ihrer Erkrankung deutlich beeinträchtigt sind. Sie lassen sich im niedergelassenen Bereich auch wegen der eingeschränkten Budgets, in der Hauptsache aber wegen der Schwere oder Komplexität der Erkrankungen nicht immer angemessen versorgen. Für diese Patienten sind psychiatrische Institutsambulanzen eine wichtige Anlaufstelle. Versorgt werden dort sehr viele Patienten mit Schizophrenie sowie Patienten, die an affektiven Störungen leiden, zu denen u.a. die Bipolaren Störungen zählen.  Etwa 800.000 Bundesbürger erkranken mindestens einmal im Leben an einer Schizophrenie (1). Bis zu vier Millionen Menschen leiden in Deutschland an einer Bipolaren Störung (2). Beide Erkrankungen treten meist im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter auf: Erste Symptome einer Schizophrenie zeigen sich meist zwischen dem 18. und dem 35. Lebens­jahr. Bipolare Störungen treten in der Regel zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr auf. Die Ursachen sind bis heute nicht eindeutig geklärt. Biochemisch gehen beide Erkrankungen mit Stoffwechselstörungen im Gehirn einher. Frauen und Männer sind gleichermaßen davon betroffen.

Schizophrenie: Wahrnehmung von Realität und Illusion

Der Begriff „Schizophrenie“ wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von dem Schweizer Psychiater Eugen Bleuler geprägt und bedeutet soviel wie „Spaltung des Bewusstseins“. Die Betroffenen erleben ihre Umwelt und sich selbst als nicht mehr einheitlich. Sie nehmen sowohl die „wirkliche“ als auch eine „virtuelle“, eingebildete Realität wahr.
Charakteristische Symptome für die Schizophrenie sind Sinnestäuschungen (Halluzina­tionen): Die Betroffenen hören plötzlich Stimmen, die bedrohen oder Befehle erteilen, oder sie sehen Farben und Phänomene, die nur für sie bestimmt scheinen. Viele Patienten entwickeln auch Wahnideen und fühlen sich z.B. verfolgt oder beobachtet.
Die zahlreichen Facetten der Erkrankung lassen sich in verschiedene Symptomkom­plexe unterteilen: Zu den „positiven“ Symptomen zählen vor allem Wahnvorstellungen, Halluzina­tionen oder Ich-Störungen. Als „negative“ Symptome gelten Beeinträchti­gungen wie Antriebslosigkeit, Apathie, Schwie­rigkeiten beim abstrakten Denken oder auch ein Mangel an Spontaneität und Flüssigkeit beim Sprechen. Häufig ziehen sich die Betroffenen mehr und mehr von ihren Mitmenschen zurück, Isolation und Vereinsamung sind die Folge.
Nur ein geringer Teil der Patienten wird nach einem ersten psychotischen Schub wieder vollkommen gesund, rund zwei Drittel erleben einen oder mehrere Rückfälle. Bei vielen Betroffenen nimmt die Krankheit einen chronischen Verlauf – sie sind ein Leben lang auf medizinische Hilfe angewiesen (3). Je später die Erkrankung diagnostiziert und behandelt wird, desto ungünstiger ist die Prognose. Daher ist es äußerst wichtig, bereits die ersten Warnzei­chen ernst zu nehmen und die Patienten aufgrund der hohen Rückfallhäufigkeit schon nach dem ersten psychotischen Schub intensiv zu betreuen.


Bipolare Störungen: Leben zwischen den Extremen

Bei einer Bipolaren Störung geraten nicht wie bei der Schizophrenie die Wahrnehmungen, sondern die Stimmungen aus dem Gleichgewicht. Charakteristisch für Bipolare Störungen sind starke Schwankungen, die zwischen Phasen extremer Hochstimmung (Manie) und tiefer Niedergeschlagenheit (Depression) wechseln.
Eine manische Phase ist geprägt durch ein intensives Hochgefühl und eine übersteigert gute, schnell aber auch gereizte Laune, begleitet von einer erhöhten Leistungs­fähigkeit und einem überaus starken Selbstbewusstsein. Während einer depressiven Phase befinden sich die Betroffenen dagegen in gedrückter, ängstlicher Stimmung und leiden unter Schuld- und Minderwertigkeitsgefühlen. Viele bipolar erkrankte Personen denken an Selbstmord. Fast ein Drittel der Erkrankten unternehmen einen Suizidversuch, etwa 15 Prozent versterben daran. Die Mortalitätsrate liegt zwei- bis dreimal höher verglichen mit dem Durchschnitt der Bevöl­kerung (4).
Manie und Depression treten meist abwechselnd in unregelmäßig langen Episoden auf, unterbrochen von Zeitabschnitten, in denen sich die Betroffenen weitgehend ge­sund fühlen. Je nach Verlauf und Stärke der Episoden lassen sich verschiedene For­men der Erkrankung unterscheiden: Die Bipolar-I-Störung ist die klassische „manisch-depressive“ Erkrankung, die von Depressionen und starken Manien geprägt ist. Die Bipolar-II-Störung ist durch weniger schwere Manien, so genannte Hypomanien, ge­kennzeichnet. Lassen sich innerhalb von zwölf Monaten vier oder mehr Episoden beo­bachten, die in schnellem Wechsel aufeinander folgen, spricht man von einem „Rapid Cycling“-Verlauf. Darüber hinaus treten auch Misch­zustände auf, in denen manische und depressive Symptome zeitgleich vorliegen.
Diese große Variabilität hat zur Folge, dass Bipolare Störungen oft sehr spät oder gar nicht erkannt werden. Experten schätzen, dass bei weniger als der Hälfte der Betroffenen eine korrekte Diagnose gestellt und eine Be­handlung eingeleitet wird. Wird die Erkrankung erkannt, vergehen durchschnittlich zehn Jahre zwischen erster Krankheitsepisode, korrekter Diagnose und Beginn einer angemessenen Therapie (3).


Enthospitalisierung als oberstes Ziel

Patienten mit Schizophrenie und Bipolaren Störungen sind durch ihre Erkrankung häufig stark beeinträchtigt. Etwa 30 Prozent der Patienten mit Schizophrenie werden in psychiatrischen Institutsambulanzen behandelt. In den Einrichtungen bemühen sich multiprofessionelle Behandlungsteams, auch Patienten mit schweren und chronischen Krankheitsverläufen eine ambulante Behandlung zu ermöglichen.

Der multimodale Behandlungsansatz, mit dem in PIAs gearbeitet wird, beinhaltet eine intensive ärztliche Betreuung, Bezugspflege, Ergotherapie und Gruppenangebote. So lassen sich auch schwer kranke Patienten längerfristig stabilisieren. Eine stationäre Behandlung kann dadurch verkürzt und in vielen Fällen sogar vermieden werden.


Literatur

  1. Kompetenznetz Schizophrenie: http://www.kompetenznetz-schizophrenie.de/rdkns/22.htm ; Stand 12.09.07
  2. Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V.: Weißbuch Bipolare Störungen in Deutschland (2002), S.11
  3. Kompetenznetz Schizophrenie: http://www.kompetenznetz-schizophrenie.de/rdkns/22_24.htm; Stand 12.09.07
  4. Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen e.V.: Weißbuch Bipolare Störungen in Deutschland (2002), S.11

 


Quelle: Pressekonferenz von AstraZeneca zum Thema „Zukunft PIA“ am 27.10.2007 in Frankfurt am Main (tB).
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