47. Münchener Fachpresse-Workshop

Aktuelle Aspekte in der gynäkologischen Onkologie:
Biosimilars, PARP-Inhibition und neue Kombinationsregime

 

München (23. Oktober 2019) — Die Nachmittagssitzung des 47. Münchener Fachpresse-Workshops widmete sich aktuellen Entwicklungen in der gynäkologischen Onkologie. In der Therapie des HER2-positiven Mammakarzinoms gehören Biosimilars des HER2-Antikörpers Trastuzumab bereits zum Alltag in Deutschland. Langzeitdaten wie sie beim Kongress der europäischen Krebsgesellschaft ESMO 2019 für das Trastuzumab-Biosimilar CT-P6 (Herzuma®) vorgelegt wurden, stärken dabei das Vertrauen in biosimilare Antikörper und ihre Akzeptanz in der Ärzteschaft, wie Prof. Diana Lüftner, Berlin, betonte. Die Erhaltungstherapie mit PARPInhibitoren wie Niraparib (Zejula®) hat die Rezidivtherapie des Ovarialkarzinoms revolutioniert. Auf dem ESMO-Kongress wurden nun neue Studiendaten zu ihren Einsatzmöglichkeiten in der Erstlinientherapie präsentiert, die PD Dr. Fabian Trillsch vorstellte und einordnete.

Abschließend gab Lüftner einen Überblick über relevante Studienergebnisse vom ESMO-Kongress 2019 zur Therapie des Mammakarzinoms.

„Heute gibt es fast keine Klinik in Deutschland, die nicht zumindest ein Biosimilar einsetzt“, konstatierte Lüftner. Nachdem sich nationale und internationale Fachgesellschaften klar pro Biosimilars positioniert haben und in Positionspapieren wie dem der ESMO (1) umfangreiche Aufklärung betrieben wurde, hätten „Ärzte eine Lernkurve durchlaufen“, und Biosimilars seien akzeptierter Alltag.

 

Mikrovariabilität von biologischen Arzneimitteln

Eine geringfügige chargenspezifische Variabilität bei allen Biologika sowie eine gewisse produktspezifische Variabilität zwischen Biosimilars und Referenzarzneimitteln ist aufgrund der komplexen Herstellung biosimilarer Antikörper in lebenden Zellen unvermeidbar. So finden sich zwischen verschiedenen Batches Unterschiede in der Glykosylierung, Aminosäuresequenz und biologische Aktivität des biologischen Arzneimittels bleiben jedoch gleich. Lüftner: „Bewegen sich diese Unterschiede innerhalb eines definierten Korridors, sind sie funktionell unerheblich.“ Für die Wirksamkeit eines Antikörpers hauptsächlich relevant sei seine antikörperabhängige zellvermittelte Zytotoxizität (antibody-dependent cell-mediated cytotoxicity, ADCC) und diese könne durch Veränderungen des Herstellungsprozesses beeinflusst werden, erklärte Lüftner weiter. So könnten Änderungen an den Seitenketten des Antikörpers, z.B. hinsichtlich des Fucose- oder Mannosegehalts, zu einer Änderung der ADCC führen. (2) Dem Herstellungsprozess eines Biologikums kommt deshalb große Bedeutung zu.

(3, 4) „Onkologen befassen sich aber erst jetzt im Zuge der Einführung der Biosimilars eingehender mit dem Thema Herstellungsprozess und der Modernisierung von Herstellungsprozessen.“ Diese bessere Kenntnis des Wirkungsmechanismus‘ und das gestiegene Bewusstsein für die Bedeutung des Herstellungsprozesses bei biologischen Arzneimitteln führten zu besseren Qualitätskontrollen und könnten so letztlich zur Vertrauensbildung und erhöhter Akzeptanz von biosimilaren biologischen Arzneimitteln beitragen, so Lüftner. Alle fünf zugelassenen Trastuzumab-Biosimilars zeigten in Phase-IStudien eine vergleichbare Pharmakokinetik gegenüber dem Referenz-Trastuzumab (Herceptin® i.v.) und erwiesen sich auch in Sachen Verträglichkeit und Immunogenität als vergleichbar zum Original.

 

Langzeitdaten aus der Fortführung der Zulassungsstudie von CT-P6

Beim Vergleich der Phase-III-Daten zu Trastuzumab-Biosimilars berichtete Lüftner, dass derzeit nur für SB3 und CT-P6 Langzeitdaten zu Wirksamkeit und Verträglichkeit vorliegen. Diese Überlebensdaten mit langen Nachbeobachtungszeiten bewertete sie als essentiell für die Vertrauensbildung, schließlich würden Patientinnen mit frühem Mammakarzinom in der neoadjuvanten und adjuvanten Situation mit kurativer Intention behandelt.

Basis der Zulassung von CT-P6 war eine doppelblinde randomisierte Phase-III-Studie mit 549 Frauen mit frühem HER2-positivem Mammakarzinom, in der CT-P6 im neoadjuvanten Setting zu einer vergleichbaren Rate an pathologischen Komplettremissionen (pCR) wie das Referenz-Trastuzumab (RTZ) geführt hatte. (5, 6). Ebenfalls im Rahmen der Studie hatten die Frauen nach der Operation eine adjuvante Trastuzumab-Monotherapie bis zu einem Jahr (über 10 Zyklen) erhalten. Anschließend begann die Nachbeobachtungsphase für bis zu drei Jahre.

Die 2-Jahres-Daten der Studie belegten erstmals im Langzeitverlauf die therapeutische Gleichwertigkeit zum Referenzprodukt in der Behandlung von Patientinnen mit frühem HER2positivem Mammakarzinom. (7) 2019 wurden beim europäischen Krebskongress ESMO 3Jahres-Daten zur Langzeit-Wirksamkeit und -Sicherheit von CT-P6 nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 39,1 Monaten präsentiert. (8)

 

Vergleichbare Wirksamkeit und vergleichbare kardiale Sicherheit im Langzeitverlauf

528 Patientinnen wurden nach Therapieende nachbeobachtet. Das mediane krankheitsfreie Überleben (DFS) und das mediane Gesamtüberleben (OS) waren zum Zeitpunkt des Datenschnitts noch nicht erreicht, die Kaplan-Meier-Kurven für DFS und OS verliefen in beiden Studienarmen jedoch nahezu deckungsgleich. Der Anteil an DFS- und OS-Ereignissen war sowohl in der Intention-To-Treat (ITT)-Population als auch in der Per-Protocol (PP)-Population in beiden Studienarmen vergleichbar. Die 3-Jahres-DFS-Rate lag in der Intention-To-Treat (ITT)-Population sowohl unter CT-P6 als auch unter Referenz-Trastuzumab (RTZ) bei 83%. Die 3-Jahres-OS-Rate betrug in der ITT-Population unter CT-P6 93%, unter RTZ lag sie bei 94%. (8) Auch die kardiale Sicherheit der beiden Antikörper unterschied sich nicht klinisch relevant, so dass die therapeutische Äquivalenz von CT-P6 während der dreijährigen Nachbeobachtungszeit bestätigt wurde, so Lüftner. Ihr Fazit: „Nicht zuletzt belegen diese Langzeitdaten am Beispiel von Trastuzumab eindrucksvoll, dass die Biosimilars alle Kriterien für eine vergleichbare Wirksamkeit und Sicherheit erfüllen und somit echte wirtschaftliche Alternativen für die originalen Biologicals darstellen.“

 

Update 2019: PARP-Inhibitoren beim Ovarialkarzinom

Nach Jahren der Stagnation gibt es in der Therapie des Ovarialkarzinoms seit einiger Zeit eine Reihe von vielversprechenden Therapieansätzen, in deren Zentrum die PARP-Inhibition steht. Als Erhaltungstherapie führte diese Substanzklasse beim rezidivierten Ovarialkarzinom zu bis dato nicht gesehenen Verbesserungen des progressionsfreien Überlebens (PFS). Nun wurden auf dem ESMO-Kongress 2019 Phase-III-Daten zur Erhaltungstherapie mit PARP-Inhibitoren in der Primärtherapie präsentiert. „Das sind Daten von hoher Relevanz, schließlich verfolgen wir bei einigen Patientinnen in der Erstlinientherapie einen kurativen Ansatz“, kommentierte PD Dr. Fabian Trillsch, München.

Heute sei die Testung des BRCA-Mutationsstatus zwar weiter vorrangig, aber nicht mehr Voraussetzung für die Therapie mit einem PARP-Inhibitor. Vielmehr diene der BRCAMutationsstatus heute als wichtiger prädiktiver Marker für das Therapieansprechen, erklärte Trillsch. „Mit Niraparib in der AGO-OVAR 2.22/NOVA-Studie wurde erstmals eine Biomarkerunabhängige Verlängerung des PFS beobachtet (9) und so erfolgte auch die Zulassung von Niraparib, nämlich ohne Einschränkung hinsichtlich des BRCA-Mutationsstatus.“ Mittlerweile sind neben Niraparib auch Olaparib und Rucaparib beim rezidivierten Ovarialkarzinom ohne Einschränkung hinsichtlich des BRCA-Mutationsstatus zugelassen. (10-12) Die erste Studie mit einer PARP-Inhibitor-basierten Erhaltungstherapie in der Erstlinie, die SOLO-1-Studie (13), untersuchte Olaparib jedoch noch ausschließlich bei Patientinnen mit BRCA-Mutation, so dass Olaparib die Zulassung für die Erhaltungstherapie in der Erstlinie nur bei Vorliegen einer BRCA-Mutation erhielt. (11)

 

ESMO 2019: Phase-III-Daten zur PARP-Inhibition in der Erstlinie

Beim ESMO-Kongress 2019 wurden nun die Ergebnisse aus drei Phase-III-Studien zur Erhaltungstherapie mit PARP-Inhibitoren in der Firstline-Therapie des Ovarialkarzinoms präsentiert: die PRIMA-Studie mit Niraparib (14), die PAOLA-1-Studie mit Olaparib (15) und die VELIA-Studie mit Rucaparib (16). Die Ergebnisse der Studien sind nicht direkt vergleichbar, zu unterschiedlich sind die Studiendesigns, die untersuchten Mono- und Kombinationstherapien und die Einschlusskriterien, wie Trillsch betonte. Allen drei FirstlineStudien gemein ist eine signifikante Verlängerung des medianen PFS durch eine PARPInhibitor-basierte Erhaltungstherapie.

 

Niraparib: Signifikante Verlängerung des PFS auch bei Patientinnen ohne HRD

Eine reine Monotherapie mit einem PARP-Inhibitor untersuchte nur die AGO-OVAR 21/PRIMA Studie, in der 733 Patientinnen mit neu diagnostiziertem fortgeschrittenem Ovarialkarzinom nach komplettem oder partiellem Ansprechen auf die Platin-haltige Chemotherapie in einer 2:1 Randomisierung entweder Niraparib einmal täglich oral oder Placebo für bis zu 36 Monate erhielten. Die Frauen in der Studie hatten ein hohes Rezidivrisiko, ergänzte Trillsch. Etwa 50% der Frauen in beiden Studienarmen hatten einen Defekt der homologen Rekombination (HRD) (HRD-positiv). (14)

In der Gesamtpopulation wurde eine signifikante Verlängerung des PFS durch die Niraparib-Monotherapie beobachtet: Das mediane PFS (mPFS) betrug nach einem medianen FollowUp von 13,8 Monaten im Niraparib Arm 13,8 Monate gegenüber 8,2 Monate im Placebo-Arm (HR: 0,62; 95% KI: 0,50-0,76; p<0,001). Deutlich ausgeprägter war der PFS-Vorteil durch Niraparib bei den HRD-positiven Patientinnen. In dieser Subgruppe war das mPFS im Niraparib-Arm mit 21,9 Monaten doppelt so lang wie im Placebo-Arm mit 10,4 Monaten (HR: 0,43; 95% KI: 0,31-0,59; p<0,001). (14) „Aber auch die Patientinnen mit intakter homologer Rekombination profitierten, so wie für alle untersuchten Subgruppen ein Vorteil gesehen wurde“, berichtete Trillsch.

Hinsichtlich der Verträglichkeit der Erhaltungstherapie mit Niraparib ähnelten die Daten der Studie den in der Rezidivsituation ermittelten, so Trillsch, der das Sicherheitsprofil im klinischen Alltag als gut handhabbar bezeichnete. Häufigste Nebenwirkung von Grad ≥ 3 war Anämie, die bei 31% der Patientinnen unter Niraparib auftrat, gefolgt von 28,7% Thrombozytopenien Grad ≥ 3. Bei den nicht-hämatologischen Nebenwirkungen kam es am häufigsten zu Übelkeit und Fatigue. Bei 70,9% der Patienten wurde die Niraparib-Dosis reduziert. Durch die Dosis-Individualisierung konnten die Blutbildveränderungen deutlich reduziert werden, so die Autoren der Studie. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Frauen blieb unter der Erhaltungstherapie erhalten. Dies zeigt die Auswertung der im Rahmen der Studie analysierten Patient Reported Outcomes (PROs). (14)

Nach Einschätzung von Trillsch gehört zu den Einschränkungen der Studie, dass die Patientinnen zur primären Chemotherapie kein Bevacizumab erhalten durften, wie es heute dem Standard in Deutschland entspräche, und dass die Frauen im Kontrollarm nur Placebo bekamen und nicht eine Erhaltungstherapie mit Bevacizumab. „Diese Patientinnen erhielten also eine suboptimale Therapie, vor allem wenn man bedenkt, dass nur Patientinnen im Stadium IV oder im Stadium III mit sichtbarem Tumorrest nach der OP eingeschlossen werden durften.“

 

PAOLA-1-Studie: Antiangiogenese plus PARP-Inhibition

In der Studie AGO-OVAR 20/PAOLA-1 wurde Olaparib als Erhaltungstherapie nach der Erstlinientherapie mit Bevacizumab kombiniert. (15) Rationale der Studie war ein postulierter synergistischer Effekt von Antiangiogenese und PARP-Inhibition (17, 18) Die Patientinnen mit klinisch komplettem oder partiellem Ansprechen auf die Platin-haltige Chemotherapie erhielten in 2:1-Randomisierung entweder zweimal täglich Olaparib oral für bis zu 24 Monate plus Bevacizumab an Tag 1 alle 3 Wochen über 15 Monate oder Placebo plus Bevacizumab. Nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 24 Monaten im Olaparib-Arm und 22,7 Monaten im Placebo-Arm betrug das mPFS in der Intention-to-Treat (ITT)-Population unter Olaparib + Bevacizumab 22,1 Monate vs. 16,6 Monate im Placebo+Bevacizumab-Arm (HR: 0;59; 95% KI: 0,49-0,72; p < 0,0001). Bei Patientinnen mit BRCA-Mutation war der Vorteil durch den zusätzlichen PARP-Inhibitor mit einem mPFS von 37,2 Monaten vs. 21,7 Monate am stärksten ausgeprägt (HR: 0,31; 95% KI: 0,20–0,47). Für die Gesamtgruppe der BRCA-negativen Patientinnen war ebenfalls eine Verbesserung des PFS von 16,0 Monaten auf 18,9 Monate zu verzeichnen (HR: 0,71; 95% KI: 0,58–0,88). Dagegen zeigte sich in einer explorativen Analyse bezüglich des HRD-Status für Patientinnen mit negativem oder unbekanntem HRD-Status keine signifikante Verlängerung des mPFS durch die Hinzunahme der Olaparib-Therapie (16,9 Monate unter Olaparib+Bevacizumab vs. 16,0 Monate unter Placebo+Bevacizumab (HR: 0,92; 95% KI: 0,72-1,17). Die klinische Bedeutung dieser nicht-stratifizierten Subgruppen und der HRD-Testung im Allgemeinen ist bisher noch nicht abschließend geklärt und wird Gegenstand zukünftiger Diskussionen sowie wissenschaftlicher Projekte sein, betonte Trillsch.

Unerwünschte Ereignisse von Grad ≥3 traten bei 57% der Patientinnen im Olaparib-Arm und 51% der Frauen im Placebo-Arm auf. Bei 41% der Patientinnen unter Olaparib+Bevacizumab waren Dosisreduktionen notwendig und 20% der mit Olaparib+Bevacizumab behandelten Frauen brachen die Erhaltungstherapie aufgrund von unerwünschten Ereignissen ab. Trotzdem wurde kein klinisch relevanter Unterschied in der gesundheitsbezogenen Lebensqualität zwischen den beiden Therapiearmen dokumentiert, so Trillsch.

 

VELIA-Studie: PARP-Inhibitor plus Chemotherapie plus PARP-Erhaltungstherapie 

In der VELIA/GOG-3005-Studie wurde der derzeit noch nicht zugelassene PARP-Inhibitor Veliparib in Kombination mit der Erstlinien-Chemotherapie verabreicht und danach weiter als Erhaltungstherapie gegeben. (16) 1140 Patientinnen erhielten in einer 1:1:1-Randomisierung entweder Carboplatin+Paclitaxel plus Veliparib zweimal täglich gefolgt von einer Erhaltungstherapie mit Veliparib zweimal täglich oder die gleiche Chemotherapie in Kombination mit Veliparib gefolgt von einer Placebo-Erhaltungstherapie oder in der Kontrollgruppe ausschließlich Carboplatin+Paclitaxel gefolgt von einer Placebo-Erhaltungstherapie.

Die Kombination von Veliparib mit Chemotherapie gefolgt von der VeliparibErhaltungstherapie führte nach einer medianen Nachbeobachtungszeit von 28,5 Monaten in der gesamten Studienpopulation (ITT) zu einer signifikanten Verlängerung des mPFS mit 23,5 Monaten vs. 17,3 Monaten in der Kontrollgruppe (HR: 0,68; 95% KI: 0,56-0,83; p<0,001). Am deutlichsten ausgeprägt war die Verlängerung des mPFS bei den Patientinnen mit BRCAMutation (34,7 Monate vs. 22 Monate (Kontrollgruppe), HR: 0,44; 95% KI: 0,28-0,68; p<0,001).

Das Nebenwirkungsprofil von Veliparib in der Erhaltungsphase ähnelte dem von anderen PARP-Inhibitoren mit Übelkeit als häufigster Nebenwirkungen und Blutbildveränderungen. Auch in dieser Studie wurde die Lebensqualität der Frauen durch den PARP-Inhibitor nicht negativ beeinflusst. Veliparib ist derzeit der einzige PARP-Inhibitor, der im Rahmen einer Phase-III-Studie beim Ovarialkarzinom auch simultan zur Chemotherapie untersucht wurde. Trillsch bemängelte, dass zur abschließenden Beurteilung der Studienergebnisse ein reiner PARP-Erhaltungstherapie-Arm fehlte. Auch wenn weitere Zulassungen nicht vor Herbst 2020 zu erwarten seien, zeigten die Studienergebnisse, dass die Erhaltungstherapie mit PARPInhibitoren auch in der Erstlinie fester Bestandteil der Therapie sein sollte, resümierte Trillsch.

 

ESMO-Update Mammakarzinom – HER2-positive Tumoren

Auch zur Therapie des Mammakarzinoms lieferte der ESMO-Kongress 2019 neue Erkenntnisse, die Lüftner abschließend kurz zusammenfasste. Beim HER2-positiven Mammakarzinom verglich die KATE2-Studie bei Frauen mit fortgeschrittener Erkrankung die Kombination aus T-DM1 und dem Immuncheckpoint-Inhibitor Atezolizumab mit einer alleinigen T-DM1-Therapie. Das mediane Gesamtüberleben war in beiden Studienarmen noch nicht erreicht. Während in der gesamten ITT-Population kein deutlicher Unterschied gesehen wurde, zeigte sich in der Phase-II-Studie bei den Patientinnen mit PD-L1-Expression auf den tumorinfiltrierenden Immunzellen (PD-L1 IC+ Subgruppe) beim Vergleich der Kaplan-MeierKurven ein Vorteil für den Atezolizumab-Arm. (19) „Wir müssen hier Phase-III-Daten abwarten, aber die Kombination könnte eine Möglichkeit sein, potentiell neurotoxische Chemotherapien weiter nach hinten zu schieben“, kommentierte Lüftner.

Etwa die Hälfte aller HER2-positiven Mammakarzinome sind auch Hormonrezeptor-positiv (HR+). Bei diesen Patientinnen mit fortgeschrittener Erkrankung verlängerte der CDK4/6Inhibitor Abemaciclib in Kombination mit Trastuzumab und Fulvestrant in der Phase-II-Studie MonarcHER das mediane PFS gegenüber einer Chemotherapie plus Trastuzumab signifikant. (20) „Auch die Ansprechrate unter der Abemaciclib-haltigen Kombinationstherapie von knapp einem Drittel ist bei diesen mehrfach, auch mit Trastuzumab und T-DM1, vorbehandelten Frauen wirklich gut“, kommentierte Lüftner.

 

Immunonkologische Ansätze beim tripelnegativen Mammakarzinom

Nab-Paclitaxel (Abraxane®), Standard bei Patientinnen mit fortgeschrittenem tripelnegativem Mammakarzinom (TNBC), kann für bestimmte Patientinnensubgruppen mit einem CheckpointInhibitor ergänzt werden. In der IMpassion130-Studie waren der Anti-PD-L1-Antikörper Atezolizumab + nab-Paclitaxel im Vergleich zu Placebo + nab-Paclitaxel als First-LineTherapie bei Patientinnen mit metastasiertem TNBC untersucht worden. (21) Beim SABCS 2018 zeigte die Subanalyse der Studie, dass v.a. Patientinnen mit PD-L1-Expression auf den tumorinfiltrierenden Immunzellen (PD-L1-IC +) von der Hinzunahme des ImmuncheckpointInhibitors profitierten. (22) Der PD-L1-IC-Status war in hohem Maße für die Wirksamkeit der Kombinationstherapie prädiktiv. Zur Analyse des PD-L1-Status wurde in der Impassion130Studie der VENTANA PD-L1 SP142 Assay genutzt. Auf dem ESMO 2019 wurde nun eine post-hoc Untersuchung verschiedener immunhistochemischer (ICH) Assays an Proben der IMpassion 130-Studie hinsichtlich der Bestimmung des PD-L1-Status präsentiert. (23) Die von dem in der Impassion130 Studie benutzten Test (VENTANA SP142) identifizierte PD-L1positive Population hatte den größten klinischen Benefit von Atezolizumab + nab-Paclitaxel. „Der Test also hat die Population mit dem besten Ansprechen identifiziert“, erläuterte Lüftner.

Ein anderer Immuncheckpoint-Inhibitor wurde in der KEYNOTE-522 beim frühen TNBC untersucht. Die Ergänzung der neoadjuvanten Chemotherapie mit dem PD-1-Inhibitor Pembrolizumab erhöhte die Rate an pathologischen Komplettremissionen gegenüber der alleinigen Chemotherapie statistisch signifikant (64,8% (95% KI: 59,9-69.5) vs. 51,2% (95% KI: 44,1-58,3), p = 0,00055). Nach der Operation erhielten die Patientinnen, die die Chemoimmuntherapie erhalten hatten, eine adjuvante Therapie mit Pembrolizumab, die anderen Frauen als adjuvante Therapie ein Placebo In einer Interimsanalyse zeigte sich ein Trend zu einem verbesserten ereignisfreien Überleben (HR: 0,63; 95% CI: 0,43-0,93). (24)

Der Anti-PD-L1-Antikörper Durvalumab in Kombination mit dem PARP-Inhibitor Olaparib wurde in der MEDIOLA-Studie bei Frauen mit metastasiertem HER2-negativem Mammakarzinom mit BRCA-Keimbahnmutation untersucht. Die mit bis zu zwei Chemotherapielinien vorbehandelten, aber PARP-Inhibitor- und Immuntherapie-naiven Patientinnen erhielten die Kombination aus Immuntherapie und PARP-Inhibition bis zur Erkrankungsprogression. Die Gesamtansprechrate in der Wirksamkeitspopulation (n=30) betrug 63,3%. Bei den 20 Patientinnen, die mit maximal einer Chemotherapielinie vorbehandelt waren, war die Gesamtansprechrate mit 70% deutlich höher. Auch die mediane Dauer des Ansprechens, das mediane PFS und Gesamtüberleben waren besser. (25) Die Verträglichkeit des chemotherapiefreien Regimes beurteilten die Autoren der Studie als gut.

Beim Hormonrezeptor-positiven (HR+) Mammakarzinom unterstrichen neben der MonarcHER-Studie (20) außerdem die auf dem ESMO präsentierten Daten der MONARCH2- und der MONALEESA3-Studie, dass die CDK4/6-Inhibitoren heute unerlässlicher Bestandteil der Therapie sind. (26, 27) Die zusätzliche Behandlung mit einem CDK4/6-Inhibitor verlängerte das Überleben bei Frauen mit HR+ und HER2-negativem fortgeschrittenem Mammakarzinom. (26, 27) “Das sind wirklich sehr gute Überlebensdaten, wie wir sie bisher beim fortgeschrittenen Hormonrezeptor-positiven Mammakarzinom noch nicht gesehen haben“, kommentierte Lüftner.

 

Autorin: Mascha Pömmerl, Feldkirchen-Westerham

 

 

Literatur

  1. Tabernero J et al. ESMO Open 2017; 1(6): e000142
  2. Kim S et al. MAbs 2017;9: 704-714
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  5. Stebbing J et al. Lancet Oncol 2017; 18: 917-928
  6. Bezogen auf die Vergleichbarkeit bzgl. Sicherheit, Wirksamkeit und Pharmakologie zum OriginalTrastuzumab, EPAR Assessment Report: Herzuma®, EMA/44005/2018.
    Abrufbar unter: https://www.ema.europa.eu/documents/assessment-report/herzuma-epar-public-assessmentreport_en.pdf, aufgerufen am 07.11.2019
  7. Esteva FJ et al. SABCS 2018, Abstract P6-17-03
  8. Stebbing J et al. ESMO 2019, Abstract 190P und Poster
  9. Mirza MR et al. N Engl J Med 2016;375: 2154-64
  10. Fachinformation Zejula 100 mg Hartkapseln, Stand Juni 2019
  11. Fachinformation Lynparza® 100 mg/-150 mg Filmtabletten, Stand Oktober 2019
  12. Fachinformation Rubraca 200 mg/- 250 mg/- 300 mg Filmtabletten, Stand Februar 2019
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  14. González-Martín A et al. 2019 Ann Oncol 2019; 30 (suppl_5): v851-v934. 10.1093/annonc/mdz394. Abstract LBA1
  15. Ray-Coquard IL et al. Ann Oncol 2019; 30 (suppl_5): v851-v934. 10.1093/annonc/mdz394. Abstract LBA2_PR
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  19. Emons LA et al. Ann Oncol 2019; 30 (suppl_5): v104-v142. Abstract 305O
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  21. Schmid P et al. N Engl J Med 2018;379(22):2108-2121
  22. Emens LA et al. SABCS 2018, Abstract GS1-04
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  25. Domchek S et al. Ann Oncol 2019; 30 (suppl_5): v475-v532. Abstract 1191O
  26. Sledge GW et al. Ann Oncol 2019; 30, (suppl_5), mdz394.006, LBA 6_PR
  27. Slamon DJ et al. Ann Oncol 2019;30, (suppl_5), mdz394.007, LBA7_PR

 

 


Quelle: Nachmittagssitzung des 47. Münchener Fachpresse-Workshop der POMME-med am 23.10.2019 in München; Gemeinsame Sponsoren: Celgene GmbH, Mundipharma Deutschland GmbH & Co. KG, TESARO Bio Germany GmbH (tB).

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