Sepsis in Deutschland

Aktueller Stand und Perspektiven in Diagnose, Epidemiologie und Therapie der Sepsis

Von Professor Dr. Michael Quintel München

München (3. Mai 2007) – Der Verdacht auf eine Sepsis ist bei Patienten mit einer Körpertemperatur über 38 oder unter 36 Grad Celsius, einer Hypotonie, einer renalen Dysfunktion und einer Verschlechterung der Bewusstseinslage gegeben. Zu den weiteren Kriterien der Sepsis gehört eine Herzfrequenz von über 90 Schlägen pro Minute, eine Atemfrequenz von über 20 sowie eine Leukozytenzahl von über 12.000 oder kleiner 4.000. Sind von diesen Kriterien zwei oder mehr erfüllt, so ist von einer systemischen Entzündungsreaktion des Organismus (SIRS = Systemic Inflammatory Response Syndrome) auszugehen. Eine Sepsis liegt dann vor, wenn neben den genannten Kriterien auch eine Infektionsquelle vermutet oder nachgewiesen ist.

Zu unterscheiden ist zwischen Sepsis, schwerer Sepsis und septischem Schock. Bei der schweren Sepsis besteht zusätzlich mindestens eine Organdysfunktion zum Beispiel bezogen auf das Herz‑Kreislaufsystem oder das respiratorische System. Charakteristisch für den septischen Schock ist darüber hinaus ein systolischer Blutdruck von ≤ 90 mmHg bzw. der Einsatz von Vasopressoren, um den Blutdruck auf ≥ 90 mmHg zu halten. 

Respiratorisches System ‑ häufigste Infektionsquelle der Sepsis
In einer Studie des Kompetenznetzwerkes SEP‑NET wurde stratifiziert nach Klinikgröße (kleiner 200, 400, 600 Betten oder größer sowie Universitätskliniken) die Prävalenz der Sepsis, deren Infektionsquelle und das Erregerspektrum genauer untersucht. Überproportional häufig erwies sich dabei das respiratorische System mit etwa 63 Prozent als Ursache der Sepsis. Es folgten mit 25 Prozent intraabdominelle Infektionen, deutlich seltener waren Haut‑ und Weichgewebeinfektionen sowie gastrointestinale und urogenitale Infektionen die Krankheitsursache.

Bei den Erregern zeigte sich nahezu ein Gleichgewicht zwischen grampositiven und gramnegativen Keimen mit jedoch nach wie vor leichter Dominanz gramnegativer Erreger. Häufige Keime waren dabei Pseudomonas aeruginosa sowie Enterokokken und Staphylococcus aureus. Außerdem spielte Candida albicans als Pilzinfektion in der Erhebung eine bedeutendere Rolle als bislang angenommen.

In rund 34 Prozent der Fälle lag eine Organdysfunktion, also eine schwere Sepsis, vor. Dieses schwere Krankheitsbild fand sich in Universitätskliniken deutlich häufiger als in kleineren Häusern auf kommunaler Ebene. 

Sofortige antibiotische Therapie senkt die Gefährdung des Patienten

Die Letalität des Krankheitsbildes ist hoch: Sie liegt beim septischen Schock bei 80 Prozent. Nimmt man die schwere Sepsis und den septischen Schock zusammen, so ist entsprechend der aktuellen Daten von einer Letalität von 54 Prozent auszugehen.

Primäres Ziel der Behandlung ist die Sanierung der Infektionsquelle, sofern dies möglich ist. Darüber hinaus ist stets eine kalkulierte antibiotische Therapie indiziert und das möglichst rasch, da hier jede Stunde zählt. Denn je früher mit einer adäquaten Behandlung, die möglichst das gesamte zu erwartende Erregerspektrum umfassen sollte, begonnen wird, umso größer sind die Überlebenschancen des Patienten. Es sollte deshalb möglichst schon in der ersten Stunde nach der Diagnosestellung, in jedem Fall aber innerhalb der ersten vier Stunden eine kalkulierte Antibiotikatherapie eingeleitet werden. Denn mit jeder Stunde, die in dieser Hinsicht versäumt wird, steigt das Mortalitätsrisiko des Patienten um sechs bis zehn Prozent.

Diskutiert wird derzeit, welche Therapiestrategie erfolgsversprechender ist: eine initiale Monotherapie mit einem Breitspektrum‑Antibiotikum oder bereits initial eine Kombinationstherapie. Diese Frage ist bislang weltweit unbeantwortet und soll nunmehr in einer groß angelegten Studie des SEP‑NET mit mehr als 600 Patienten geklärt werden. Behandelt wird dabei entweder mit Meropenem als Monotherapie oder Meropenem plus Moxifloxacin als Kombinationstherapie (MAXSEP‑Studie). Moxifloxacin wurde als Kombinationspartner gewählt wegen seiner guten Gewebegängigkeit und wegen der sehr guten klinischen Wirksamkeit, besonders auch bei respiratorischen Infektionen, die sich in der Prävalenzstudie als dominierend bei der Sepsis erwiesen haben. Es wird erwartet, dass beim Einsatz der beiden Substanzen als Kombinationstherapie additive und möglicherweise sogar synergistische Effekte zum Tragen kommen. 

Autor
Prof. Dr. med.
Michael Quintel
Abteilung Anaesthesiologie II ‑ Operative Intensivmedizin;
Zentrum Anaesthesiologie, Rettungs‑und Intensivmedizin
Universitätsklinikum der Georg‑August‑Universität
Robert‑Koch‑Str. 40
37075 Hannover
 


Quelle: Satellitensymposium der Firma Bayer HealthCare zum Thema „Infektionsmanagement nach Operationen" beim 124. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie am 03. Mai 2007 in München.

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