Adipositas – Neue Wege in Forschung und Therapie

Forschungsnetz bietet neue Möglichkeiten für Forschung und praktische Anwendung

 

Berlin (16. Juni 2008) – In Deutschland leiden rund 16 Millionen Menschen an krankhaftem Übergewicht. Ernährungsbedingte Erkrankungen verursachen jährlich etwa 70 Milliarden € (im Jahr 2004) an Kosten für das Gesundheitswesen. Die WHO hat bereits vor zwölf Jahren festgestellt: „Adipositas ist eine chronische Erkrankung“, doch diese Auffassung hat nicht überall Konsequenzen gefunden. In Deutschland wurde Adipositas von Behörden und Krankenkassen bislang nicht als Krankheit anerkannt, sondern allenfalls als Risikofaktor für die Entstehung von Folgeerkrankungen wie Diabetes mellitus und Leberverfettung. „Dies hat nicht nur Nachteile für die Betroffenen erbracht, sondern auch für die Forschung, denn bislang wurde Adipositas nicht explizit im Rahmen klinischer Forschung unterstützt,“ sagt Prof. Dr. Stephan Bischoff, Direktor des Instituts für Ernährungsmedizin Universität Hohenheim in Stuttgart, anlässlich der „Ernährung 2008“ in Hamburg. Dies habe sich in den letzten Monaten zum Positiven hin geändert. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) hat im letzten Jahr erstmals eine große Ausschreibung zum Thema Adipositas veranlasst, was in diesem Jahr dazu führt, dass acht ausgewählte Forschungsverbände in Deutschland vom BMBF finanziert, gezielt Adipositasforschung betreiben können. Daraus soll ein neues Kompetenznetz Adipositasforschung in Deutschland entstehen. Dies ist ein Meilenstein, der die deutsche Adipositasforschung nachdrücklich beeinflussen wird. Das Forschungsprojekt ist auf zwölf Jahre angelegt und wird in der Anschubphase mit acht Millionen Euro gefördert. Ebenso gibt es das Projekt „Gesundheitsregionen der Zukunft“, an der die Universität Hohenheim ebenfalls teilnimmt.

 

Innerhalb des Adipositas Netzwerkes verfolgt die Universität Hohenheim eine neue For-schungsrichtung, die mittelfristig Hoffnung auf neue Therapieansätze gibt. „Das Essverhalten wird über das Gehirn und durch Hormone gesteuert und beeinflusst dadurch den Aufbau von Fettgewebe. Es gibt jedoch Hinweise, dass auch der Magen-Darm-Trakt an der Steuerung der Gewichtszunahme beteiligt ist“, sagt Prof. Bischoff. Neben Appetitzüglern, die das Essverhalten über das Gehirn bremsen sollen, könne eine zukünftige Generation von Medikamenten auch über den Magen-Darm-Trakt wirken. Dies ist jedoch noch in der Erforschung und bis zu praktischen Anwendung ist es noch ein weiter Weg. In dem Projekt werden neben der Grundlagenforschung auch Therapieverbesserungen entwickelt und Patienten werden direkt mit einbezogen.

 

Operative Verfahren sorgen für Gewichtsverlust

Zeitgleich mit dieser erfreulichen Entwicklung sind zahlreiche Neuerungen in der Behandlung von Adipositas-Kranken bekannt geworden. Insbesondere die chirurgischen Verfahren haben sich wesentlich weiterentwickelt und konnten ihre Effektivität auf hohem Niveau belegen. Mit dem sogenannten „Gastric Bypass“ können stark übergewichtige Menschen zum Beispiel bis zu 50 Prozent ihres Gewichtes verlieren. Bei dieser Methode wird operativ eine Umleitung des Darmes umgesetzt. Es entsteht zunächst ein kleiner Restmagen, der keine Verbindung mehr zum ursprünglichen Magenausgang besitzt und an die Dünndarmwand angeschlossen wird. Der Zwölffingerdarm wird somit umgangen. Die Nahrung passiert nach der Speiseröhre den kleinen neugebildeten Magen und fließt direkt in den Dünndarm. Diese Veränderung der Anatomie führt dann zu dem gewollten Gewichtsverlust.

Bei konservativen Therapieverfahren ist zum Beispiel das Optifast-Programm eine sinnvolle Hilfe für Menschen mit krankhaftem Übergewicht. Das Programm ist ein einjähriges, medizi-nisch und psychologisch begleitetes Programm zur Gewichtsreduktion und zum dauerhaften Halten des Gewichts. In der so genannten Fastenphase besteht die Nahrung aus einer For-mula-Diät (Fertigprodukte). Das ambulante Therapieprogramm wird in rund 35 Zentren in Deutschland und Österreich angeboten.

 

„Gesundheitsregionen der Zukunft“

Das Projekt „Gesundheitsregionen der Zukunft“ in Deutschland des BMBF setzt sich gegen gesundheitsgefährdende Fettleibigkeit ein und soll Gesundheitsförderung und Stärkung der Wirtschaftskraft vereinen. Die Region Stuttgart gehört zu den 20 Siegern der ersten Runde. Ein gemeinsamer Konzeptantrag der Universität Hohenheim und der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH (WRS) war beim BMBF erfolgreich. Die 20 Regionen erhalten zunächst bis zu 100.000 Euro, um einen detaillierten Antrag auszuarbeiten. Im nächsten Jahr qualifizieren sich höchstens fünf Regionen endgültig als Gesundheitsregionen, für die das Programm 40 Millionen Euro zur Verfügung stellt.

Bei dem Bundeswettbewerb tritt die Region Stuttgart mit einem flächendeckenden Programm gegen gesundheitsgefährdendes Übergewicht (Adipositas) an, das neben der Vorbeugung auch die Therapie umfasst. Im Mittelpunkt stehen die Themen bedarfsgerechte ausgewogene Ernährung und ausreichende Bewegung. Geplant sind unter anderem eine Gesundheitsvorsorgekarte, die persönliche Risiken aufzeichnet und die modellhafte Entwicklung eines regionalen Gesundheitsparks, in dem verschiedenste Gesundheitsdienstleister niedergelassen sind. Auch die betriebliche Gesundheitsvorsorge soll in das Konzept integriert werden.

 

Hintergrund: Gesundheitsregionen der Zukunft

Die Gesundheitswirtschaft ist die größte Wirtschaftsbranche in Deutschland. Jährlich werden rund 240 Milliarden Euro für Gesundheit ausgegeben. Das Innovationspotenzial der Branche ist enorm. Um neue, zukunftsfähige Versorgungsstrukturen aufzubauen und Forschung, Entwicklung und Verwertung von innovativem Wissen in Deutschland intensiver zu verknüpfen hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung den Wettbewerb Gesundheitsregionen der Zukunft ins Leben gerufen. Die 20 ausgewählten Gesundheitsregionen sollen zur Stärkung der Gesundheitswirtschaft in Deutschland beitragen. Internationale Erfahrungen zeigen, dass Innovationen im Gesundheitswesen immer dann entstehen, wenn alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette regional eng zusammenarbeiten. Und wenn medizinische Innovationen schneller verbreitet und effizienter eingesetzt werden, verbessert das nicht nur die Gesundheitsversorgung der Patientinnen und Patienten, sondern trägt auch dazu bei, die Kosten im Gesundheitswesen einzudämmen. Insgesamt hatten 85 Antragsteller Konzepte eingereicht.


Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin e.V. (DGEM) vom 16. 06.2008.

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