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Allergien im Zeitalter des Klimawandels

Therapie im Hochgebirge bringt viele Vorteile

 

Davos, Schweiz (27. Oktober 2007) – Von den erwachsenen Asthmapatienten leiden zwei Drittel an einem allergischen Asthma, bei Kindern der überwiegende Teil. Daher spielen Maßnahmen der Vermeidung oder zumindest Verringerung von Allergenen in der häuslichen Umgebung für das nicht-medikamentöse Management der Erkrankungen eine wichtige Rolle. Eine möglichst allergenarme, am besten allergenfreie Umgebungssituation sollte für die wohnortferne Rehabilitation von Asthmapatienten immer angestrebt werden, denn sie unterstützt die optimale Wirkung der Behandlung wesentlich.

 

Aktuelle Studien zeigen, dass die Situation der Behandlung im Hochgebirge deutliche Therapievorteile bringt.[1] Im europäischen Hochgebirge (Alpen) besteht regional und höhenabhängig eine vollständige Hausstaubmilben-Freiheit und eine deutlich niedrigere Konzentration an saisonalen Allergenen (Pollen, Schimmelpilze) sowie eine sehr verkürzte Saison für diese Allergene. Mehrere Studien zeigten eine deutliche Abnahme verschiedener Indikatoren für eine Atemwegsentzündung. Gleichzeitig wurde eine Verbesserung der Lungenfunktion gezeigt. Eine neuere niederländische Studie mit einer Kontrollgruppe im Flachland zeigte, dass eine kurze Periode der rigorosen Allergenkarenz im Hochgebirge zu einer Verbesserung des Asthmas führte. „Die hier zusammenfassend dargestellten Studien sprechen dafür, dass günstige Wirkungen des Hochgebirgsklimas sowohl bei allergischem als auch bei nicht allergischem, steroidpflichtigem Asthma eintreten, zusätzlich zur Pharmakotherapie am Heimatort,“ erklärten die Referenten Dr. Thomas Rothe und PD Dr. Günter Menz auf dem Symposium „Aggressive Allergene durch den globalen Klimawandel“ in Davos am 27.10.2007.

 

Vorteile der Hochgebirgstherapie auch bei Hauterkrankungen

 

Schwere, chronische, den Patienten lebenslang begleitende Hauterkrankungen bedeutet sowohl für sein soziales Umfeld als auch für seine Familie und für den ambulant behandelnden Arzt eine ständige Herausforderung, erklärte Dr. Claudia Steiner, Co-Chefärztin der Klinik für Dermatologie und Allergologie der Hochgebirgsklinik Davos. Nicht selten kommt es im Laufe der Erkrankung zu Verschlechterungen, die ambulant nicht mehr oder nur unter Einsatz einer nebenwirkungsreichen Therapie zu beherrschen sind. Oft werden zudem diagnostische Maßnahmen erforderlich, die unter ambulanten Bedingungen ein hohes Risiko in sich bergen.

 

In diesem Falle bieten sich die einzigartigen therapeutischen Bedingungen des Davoser Hochgebirgstales an. Die Luft ist hier nahezu frei von Staub und Schadstoffen, trocken und wirkt durch einen verringerten Sauerstoffgehalt auf verschiedene Organsysteme anregend. Die Belastung mit Allergenen fällt sehr gering aus, Hausstaubmilben kommen aufgrund der Höhenlage nicht vor, Schimmelpilzsporen und Pflanzenpollen sind im Vergleich zur Ebene wesentlich erniedrigt. Insbesondere das Strahlenklima mit langer Sonnenscheindauer und aufgrund der Höhenlage wirkt sich positiv auf das Immunsystem und auch auf viele weitere chronische Hauterkrankungen aus. Vom sehr günstigen UV-Spektrum profitieren insbesondere auch Patienten mit Neurodermitis und Schuppenflechte.

 

Nach Angaben von Dr. Steiner ist ein Aufenthalt unter den therapiebegünstigenden reizklimatischen Bedingungen des Hochgebirges von Davos notwendig bei:

 

  • ambulanter Therapieresistenz,
  • Verschlechterung des Gesundheitszustands unter ambulanter Therapie,
  • nach stationärer Resistenz und/oder häufiger Rückfälligkeit nach stationärer Behandlung,
  • akutem Schub erheblichen Ausmaßes,
  • Befall der Hände und Füsse mit Funktionsbeeinträchtigung,
  • ausgedehntem Befall,
  • ambulanter Beherrschbarkeit nur unter Einsatz nebenwirkungsreicher Medikamente,
  • Steroidentzug,
  • erforderlicher komplexer externer Behandlung, die nur durch fachdermatologisches Personal durchgeführt werden kann und tägliche ärztliche Präsenz erfordert.

 

Im therapeutischen Konzept der Hochgebirgsklinik spielt die Klimatherapie mit dem wichtigen Bestandteil der ganzjährig möglichen Lichttherapie eine wichtige Rolle. Die UV-Strahlung liegt mit etwa 24 Prozent höher als auf Meereshöhe und wird im Winter durch den Schnee verstärkt. Das Strahlenspektrum der Hochgebirgssonne enthält UVA- und UVB-Strahlung in einem höhenspezifischen UVB-betonten Verhältnis. Im Vergleich zu selektiver künstlicher UV-Therapie ist die natürliche Höhensonne schonender, da sie niedriger dosiert werden kann. Weiterhin wirken photobiologische, die Abwehrkraft fördernde Effekte auf die Haut. Der Organismus wird durch die Höhe und den dadurch bedingten Sauerstoffmangel zu einer sofortigen Anpassung gezwungen, es kommt zu einer Kreislaufaktivierung, einer Vertiefung der Atmung und damit zu einer allgemeinen Umstellung des Körpers auf Aktivität und Belastbarkeit. Für den Neurodermitiker bedeutet dies, dass Herz und Kreislauf durch den Sauerstoffmangel aktiviert und konsequenterweise auch die Hautdurchblutung verbessert werden.

 

Höhenklimatisch bedingt erfolgt eine erhöhte körpereigene Cortisolausschüttung. Dadurch besteht die Möglichkeit, corticoidhaltige Medikamente sowie eine krankheitsbezogene Steroidtherapie abzubauen. Eine niedrigere Luftfeuchtigkeit fördert die Abdunstung der Haut. Dies führt zu einer Erniedrigung der Hauttemperatur und zu einer Minderung des Juckreizes. Auch die Entfernung von Alltag und Arbeitsplatz wirken sich günstig auf Psyche und Haut aus. Die äußere Therapie der Haut gestaltet sich mild und möglichst corticosteroidfrei.

Darüber hinaus erfolgen begleitende Maßnahmen. Psychischer, sozialer Stress wird oft als Auslösefaktor bei einem Neurodermitisschub angegeben. Da sehr viele Patienten nicht in der Lage sind, die zugrunde liegenden Probleme alleine zu bewältigen bzw. Bewältigungsstrategien zu entwickeln, steht professionelle Hilfe durch ein Psychologenteam zur Verfügung. Zudem werden Entspannungstherapien, Verhaltenstraining, intensive Schulung wie Krankheitsbewältigung mit Juckreiztraining, Vermeiden von Auslösefaktoren, Schulungen in Hautreinigung und Pflege und Schulungen in Selbstbehandlung angeboten.

 

Im Rahmen dieses Gesamtkonzepts gelingt eine Abheilung und Stabilisierung des Hautbefundes, der Patient ist in der Lage, ein „Management“ seiner Erkrankung zu übernehmen, so Steiner.

 

Klimawandel und Allergien

 

Das Klima wird durch verschiedene Faktoren wie Erdbahnschwankungen und natürlich die Sonneneinstrahlung beeinflusst. Messergebnisse des Weltstrahlungszentrums in Davos haben gezeigt, dass die Sonneneinstrahlung im Durchschnitt abgenommen hat, die Temperatur auf der Erde aber dennoch im gleichen Zeitraum stark anstieg. Dr. Julian Gröbner vom Physikalisch-Meteorologischen Observatorium Davos folgerte daraus, dass nicht die Sonne, sondern der Mensch für die derzeitige Erderwärmung und den damit verbundenen Klimawandel verantwortlich ist.

 

Für Dr. Matthias Möhrenschlager, Klinik und Poliklinik für Dermatologie und Allergologie am Biederstein, TU München, steht der Einfluss von Umweltfaktoren außer Zweifel – sowohl im Hinblick auf die Pollenanzahl, auf neue Pollen und auf veränderte Pollen mit modifizierter allergener Potenz. Neuen Erkenntnissen zufolge sind Pollen in der Außenluft nicht nur Allergenträger, sondern sie setzen auch hochaktive, Entzündungsprozesse fördernde Botenstoffe frei, die veränderte und neue Pollen erzeugen können. Bei der Vermeidung und Behandlung von Allergien müssen in Zukunft diese veränderten und neuen Pollen vom Allergologen berücksichtigt werden, so Möhrenschlager.

 

Einfluss von Umweltfaktoren auf Erkrankungen

 

Die Frage, ob Umweltfaktoren Einfluss auf Erkrankungen nehmen oder Ursache für die rapide Zunahme von Asthma und Allergien ist, spielt eine immer größere Rolle. PD Dr. Roger Lauener, Leitender Arzt an der Universitäts-Kinderklinik Zürich, stellte in diesem Zusammenhang Studien und Beobachtungen zur Diskussion, die zeigen, dass Kinder, die häufig mit viralen oder bakteriellen Krankheitserregern konfrontiert werden, später einem geringeren Risiko ausgesetzt sind, an einer Allergie zu erkranken. Diese sog. Hygienehypothese besagt, dass das Immunsystem eine Gewöhnung bei regelmäßiger Auseinandersetzung mit Mikroben erfährt. Dabei haben Kinder, die in ländlichen Gegenden oder auf Bauernhöfen aufwachsen, eine Vorteil gegenüber Kindern, die in der Stadt leben und auch Einzelkindern, die zudem noch wenig Kontakt zu anderen haben. Bislang kann diese These allerdings nicht bekräftigt werden, so Lauener abschließend, da wir zur Zeit noch viel zu wenig verstehen, welche Faktoren auf einem Bauernhof Schutz vor Allergien vermitteln.

 

Die Allergiekarriere rechtzeitig stoppen

 

Für Dr. Hans-Joachim Mansfeld, Chefarzt der Allergieklinik – Zentrum für Kinder und Jugendliche – an der Hochgebirgsklinik Davos, stellt Asthma bronchiale inzwischen die häufigste und somit wichtigste chronische Erkrankung des Kindes- und Jugendalters dar. Die Chancen einer Spontanheilung sind äußerst gering und es droht der Übergang in das fortschreitende chronisch-verstopfte Atemwegsleiden des Erwachsenen.

 

Präventiv- und Behandlungsmaßnahmen sollten daher idealerweise bald nach der Geburt erfolgen, da Fehlentwicklungen des Immunsystems wahrscheinliche bereits vor der Geburt bzw. im Säuglingsalter entstehen, folgerte Mansfeld. Als primäre Allergieprävention bei Hochrisikokindern empfiehlt er das Stillen während der ersten 4-6 Monate, eine Ernährung ohne Stoffe mit bekanntem allergenen Potential und die Vermeidung des Passivrauchens. Sollten sich bereits erste allergische Symptome beim Kind ausgeprägt haben, ist die einzige medikamentöse und therapeutisch wirksame Maßnahme die spezifische Immuntherapie, die als höchst effizient in Form von subkutaner (SIT) oder sublingualer (SLIT) Applikationsweise gilt. 

 

Fazit

Allergien sind komplexe Krankheitsbilder, die verschiedene Organe betreffen und in ihrem variablen, chronisch und chronisch-wiederkehrendem Verlauf den Therapeuten vor große Probleme stellen. Neben der konstitutionellen Beschaffenheit des Patienten kommt den Umweltfaktoren in der Ausprägung der Krankheit zentrale Bedeutung zu. Dies macht sowohl die Diagnose als auch die Behandlung schwierig. Daher muss in der Betreuung ein Gesamtkonzept greifen, das alle relevanten Aspekte berücksichtigt.

Die Behandlung in Hochgebirgslage (über 1.500 m) hat sich von großem therapeutischen Vorteil für Atemwegs- und Allergiepatienten erwiesen. Das fachgebietsübergreifende Kompetenznetzwerk der Bereiche Allergologie, Pneumologie und Dermatologie der Hochgebirgsklinik Davos bietet zusätzlich optimale Voraussetzungen für die Behandlung selbst schwerster Fälle.

1] Schultze-Werninghaus, Chem Immunol Allergy 2006; Menz, Exp Rev Respir Med 2007


 

Quelle: Pressekonferenz der Hochgebirgsklinik Davos zum Thema „Agressive Allergene durch den Klimawandel“ am 27. Oktober 2007 in Davos, Schweiz (Media Concept) (tB).

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