Patientenwohl statt Standesdünkel: Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie warnt vor einer neurologischen Unterversorgung alter Patienten

Altersmedizin – ohne Neurologie nicht möglich

 

Hamburg/Berlin (26. September 2012)  – Die Versorgung der wachsenden Zahl alter Patienten in Deutschland ist inzwischen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe erkannt worden. Im medizinischen Bereich wird die Altersmedizin, die Geriatrie, als Lösung für diese Patienten gesehen. Die aktuelle Diskussion dreht sich um die Frage: Welche Fachkompetenzen müssen Geriater überhaupt mitbringen? Obwohl zwei Drittel aller altersbedingten Störungen von Neurologen behandelt werden müssten, ist dieses Fachgebiet noch nicht ausreichend in die Diskussion eingebunden.

 

Tatsächlich aber arbeiten viele neurologische Kliniken und Abteilungen wegen der vielen hochbetagten Patienten bereits wie geriatrische Einrichtungen, werden als solche jedoch nicht anerkannt. Dabei wäre dies nur ein kleiner Schritt, denn Neurologen arbeiten bereits im interdisziplinären Team ganzheitlich und sozialmedizinisch, wissenschaftlich fundiert und rehabilitativ. „Diese Situation einer Undercover-Geriatrie durch Neurologen ist äußerst unbefriedigend und muss sich grundlegend ändern“, fordert Prof. Dr. Martin Grond (Siegen), 3. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, heute auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Hamburg. „Eine Geriatrie ohne Neurologie ist nicht vorstellbar!“ Sonst sind die Leidtragenden die Patienten, da ihnen die neurologische Fachkompetenz vorenthalten bleibt.

 

Mehr Lebensqualität und Selbstbestimmung für alte Patienten

 

Die Menschen werden immer älter und ihre Versorgung gilt als große Herausforderung für das Gesundheitssystem. In den kommenden 20 Jahren wird der Anteil von Menschen über 65 Jahren von jetzt 20 auf mehr als 30 Prozent zunehmen. Es gilt, ihre Lebensqualität und Selbstbestimmung zu sichern, etwa bei der Behandlung und Betreuung von Schlaganfall- oder Demenzerkrankungen sowie bei der Sturzprävention.

 

In der Altersgruppe über 65 liegen die teuersten Krankheiten im neuropsychiatrischen Bereich mit etwa 1000 Euro pro Einwohner im Jahr, ab 85 Jahren schnellen diese Ausgaben sogar auf rund 6000 Euro in die Höhe. Die Hälfte bis zwei Drittel aller geriatrischen Diagnosen sind neurologisch: Schlaganfall oder seine mildere Form, die TIA (Transiente Ischämische Attacke), sowie Schmerzen, Schwindelsyndrome, Schlafstörungen, neurodegenerative Erkrankungen wie Morbus Parkinson oder die Alzheimer-Demenz, vaskuläre Demenz, kognitive Störungen und Polyneuropathien als Folge von Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes. „Einen Geriater ohne neurologische Kompetenzen kann und darf es eigentlich nicht geben", so Grond. Die Realität sieht aber anders aus: Die meisten geriatrischen Abteilungen werden von Internisten ohne neurologische Weiterbildung geleitet.

 

„Die meisten Neurologen arbeiten heute schon in der Altersmedizin – ohne dafür anerkannt zu werden", so Professor Martin Grond. Eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Neurologie im Februar 2012 unter den leitenden Ärzten aller 468 neurologischen Einrichtungen in Deutschland zeigt, dass mindestens 120 bereits eine geriatrische Zusatzbezeichnung besitzen oder entsprechende Kompetenzen im Team haben. Weitere 60 Befragte waren im Begriff, diese „Zusatzbezeichnung Geriatrie" zu absolvieren. Fast 90 Prozent der antwortenden neurologischen Klinikchefs wünschten sich eine intensivere Weiterbildungsmöglichkeit, die in einen Facharzt für Neurologie und Geriatrie mündet. In einem weiteren Umfrageergebnis sieht Grond den Hinweis, dass die geriatrischen Kompetenzen von Neurologen derzeit noch deutlich unterschätzt werden: Jeder vierte Antrag zur Weiterbildungsermächtigung – also der Möglichkeit, andere Ärzte in Geriatrie auszubilden, – wurde von den zuständigen Ärztekammern abgelehnt. „Das grenzt schon an Diskriminierung", so Grond.

 

Die beste Lösung wäre, dass sich die drei Fächer Neurologie, Psychiatrie und Innere Medizin an einen Tisch setzen und sich über eine gemeinsame Lösung für einen Facharzt für Geriatrie verständigen – nicht im Sinne von Standesinteressen, sondern ausschließlich zum Wohl der Patienten, die ein Recht auf das gesamte Spektrum der Altersmedizin haben.

 


 

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), 28.09.2012 (tB).

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