ANIM 2015 in Berlin

Zu wenige Neurointensivstationen in Deutschland

 

Berlin (9. Februar 2015) – Mit einem neuen Teilnehmerrekord ging die ANIM 2015 in Berlin zu Ende: Über 1.600 Mediziner aller neuro- und intensivmedizinischen Fachrichtungen, Pflegekräfte und Therapeuten konnten auf der Arbeitstagung NeuroIntensivmedizin vom 29. bis 31. Januar im Berliner Kosmos begrüßt werden, um sich über aktuelle Forschungen und Entwicklungen auszutauschen. Neben Schlaganfall oder Schädelhirntrauma bildete das Thema Hirntoddiagnostik einen Schwerpunkt dieses Kongresses. Tagungspräsident war Professor Cornelius Weiller aus Freiburg. Auf der begleitenden Pressekonferenz am 30. Januar erläuterten die Tagungsleitung sowie die Präsidenten der Deutschen Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin (DGNI) und der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG), wie neue Studienergebnisse das Konzept der akuten Schlaganfallbehandlung verändern und wie mit Zertifizierungen und Weiterbildung die Behandlungsqualität und die Patientenversorgung in der Neurointensivmedizin gesichert werden.


Ein Drittel aller Patienten, die als Notfälle in eine zentrale Notaufnahme kommen, profitieren von einer neurologischen Expertise, berichtete Prof. Weiller. Die neurologische und neurochirurgische Intensivmedizin ist wichtig, das Gehirn braucht unbedingt die Berücksichtigung spezifischer intensivmedizinischer Aspekte. „Eine unserer Aufgaben ist es auch, das Bewusstsein für die Wichtigkeit der Behandlung des Gehirns zu wecken“, betonte Weiller vor dem Hintergrund, dass es de facto zu wenige Neurointensivstationen in Deutschland gebe. Ein Konzept zur Verbesserung ist die Zentralisierung von Notaufnahmen. Die Frage, woran es liege, dass Intensivstationen nicht immer auch eine neurologische Versorgung anbieten, konnten die Experten nicht erschöpfend beantworten. Kostengründe seien jedoch nicht der Hauptgrund. „Neurologische Intensiv- und Notfallmedizin hat zunehmend an Bedeutung gewonnen. Die Anzahl der Patienten ist in den letzten Jahren kontinuierlich und überproportional gestiegen. Nicht im gleichen Maße ist die Anzahl der neurointensivmedizinischen Behandlungsplätze gestiegen“, so DGNI-Präsident Prof. Andreas Ferbert. Es sei das Ziel der DGNI, diesen Bedarf darzulegen und auszugleichen. Zunehmend werde Intensivmedizin in Deutschland auf allgemeinen, nicht fachspezifischen Intensivstationen betrieben. Hier werde die DGNI, Modelle entwickeln, die es erlauben, den „Neurosachverstand“ zum Wohle der Patienten bereitzustellen.

 

Auch im Rahmen der Ausbildung ist die Gesellschaft bestrebt eine Verbesserung der Versorgungssituation zu erreichen. Dazu erklärte Wolf-Dirk Niesen, ANIM-Tagungssekretär und Leiter der Neurologischen Intensivstation des Uniklinikums Freiburg: „Im Rahmen der Novellierung der Weiterbildungsordnung durch die Bundesärztekammer wurde durch die DIVI unter aktiver Mitarbeit der DGNI ein Vorschlag für eine neu strukturierte, kompetenzbasierte Weiterbildung „Intensivmedizin“ erstellt. Dieser Katalog verknüpft die fachspezifische intensivmedizinische Kompetenzanforderung mit den allgemeinen intensivmedizinischen Ansprüchen, mit denen sich auch der Neuro-Intensivmediziner konfrontiert sieht. Zur Umsetzung wurde eine Task-Force „Weiterbildung“ ins Leben gerufen.“

 

Die Arbeit der Neurovaskulären Netzwerke stellte DSG-Präsident Prof. Gerhard Hamann vor. Diese wurden an 16 Stellen in Deutschland im Rahmen von Pilotzentren vor zwei Jahren etabliert. Das Zentrum bildet ein Klinikum mit einer Stroke Unit, die auch über weitere Spezialabteilungen wie Neurochirurgie, Neurointensivstation, Neuroradiologie mit Hirnkatheterlabor und Gefäßchirurgie verfügt. Dieses Zentrum ist Ansprechpartner für kleinere Kliniken im Umland, um Behandlungsmöglichkeiten ihrer Patienten zu besprechen bzw. auch im Falle einer Verlegung, wenn eine Spezialbehandlung vonnöten sein sollte. In ländlichen Regionen ist zudem auch die teleneurologische Versorgung eine gute Möglichkeit, um sich Rat zu holen. Diese Netzwerke bündeln das neurowissenschaftliche Fachwissen und ermöglichen somit den breiten Einsatz auch von innovativen Therapien.

 

Eine solche Therapie ist die Thrombektomie – zwar nicht neu entdeckt, aber in ihrer Wirksamkeit durch die aktuelle MRClean-Studie aus den Niederlanden belegt. Sie hilft bei mittelschweren bis schweren Schlaganfällen zusätzlich zur Lyse-Therapie. Dies betrifft laut Expertenschätzungen rund  10 % aller Schlaganfallpatienten, bei denen das verursachende Blutgerinnsel so groß ist, dass es sich nicht allein durch die Gabe eines auflösenden Medikamentes (Thrombolyse) entfernen lässt. Diese Gerinnsel können dann mittels eines Mikro-Katheters aus den Hirnarterien abgesaugt oder herausgezogen werden – das ist die Thrombektomie, auch mechanische Rekanalisation genannt.

 

Prof. Weiller wies darauf hin, dass es zum einen nicht einfach zu differenzieren sei, wo die Thrombektomie zum Einsatz kommen müsse. Zum anderen sei neben der richtigen Entscheidung für die Thrombektomie wichtig, einen Arzt zu haben, der die Behandlung durchführen könne, nämlich einen Neuroradiologen. Hier schließt sich der Kreis zu den Neurovaskulären Netzwerken: „Man kann nur allen Krankenhäuser, die akute Schlaganfallpatienten behandeln, raten, sich einem Netzwerk anzuschließen“, riet DSG-Präsident Prof. Gerhard Hamann eindringlich.

 

Derzeit sind in Deutschland 260 Spezialzentren zur Schlaganfallbehandlung (Stroke Units) zertifiziert, ca. 150 Kliniken noch nicht. „Das heißt, wir können 75 – 80 % aller Schlaganfälle somit gut versorgen. Das ist im europäischen Vergleich sehr gut. Skandinavien liegt etwa bei 70 %, Großbritannien bei 65-70%.“, so Gerhard Hamann. Im Laufe dieses Jahres wird die Effizienz der laufenden Netze geprüft und die Neuausschreibung für neue neurovaskuläre Netzwerke inklusive der Zertifizierung von Kliniken erfolgen. Damit einher geht die Forderung der DSG nach personellen Mindestbesetzungen auf Stroke Units. Eine britische Studie zeigte, dass es personelle Bestbesetzungen braucht, um die besten Ergebnisse der Stroke Unit-Versorgung zu erreichen. Einer von 25 Todesfällen könne laut der Studie durch ein Mehr an Pflegekräften verhindert werden. „Zwei Pflegekräfte pro Stroke Unit-Bett sollte der Personalschlüssel sein“, betonte Prof. Hamann.

 

Mit einer eigenen Session widmete sich die ANIM wiederum der Thematik der Hirntoddiagnostik. Die Hirntoddiagnose ist eine sehr sichere Diagnose, aber nur, wenn die Diagnostik hochkompetent und entsprechend der Richtlinien durchgeführt wird. DGNI-Präsident Andreas Ferbert gehört der Kommission zur Neubeurteilung der Hirntodkriterien, die bereits aus dem Jahr 1997 sind, an. Er teilte mit, dass die neuen Kriterien der Bundesärztekammer und dem Bundesgesundheitsministerium vorlägen und er mit einer Veröffentlichung Mitte des Jahres rechne. Die Kommission setzt sich aus Neurologen, Neurochirurgen, Anästhesisten, Pädiatern, Pharmakologen, Juristen und Philosophen zusammen. Über die inhaltlichen Änderungen wollte Ferbert auf der Pressekonferenz noch keine Angaben machen. Nur so viel verriet er, dass ein wichtiger Punkt die Weiterbildung und Qualifizierung gewesen sei und sich hier „sicherlich eine Änderung ergeben wird“.

 

Nächstes Jahr findet die ANIM 2016 vom 28.-30. Januar wieder in Berlin statt. Tagungspräsident wird dann Prof. Jürgen Piek von der Neurochirurgischen Abteilung des Universitätsklinikums Rostock sein.

 

  • Alle aktuellen Informationen sind auf der Website der Arbeitstagung unter www.anim.de zu finden.

 

 


Quelle: ANIM, 09.02.2015 (tB).

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