Antidepressivum verbessert die Rehabilitation nach Schlaganfall

 

Kommentierte Studie

 

Berlin (8. März 2011) – Das Antidepressivum Fluoxetin kann die Erholung von Schlaganfall-Patienten verbessern. Die Patienten werden beweglicher und damit auch eigenständiger. „Sollten sich diese Befunde in weiteren Untersuchungen erhärten, könnte diese Art der Behandlung eine neue Strategie darstellen, um die Folgen eines Schlaganfalls zu begrenzen“, kommentiert Professor Dr. med. Martin Grond von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie. „Das wäre äußerst bemerkenswert, denn bisher ist das therapeutische Fenster für den Einsatz von Medikamenten auf wenige Stunden nach dem Insult begrenzt“, fügt der Chefarzt vom Kreisklinikum Siegen hinzu.

 

Die in Lancet Neurology veröffentlichte Arbeit stammt von französischen Neurologen um Professor François Chollet von der Universitätsklinik Toulouse. In der bislang größten Studie ihrer Art hatten die Wissenschaftler 118 Betroffene mit schweren einseitigen Lähmungen untersucht, die nach dem Losprinzip zusätzlich zu einer Physiotherapie drei Monate lang entweder Fluoxetin oder ein Scheinmedikament erhalten hatten. In der abschließenden Bewertung hatten sich die Patienten unter dem Antidepressivum nicht nur motorisch verbessert, sondern lebten auch unabhängiger.

 

 

Doppelte Wirkung von Fluoxetin?

 

Antidepressiva wie Fluoxetin – ein Medikament aus der Klasse der selektiven Serotonin-Wiederaufnahme Hemmer (SSRI) – werden in Deutschland schon jetzt häufig nach einem Schlaganfall verabreicht, um den zahlreichen Betroffenen zu helfen, die nach einem solchen Ereignis eine Depression entwickeln. Dadurch wird vermutlich auch die Bereitschaft für eine intensive Physiotherapie erhöht und es werden womöglich mit dieser Rehabilitationsmaßnahme bessere Ergebnisse erzielt, als dies ohne die Einnahme von Antidepressiva der Fall wäre. Allerdings betonen die französischen Wissenschaftler, dass die bessere Erholung ihrer Patienten höchstwahrscheinlich nicht allein der antidepressiven Wirkung von Fluoxetin zu verdanken ist. Rechnet man die Wirkung auf die Depression heraus, bleiben die positiven Effekte weiter bestehen. Die Wissenschaftler verweisen darüber hinaus auf Tierversuche und wissenschaftliche Untersuchungen am Menschen, wonach Fluoxetin u.a. die Entzündungsreaktion nach einer Durchblutungsstörung des Gehirns begrenzen kann und die Entstehung neuer Nervenzellen anrege. Dies könnte auch das Wiedererlernen durch den Schlaganfall verlorengegangener Hirnfunktionen positiv beeinflussen.

 

 

Patienten sind beweglicher und unabhängiger

 

In der Studie hatte eine Hälfte der Patienten das Antidepressivum erstmals fünf bis zehn Tage nach dem Schlaganfall erhalten und dann für weitere drei Monate eingenommen. Auf der 100 Punkte umfassenden Fugl-Meyer-Skala zur Bewertung der Beweglichkeit hatten diese Patienten sich anschließend um durchschnittlich 34 Punkte verbessert, in der Gruppe, die nur ein Scheinmedikament bekommen hatte, betrug die Verbesserung dagegen nur 24 Punkte. Auf der so genannten Rankin-Skala, die als Maß für die Unabhängigkeit der Patienten gilt, waren zum Ende der Studie ein Drittel der Studienteilnehmer mit Fluoxetin weitgehend selbstständig, aber nur jeder Neunte ohne die Arznei.

 

Unter den zahlreichen Medikamenten mit antidepressiver Wirkung hatten Chollet und dessen Mitarbeiter Fluoxetin ausgewählt, weil das Patent für diesen Wirkstoff bereits abgelaufen und das Präparat somit vergleichsweise billig ist. Wegen seiner langjährigen Verfügbarkeit sind auch die Nebenwirkungen des Fluoxetins gut bekannt und es gilt als gut verträglich. Lediglich vorrübergehende Verdauungsstörungen waren in der aktuellen Studie unter den Fluoxetin-Empfängern häufiger gewesen als in der Placebo-Gruppe. Besser bekannt ist Fluoxetin als „Glückspille“. Vor allem in den USA war die Arznei unter dem Handelsnamen „Prozac“ oft leichtfertig zur Leistungssteigerung verschrieben worden und wurde daher vielfach als „Lifestyle-Droge“ kritisiert.

 

 

Quelle

 

http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/21216670

Chollet F et al. Fluoxetine for motor recovery after acute ischaemic stroke (FLAME): a randomised placebo-controlled trial. Lancet Neurol. 2011 Feb;10(2):123-30. Epub 2011 Jan 7.

 

 

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)

 

sieht sich als neurologische Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren mehr als 6.500 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist die Bundeshauptstadt Berlin. http://www.dgn.org

 

 


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie, 08.03.2011 (tB).

MEDICAL NEWS

Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19
New meta-analysis finds cannabis may be linked to development of…
New guidance on how to diagnosis and manage osteoporosis in…
Starting the day off with chocolate could have unexpected benefits
Better mental health supports for nurses needed, study finds

SCHMERZ PAINCARE

Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…
Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern

DIABETES

Bundestag berät über DMP Adipositas: DDG begrüßt dies als Teil…
Mit der Smartwatch Insulinbildung steuern
Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…
Minimalinvasive Geräte warnen ungenügend vor Unterzuckerung
Typ-1-Diabetes und Hashimoto-Thyreoiditis treten häufig gemeinsam auf

ERNÄHRUNG

Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren

ONKOLOGIE

Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver
Positive Ergebnisse beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom: Phase-III-Studie zur Radioligandentherapie mit 177Lu-PSMA-617
Lymphom-News vom EHA2021 Virtual. Alle Berichte sind nun online verfügbar!
Deutsch-dänisches Interreg-Projekt: Grenzübergreifende Fortbildungskurse in der onkologischen Pflege
Sotorasib: Neues Medikament macht Lungenkrebs-Patienten Hoffnung

MULTIPLE SKLEROSE

NMOSD-Erkrankungen: Zulassung von Satralizumab zur Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen
Verzögerte Verfügbarkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Neuer Biomarker bei Multipler Sklerose ermöglicht frühe Risikoeinschätzung und gezielte…
Multiple Sklerose beginnt oft lange vor der Diagnose
Goldstandard für Versorgung bei Multipler Sklerose

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung