Auslegung der Jahreslosung 2021:
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“ (Lukas 6,36)

Der Ratsvorsitzende der EKD, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm

 

Hannover (29. Dezember 2020) — Die Logik des Lukas hat etwas Bestechendes: Nur wer Barmherzigkeit erfahren hat, kann barmherzig sein. Es ist wie mit der Liebe, die man nur geben kann, wenn man sie selbst erfahren hat. Das hat nichts Mathematisches, es handelt sich um keine Gleichung. Es ist Leben aus Erfahrung, die das Herz und das gesamte Dasein prägt. Barmherzig­keit, sich erbarmen können, Mitgefühl haben, das kommt aus dem eigenen Gefühl der Gewissheit heraus, sich nicht zu verlieren, wenn man sein Herz für andere öffnet.

Das Gegenteil ist menschliche Kälte. Es kann aber auch ein Selbstschutz sein: sich Dinge vom Leib halten, nicht alles auf sich einstürmen lassen aus der Sorge, mich im Leid anderer zu verlieren. Lukas macht Mut, diese Sorge zu überwinden- Barmherzigkeit macht stark. Sie ist Grundlage für ein erfülltes Leben.

Viele Erfahrungen sprechen dafür, dass es die Sprache der Barmherzigkeit gegenwärtig schwer hat. Wer irgendeinen Fehler macht, wird in den sozialen Netzwerken zuweilen geradezu hingerichtet. Unerbittlichkeit, Häme und Hass verdrängen alle Barmherzigkeit.

Die Rettung der Flüchtenden auf dem Mittelmeer kommentieren Manche mit dem Tenor: Lasst sie ertrinken, denn sie sind selber schuld, wenn sie sich in eine solche Lebensgefahr begeben. Das ist Ausdruck menschlicher Kälte und himmelweit weg von dem Wort Jesu: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!“

In diesem Pandemie-Jahr ist Barmherzigkeit eine zentrale Ressource, an der sich entscheidet, ob wir geschwächt oder gestärkt aus dieser Erfahrung hervorgehen. Nicht darum kann es gehen, wortstark und mit Getöse uns Gehör zu verschaffen, um damit für unsere Freiheit streiten. Sondern um Barmherzigkeit und Mitgefühl: Sich in die Lage der 87jährigen in ihrem Seniorenheim am Stadtrand von Bremen versetzen, oder in die Lage der Krankenschwester im Klinikum Rechts der Isar, die angesichts der vielen Codid-19-Kranken mit ihrer Kraft am Ende ist,  oder in die des zweijährigen Jungen, der mit seiner Familie in einer 2 Zimmer-Wohnung lebt und spürt, wie die Angst der Eltern um sich greift. Es sind diese Bilder, die anrühren, die bewegen sollten.

Dass es Zeiten gibt, auf denen wir besonders auf uns selbst achten, ist nachvollziehbar. Wie man sich bei einer schweren Erkrankung für einige Zeit fokussieren und nur auf sich konzentrieren muss, damit die Heilung vorangeht, so ist es auch bei einer Krise wie der Corona-Pandemie. Doch zugleich ist es gut, die anderen im Blick zu behalten, empfindsam für einander bleiben, die Türen für einander offen halten.

Das Wort Barmherzigkeit hat für Manche vielleicht etwas Altertümliches, etwas Gestriges, das es nur noch bei der Kirche gibt. In dieser Sicht passt es zu Weihnachten, wie mancher Baumschmuckbarock, gut für den Moment, aber nicht von Dauer. Für mich ist Barmherzigkeit viel mehr: es ist ein Programm, ein Auftrag Gottes an uns alle. Sei barmherzig mit Dir, sei barmherzig mit anderen, du verlierst nichts dabei. Du gewinnst. Wer barmherzig ist, schließt verfahrene Situationen auf, der erreicht Herzen und schafft Umdenken bei Festgefahrenem.

Wir werden diese Barmherzigkeit in 2021 sehr brauchen, und ich rufe alle auf, es mit dieser Barmherzigkeit füreinander zu versuchen. Wie wir durch das nächste Jahr kommen, hängt ganz maßgeblich davon ab, wie sehr wir zu solcher Barmherzigkeit in der Lage sind.

Gott ist die Quelle der Barmherzigkeit. Seiner Barmherzigkeit dürfen wir gewiss sein. Damit ist der Grund gelegt, dass wir diese Barmherzigkeit nun auch selbst ausstrahlen. Ich bin mir sicher, die Wirkung wird uns überraschen. Dahin uns aufzumachen, das neu zu entdecken, wäre ein sehr guter Vorsatz für das Jahr 2021: Aus der Kraft Gottes, ohne Sorge, aus Freiheit barmherzig zu leben.


 

Die biblischen Leitworte der Jahreslosungen werden von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen (ÖAB) bereits mehrere Jahre im Voraus ausgewählt. Die Praxis der Losungen stammt von der Herrnhuter Brüdergemeine in der sächsischen Oberlausitz. 1728 wählte der Begründer dieser geistlichen Gemeinschaft, Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760), zum ersten Mal einen Bibelspruch für die Mitglieder der Herrnhuter aus. Nach dem Vorbild Zinzendorfs zieht bis heute ein Mitglied dieser Glaubensgemeinschaft – ähnlich einer Lotterie – ein Bibelwort für jeden Tag aus einer silbernen Schale. Die so ermittelten Bibelworte werden als „Tageslosungen“ in einem Sammelband veröffentlicht.

Die Jahreslosung folgt zwar der Praxis der Herrnhuter, geht aber zurück auf den Kirchenkampf im Dritten Reich. Initiator war der württembergische Pfarrer und Liederdichter Otto Riethmüller (1889-1939), der Mitglied der Bekennenden Kirche war. Er wollte den NS-Schlagworten Bibelverse entgegenstellen. Deshalb begründete er 1930 die Tradition der Jahreslosungen. Die erste Jahreslosung 1930 war „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht“ (Römer 1,16).

 

 

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Quelle. Evangelische Kirche in  Deutschland (EKD),29.12.2020 (tB).

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