BARMER GEK Heil- und Hilfsmittelreport 2011

Dynamische Blackbox der gesetzlichen Krankenversicherung

 

Berlin (21. September 2011) Ausgabendynamik, vernachlässigte Therapieoptionen und technikgetriebene Innovationen – die Bilanz des diese Woche in Berlin vorgestellten BARMER GEK Heil- und Hilfsmittelreports 2011 fällt gemischt aus. „Im Grunde ist der Heil- und Hilfsmittelmarkt immer noch eine teure Blackbox, über die wir zu wenig wissen", sagte der Vorstands-Vize der BARMER GEK Dr. Rolf-Ulrich Schlenker.

 

Insbesondere bei Venenerkrankungen, Harninkontinenz und Arthrose werden Behandlungsalternativen im Heil- und Hilfsmittelbereich zu spät, sparsam oder gar nicht wahrgenommen. So wäre die Behandlung mit Kompressionsstrümpfen bei Venenerkrankungen oft effektiver als das weit verbreitete „Venenstrippen", eine Krampfader-Operation. Bei Harninkontinenz wirkt konsequentes Beckenbodentraining prophylaktisch und kurativ. Und auch bei Arthrose wären physiotherapeutische Maßnahmen häufig vorteilhafter als verfrühte Hüft- oder Knie-Operationen. Schlenker: „Der gezielte Einsatz von Heil- und Hilfsmitteln könnte den Patienten unnötige oder verfrühte Krankenhausaufenthalte und überflüssige chirurgische Eingriffe im großen Stil ersparen."

 

 

Demographische Entwicklung treibt Ausgaben

 

Fast sieben Prozent der Gesamtkosten entfallen mittlerweile auf Heil- und Hilfsmittel. Die Heilmittel hatten 2010 einen Anteil von rund 3,2 Prozent an den Gesamtausgaben der BARMER GEK, die Hilfsmittel sogar von 3,5 Prozent (GKV gesamt: Heilmittel 2,8 Prozent, Hilfsmittel 3,6 Prozent). Bei 573 Millionen Euro gab Deutschlands größte Krankenkasse im vergangenen Jahr rund 7,8 Prozent mehr für Heilmittel aus als im Vorjahr. Die Ausgaben für Hilfsmittel stiegen um 5,1 Prozent auf 666 Millionen Euro. Pro Versichertem ergab sich ein Plus von 4,4 Prozent bei Heilmitteln und 1,9 Prozent bei Hilfsmitteln. In der GKV insgesamt wurden 6 Milliarden Euro für Hilfsmittel und 4,6 Milliarden Euro für Heilmittel aufgewandt.

 

Damit setzt sich der Trend fort, dass die Heil- und Hilfsmittelausgaben kontinuierlich zulegen. Zwischen 2004 und 2010 verzeichnen Heilmittel in der GKV einen Anstieg um 26,4 Prozent, Hilfsmittel um 14,7 Prozent. „Die demographische Entwicklung und technische Innovationen treiben die Ausgaben in beiden GKV-Marktsegmenten kontinuierlich nach oben. Wir müssen aufpassen, dass dabei die Versorgungsqualität nicht auf der Strecke bleibt", warnt Studienautor Professor Gerd Glaeske vom Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen (ZeS). Offenbar bleibe Versorgungspotential ungenutzt. Ein evidenzbasierter Einsatz könne erhebliche Effizienzreserven heben, so Glaeske.

 

Hinweise für einen ineffizienten bzw. medizinisch fragwürdigen Einsatz von Beitragsgeldern fanden die Autoren vom ZeS in beiden Bereichen. Glaeske sieht einen Lösungsansatz in einer ausgeweiteten Gesundheitsberichterstattung. „Sie kann Grundlage für Bedarfsanalysen und eine Qualitätsanalyse sein, die eine Steuerung nicht nur über Preise, Budgets und Leistungsvolumina, sondern auch über Qualitätsindikatoren erlaubt.“

 

 

GKV-Versorgungsstrukturgesetz im Rückwärtsgang

 

BARMER GEK Vizechef Schlenker betont, wie wichtig das Instrument der Ausschreibung im Bereich der Hilfsmittelversorgung sei. „Wir nutzen hier unsere Einflussmöglichkeit auf eine gute und günstige Breitenversorgung der Versicherten.“ Nach Bekanntwerden der Änderungsanträge zum GKV-Versorgungsstrukturgesetz übt er Kritik am Koalitionskurs: „Dieses Gesetz bekommt immer mehr Schlagseite. Sinnvolle Ansätze wie die spezialärztliche Versorgung werden auf die lange Bank geschoben und fragwürdige Initiativen wie der Medikationskatalog werden in letzter Minute platziert.“ Gleichzeitig stelle man die Gestaltungsoptionen der Krankenkassen über Ausschreibungen in Frage und erschwere das Vertragshandeln der Kassen bei Verträgen zur Integrierten Versorgung.

 

 

Ausgewählte Ergebnisse des Heil- und Hilfsmittelreports 2011:

 

Kompressionsstrümpfe statt Krampfader-OP

 

Venenerkrankungen sind weit verbreitet. In einem Jahr werden 25 von 1.000 Versicherten erstmals wegen einer „Venenerkrankung“ behandelt. Hochgerechnet auf alle Versicherten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) ergibt das mehr als 470.000 Neuerkrankungen. Besonders betroffen sind Frauen und ältere Personen. Die Therapie wird von Kompressions-behandlung, Arzneimitteln, manueller Lymphdrainage und chirurgischen Eingriffen bestimmt. Die Therapiekosten für neue Venenerkrankungen in der GKV liegen jährlich bei rund 62,3 Millionen Euro. Dabei wird bei zwei Prozent der Betroffenen ein chirurgischer Eingriff durchgeführt, der Ausgabenanteil dieser Gruppe liegt bei 28 Prozent. Glaeske: „Obwohl es kaum Belege über die Wirksamkeit von chirurgischen Eingriffen gibt, wird häufig operiert. Kompressionsstrümpfe würden besser helfen – vorausgesetzt, die Patienten tragen sie auch."

 

 

Harninkontinenz: Mehr Training, weniger Operationen

 

Die Deutsche Kontinenz Gesellschaft schätzt die Zahl der Harninkontinenz-Patienten auf sechs bis acht Millionen Menschen in Deutschland. Insbesonde-re Frauen sind betroffen. Im Jahr 2008 wurde bei 28 von 1.000 weiblichen Versicherten die Diagnose erstmals gestellt. Auffällig ist die Altersabhängig-keit: Ab dem 30. Lebensjahr steigt die Rate der Neuerkrankungen um das 14-fache von zunächst 12 pro 1.000 auf 168 pro 1.000 Frauen ab dem 90. Le-bensjahr. Glaeske: „Die Kosten für Inkontinenzvorlagen und operative Ein-griffe ließen sich durch frühzeitigere Versorgung und ein besseres Therapie-management reduzieren. Beckenbodentraining oder Elektrostimulanzgeräte etwa finden in Deutschland zu wenig Beachtung.“

 

 

Physiotherapie gegen Arthrose

 

Die Kostendimension von Hüft- und Kniegelenk-Operationen hat im vergangenen Jahr der BARMER GEK Report Krankenhaus herausgestellt: rund drei Milliarden Euro für Erstimplantationen. Der BARMER GEK Heil- und Hilfsmittelreport 2011 verdeutlicht den Versorgungsbedarf im Alter: Zwischen 50 und 55 Jahren wird bei rund acht Prozent der Versicherten Hüft- oder Knie-arthrose diagnostiziert, zwischen 60 und 65 bei rund 17 Prozent und ab 80 bei rund 25 Prozent. Glaeske unterstreicht die vorbeugende Wirkung der Physiotherapie: „Sie sollte bei Arthrose-Erkrankungen verstärkt eingesetzt werden."

 

 

Schlafapnoe – Männerkrankheit Schnarchen

 

Schnarchen und schwere Atmungsstörungen im Schlaf fassen Mediziner als obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (OSAS) zusammen. Mit zunehmender Erforschung steigen die Fallzahlen der Schlafapnoe. Die Analyse zeigt eine Verdopplung der Erkrankungshäufigkeit von 0,6 Prozent aller Versicherten im Jahr 2004 auf 1,2 Prozent im Jahr 2009, die höchsten Erkrankungsraten lie-gen zwischen dem 40. und 70. Lebensjahr. Dabei handelt es sich um eine Krankheit der Männer, bei denen sie viermal häufiger vorkommt. Therapie-option Nr. 1 sind sogenannte CPAP-Geräte. Mit Anschaffungskosten zwischen 1.000 und 5.000 Euro gehören sie zu den teuren Hilfsmitteln. Auf die 2.324 BARMER GEK Versicherten, die im Jahr 2004 ein Gerät erhielten, entfielen rund 2,6 Millionen Euro. Im Jahr 2008 waren es bereits 6,7 Millionen Euro – eine Steigerung auf das 2,6-fache. Allerdings werden nur 16 Prozent der neu Erkrankten mit einem CPAP-Gerät innerhalb eines Jahres nach Erstdiagnose versorgt. Glaeske: „Es sollte vermehrt eingesetzt werden, um das Risiko von Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall zu ver-mindern.“ Allerdings müsse die Patientencompliance optimiert werden. Noch wichtiger sei die Prävention der Schlafapnoe, was insbesondere auf eine Ver-ringerung der Adipositas schon im Kindesalter hinausläuft.

 

 

Elektrotherapie – eine Präferenz des Ostens

 

Im Jahr 2010 erhielten knapp ein Prozent aller BARMER GEK Versicherten eine Verordnung für Elektrotherapie, die Ausgaben lagen bei 9,3 Millionen Euro. Die meisten Elektrostimulationsgeräte werden zur Schmerzlinderung bei Wirbelsäulenpatienten eingesetzt. Genau dieser Behandlungsart fehlt es aber an wissenschaftlicher Evidenz, weshalb sie in den internationalen Leitlinien nicht empfohlen wird. Glaeske: „Die Elektrotherapie eignet sich weniger zur passiven Therapie von Muskel-Skeletterkrankungen als vielmehr zur Muskel-stimulation bei neurologischen Erkrankungen.“ Auffällig sind die Unterschiede bei Geschlecht und Region. 68 Prozent der Elektrotherapiebehandlungen ge-hen aufs Konto weiblicher Versicherter. 57 Prozent der Gesamtausgaben ent-fallen auf die östlichen Bundesländer. Eine medizinische Rechtfertigung dieser Differenzen sieht Glaeske nicht: „Dieses Verordnungsverhalten ist womöglich ein Relikt aus der Vorwendezeit, als Arzneimittel knapp waren."

 

 

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Heil- und Hilfsmittelreport 2011 (PDF, 4 MB)Hinweis: Dieses Dokument ist nicht barrierefrei. Dieser Link öffnet sich in einem neuen Fenster – http://www.barmer-gek.de/barmer/web/Portale/Presseportal/Subportal/Presseinformationen/Archiv/2011/110921-Heil-_20und_20Hilfsmittelreport-2011/PDF-Arzneimittelreport-2011,property=Data.pdf

 


 

Quelle: Barmer GEK, 21.09.2011 (tB).

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