Beängstigende Wirklichkeit

Elisabeth Hübler-Umemoto schreibt aus Tokio nach Deutschland

 

Elisabeth Hübler-Umemoto ist evangelische Auslandspfarrerin in Tokio. Die Stimmung in Japan nach der Erdbebenkatastrophe und ihre Gedanken dazu schildert sie in eindrücklichen Worten. Photo: EKDTokyo, Japan (21. März 2011) – Elisabeth Hübler-Umemoto ist evangelische Auslandspfarrerin in Tokio. Die Stimmung in Japan nach der Erdbebenkatastrophe und ihre Gedanken dazu schildert sie in eindrücklichen Worten:

 

Was früher ein Hintergrundgefühl war, ist jetzt eine beängstigende Wirklichkeit: Je nach dem, wo ich bin, wird für mich die Sache so oder so ausgehen. Beim Erdbeben in der Autoschlange in einer Unterführung und oben das Meer, war eine im Hintergrund mitschwingende Möglichkeit, die man verdrängen muss, sonst kann man nicht in einem Erdbebenland leben.

 

Jetzt ist weiter in den Vordergrund gerückt der Gedanke: zwar fühle ich mich in Tokyo nach wie vor sicher, aber wenn etwas passiert, wird der Strom der Flüchtenden riesig sein. Tagsüber verdränge ich solche Gedanken, abends falle ich erschöpft in den Schlaf, aber morgens ab fünf, halb sechs sind sie gegenwärtig und treiben mich in den Tag.

 

Gestern, Freitag, wurden im ganzen Land Schweigeminuten eingehalten: 14:46 Uhr am 13.11.2011 ist jetzt eine Zeit, die nicht nur die japanische Geschichte verändern hat und verändern wird. Die ganze Welt ist mit betroffen. Bitte, lasst Japan nicht allein!

 

Morgen halten die in Tokyo Verbliebenen Gottesdienst in unserer Kreuzkirche. Ich wäre gerne dabei, ich denke ständig: das geht doch nicht, dass ich nicht dabei bin. Aber einige Tage Auszeit sind jetzt wichtiger. Wir werden mit dieser Katastrophe noch sehr lange befasst sein. Segen über euch, die morgen in der Kirche zusammen beten werden!

 

Das Personal der Deutschen Botschaft zieht nun heute auch in die Räume des Generalkonsulats in Osaka.

 

Im Erdbebengebiet sind die Helfer nun seit einer Woche fast pausenlos im Einsatz. Viele Präfekturen haben leerstehende Sozialwohnungen für Erdbebenopfer geöffnet. Im Losverfahren werden sie verteilt. Auf diese Weise begeben sich die Familien, die können, in andere Landesteile und integrieren sich dort mit Leben und Arbeit bis auf weiteres. Immer noch gibt es Bereiche, die nicht zugänglich sind, weil Verkehrswege zerstört wurden. Von dort erhalten die Medien Handyfotos und knappe Berichte, wie man sich so gut es geht, selber hilft.

 

Jedes öffentliche Gebäude hat in Japan einen Vorrat an Wasser- und Essensrationen für den Katastrophenfall, die einige Tage reichen. Aber nun ist schon eine Woche vergangen. Tanklaster mit Benzin sind verstärkt unterwegs ins Katastrophengebiet. Firmen spenden die jetzt benötigten Waren und bringen sie zu den Erdbebenopfern: Eine Flugzeugladung mit Reisschnitten, von denen eine im Notfall als Tagesration ausreicht, gespendet von einer großen Conveniensstorekette. Wagenladungen mit Kohlköpfen, 10.000 Gaskocher, Unterwäsche, Oberbekleidung und natürlich Wasser…

 

Andere Institutionen schicken Mitarbeiter ins Katastrophengebiet: Ich sah ein Meeting von 200 Mitarbeitern  der Gaswerke. Sie werden von Haus zu Haus gehen, um das Gas wieder zu installieren, damit endlich Heizung und Kochmöglichkeit zurückkehren. Lastwagen mit Arzneimitteln fahren von Notunterkunft zu Notunterkunft. Ärzte untersuchen die Betroffenen und geben notwendige Medikamente heraus – für chronisch Kranke lebensrettend. Leider ist die Kälte für viele immer noch unausweichlich, aber Wagenladungen mit Matratzen und Decken helfen, solange noch kein Kerosin für Öfen durchgekommen ist.

 

Jetzt, Ende März, ist die Zeit der Examensfeiern. Der Abschied vom Kindergarten, von der Grundschule, Mittelschule, Oberschule, sowie der Universitätsabschluss werden überall im Land in feierlichen Zeremonien zelebriert. Mit Rücksicht auf die vielen Erdbebenopfer fallen viele dieser Zeremonien ganz bescheiden aus. Aber sie sind auch Zeichen der Hoffnung auf eine Zukunft, die für viele noch gar nicht sichtbar ist.

 

Aus Deutschland höre ich Stimmen, die Unverständnis ausdrücken: „Unser technisches Hilfswerk steht in den Startlöchern, aber die wollen unsere Hilfe ja gar nicht.“ Wer so leichtfertig spricht, macht sich nicht klar, dass ein Team ohne Englischkenntnisse, ohne Ortskenntnisse, und ohne eigenes Transport-Equipment am Ort der Katastrophe nicht Hilfe, sondern Belastung ist.

 

Beim großen Beben in Niigata rückte eine Gruppe spontan an ohne eigene Versorgungseinheit. Sie wollten sich dann aus den Rationen für die Opfer bedienen. Diese Gruppe bekam gewaltigen Ärger: „Wie könnt ihr uns das wenige, was wir jetzt zu essen haben, noch wegessen!“ Helfen soll nur, wer wirklich hilft. Wir anderen müssen uns gedulden, bis uns mitgeteilt wird, an welcher Stelle freiwillige Helfer sich wirklich sinnvoll einsetzen können. Bis dahin sind Gebete und Spenden die beste Hilfe.

 

Die Messwerte in Tokyo sind weiterhin auf natürlichem Niveau. Wir beten und bangen für die Männer, die all ihr Können einsetzen, um den Reaktor Fukushima 1 in den Griff zu bekommen.

 

 

Weitere Informationen

 

 

 

 


Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), 21.03.2011 (tB).

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