Behandlungsrealität der weiblichen Harninkontinenz in Deutschland und im europäischen Vergleich

Konservatives Spektrum bietet Chancen

 

Berlin (20. September 2006) – Das konservative Therapiespektrum bei weiblicher Harninkontinenz erfährt in Deutschland noch nicht die Beachtung, die aktuelle internationale Leitlinien fordern(1). Dieses Ergebnis einer europäischen Beobachtungsstudie (PURE)’ biete deutliche Ansatzpunkte zur Verbesserung der Versorgungslage von Frauen mit Harninkontinenz, stellte eine Expertenrunde im Rahmen des 56. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) in Berlin fest. Anhand von Fallbesprechungen aus dem gynäkologischen und urologischen Praxisalltag demonstrierten sie, wie insbesondere eine kombinierte Behandlung mit Duloxetin* und einem professionell angeleiteten Beckenbodentraining die Symptome einer Belastungsinkontinenz reduzieren kann.

 

„Die Daten der Beobachtungsstudie zeigen, dass Harninkontinenz bei Frauen als Volkskrankheit Nummer eins anzusehen ist," stellte der Chairman Professor Dr. Heinz Kölbl, Direktor der Klinik und Poliklinik für Geburtshilfe und Frauenheilkunde der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz, einleitend fest: „Sie weisen aber auch darauf hin, dass wir hierzulande nicht immer alle zur Verfügung stehenden Mittel im konservativen Therapiespektrum hinreichend ausschöpfen." Die prospektive, nicht interventionelle Anwendungsbeobachtung PURE (Prospective Urinary incontinence Research)’ erfasste über sechs Monate die Behandlungspraxis bei Patientinnen mit Harninkontinenz, die krankheitsbedingten Einschränkungen der Lebensqualität sowie die sozioökonomischen Auswirkungen der Erkrankung in 14 europäischen Ländern und erlaubt erstmals einen internationalen Vergleich der deutschen Situation.

 

„Es hat uns überrascht, dass nur 31,8 Prozent der Betroffenen in Deutschland eine konservative Behandlung erfahren haben, obwohl diese in internationalen Leitlinien als First‑Line‑Therapie vor chirurgischen Eingriffen empfohlen wird", konkretisierte Dr. Gert Naumann, Leiter der Abteilung Urogynäkologie an der Mainzer Universitäts-Frauenklinik. Dabei stünde Beckenbodentraining (27,4 %) deutlich im Vordergrund. „Die gerade bei Symptomen der weiblichen Belastungsinkontinenz häufig zielführende loka­le Östrogenisierung wird nur bei 6,3 Prozent aller Inkontinenzpatientinnen durchgeführt", so Naumann. Insbesondere gäbe ihm zu denken, dass 84,9 Prozent der Patientinnen europaweit den Gebrauch von Vorlagen angaben, zumal diese nicht unerhebliche Kosten produzierten.(2)

 

Operationen lassen sich oftmals vermeiden

Dr. Rainer Lange, niedergelassener Urogynäkologe aus Alzey, unterstützte diese Sichtweise: „Das Ausschöpfen des gesamten konservativen Spekt­rums ist bei einem multifaktoriell bedingten Geschehen wie der Belastungs­inkontinenz der Schlüssel zum Erfolg." Er berichtete von einer 52jährigen Patientin, die bereits zu einer Inkontinenzoperation angemeldet war, da das selbst erlernte Beckenbodentraining bei ihr keinen Effekt erbrachte: „Zu­nächst verwies ich sie an eine spezialisierte Physiotherapeutin, die ihr das Training professionell ‑ das heißt mit vaginaler Tastung ‑ beibrachte. Paral­lel begann ich eine medikamentöse Therapie mit Duloxetin, da sich der kombinierte Ansatz in Studien den jeweiligen Einzeltherapien überlegen gezeigt hat(3)." Während dieses Regime unter kontrollierten Bedingungen zu einer Reduktion der Inkontinenzepisoden um 75,8 Prozent führte (Duloxetin alleine: 61,1 %; Beckenbodentraining alleine: 46,8 %; Plazebo: 42,7 %), wur­de im vorgestellten Fall bereits nach zwei Wochen eine komplette Konti­nenz erreicht. „Auf diese Weise kann vielen Patientinnen eine irreversible Operation erspart werden", betonte Lange.

 

Patientin individuell begleiten

Dass so unter Umständen gar ein anhaltendes Sistieren der Symptome der Belastungsinkontinenz zu erreichen ist, berichtete die niedergelassene Uro­login Dr. Ulrike Kosiek, Bielefeld, aus ihrer Erfahrung: „Generell empfehle ich, die Kombinationstherapie von Duloxetin und Beckenbodentraining über sechs Monate aufrecht zu erhalten. Wenn sich so eine vollständige Konti­nenz einstellt, habe ich in Einzelfällen die Medikation auch wieder ausge­schlichen. Wenn die Patientin ihr Beckenbodentraining dann konsequent weiterführt, kehrt die Symptomatik häufig trotzdem nicht zurück." Es sei allerdings davon auszugehen, dass ein Großteil der Frauen dauerhaft be­handelt werden muss, insbesondere wenn sich die Situation unter der Kombinationstherapie lediglich verbessere.

 

Am Beispiel einer 41jährigen Patientin demonstrierte Kosiek, wie ein inten­sives Patientinnenmanagement die Compliance verbessern kann: „Man muss sich klar machen, dass diese Substanz in Studien zwar bei 23,2 Prozent der Probandinnen zu Übelkeit geführt hat, dass diese aber in der Mehrzahl der Fälle gering bis mäßig ausfiel, frühzeitig auftrat und transient war(4)." Wenn dies der Patientin kommuniziert und Duloxetin einschleichend dosiert würde (empfohlene Startdosis: 20 mg zweimal täglich für zwei Wo­chen, dann Zieldosis: 40 mg zweimal täglich), habe sie in ihrer Praxis meist keine Probleme: „Der überwiegende Anteil ist mit der Behandlung zufrie­den", so die Erfahrungen der Urologin.

 

Trotz der aufgezeigten Herausforderungen zog Kölbl dann auch ein positi­ves Fazit: „Wir begrüßen es sehr, dass in die Therapie der Belastungsin­kontinenz in letzter Zeit Bewegung gekommen ist. Das Spektrum der kon­servativen Behandlungsmöglichkeiten hat sich durch die Einführung von Duloxetin als erste speziell zugelassene Pharmakotherapie erweitert, Schwerpunktzentren wie in Mainz werden ausgebaut, Forschung und Lehre in diesem Bereich verbessert. Angesichts der Situation betroffener Frauen sollten wir diesen Weg wie beschrieben weiter beschreiten."

 

 

Anmerkung

 

* Als Yentreve® zugelassen zur Behandlung von Frauen mit mittelschwerer bis schwerer Belastungsinkontinenz

 

Literatur

  1. Abrams P et al. (Eds.) 3rd International Consultation an Incontinence (ICI). Incontinence, Vol.2: Management; 2005: 1605‑1608.
  2. Papanicolaou et al. Maturitas 2005; 52(Suppl 2):35‑47.
  3. Ghoniem GM et al. J Urol 2005; 175(5):1647‑53.
  4. Fachinformation Yentreve (Stand Juni 2006)


Quelle: Pressesymposium „Fallbesprechungen Belastungsinkontinenz ‑ Aktuelle Daten und Praxisbeispiele" im Rahmen des 56. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, 20. September 2006, Berlin. Veranstaltet von Lilly Deutschland / Boehringer Ingelheim.

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