Cochrane Review:
Niedrig dosiertes Misoprostol ist anderen Methoden der Geburtseinleitung überlegen

 

Freiburg (30. Juni 2021) — Wenn eine Geburt eingeleitet werden muss, kommen verschiedene Medikamente in Frage. Ein neuer Cochrane Review vergleicht nun die orale Einnahme des altbekannten und sehr preisgünstigen Wirkstoffes Misoprostol mit den gängigen Alternativen. Er kommt zu dem Schluss, dass niedrig dosiertes Misoprostol vermutlich das günstigste Verhältnis von Wirksamkeit und Risiken hat. Diese Ergebnisse sind auch wichtig im Hinblick auf die anhaltende Debatte um die Sicherheit des Misoprostol-Präparates Cytotec in der Geburthilfe.

Ist der errechnete Geburtstermin deutlich überschritten oder drohen medizinische Komplikationen, so raten Ärzte und Ärztinnen Schwangeren oft zur Einleitung der Geburt . Geburtseinleitungen sind keine Seltenheit: In Deutschland wird jede fünfte Geburt eingeleitet, in anderen Ländern wie Großbritannien ist der Anteil noch höher.

Zum Einsatz kommen dafür meist künstliche Hormone, welche die Wehentätigkeit der Gebärmutter anregen. Dazu gehört auch der Wirkstoff Misoprostol, der in den 1980er Jahren zunächst unter dem Namen Cytotec zur Therapie von Magengeschwüren auf den Markt kam.

Eine Einleitung der Geburt kann lebensrettend für Mutter oder Kind sein, sie birgt aber auch Risiken. So können die Medikamente eine Überstimulation mit extrem starken und anhaltenden Wehen auslösen. Es droht eine Sauerstoff-Unterversorgung des Kindes oder gar ein Riss der Gebärmutter – um dies abzuwenden, bleibt oft nur ein Not-Kaiserschnitt. Bei der Wahl der Einleitungsmethode kommt es daher darauf an, eine gute Balance von gewünschter Wirkung (also effektiven Wehen) und der Vermeidung einer Überstimulation zu finden.

Ein neuer Cochrane Review führt nun die Evidenz zum Einsatz von oral verabreichten Misoprostol in niedriger Dosierung (maximal 50 Mikrogramm) zusammen. In den Studien wurde dieser weit verbreitete Wehenauslöser mit einer Reihe gängiger Alternativen (Dinoproston; Wehentropf mit Oxytocin; mechanische Verfahren) oder mit Placebo verglichen. Ein weiterer Vergleich galt der Einnahme von Misoprostol (oral) gegenüber einer Verabreichung über die Scheide (vaginal).

Die Autoren des Reviews wollten vor allem wissen, wie sich die Methode der Einleitung auf den Anteil der natürlichen vaginalen Geburten binnen 24 Stunden, die Rate von Kaiserschnitten und die Zahl von Überstimulationen mit erniedrigter Pulsrate des Babys auswirkt. Sie fanden 61 Studien mit mehr als 20.000 Teilnehmerinnen, die eine ganze Reihe von Vergleichen beinhalteten (z.B. orales Misoprostol im Vergleich zu Placebo, vaginalem Dinoproston, intravenösem Oxitocin oder vaginalem Misoprostol). Die Vertrauenswürdigkeit der Ergebnisse schätzten die Autoren nach dem GRADE-System je nach Vergleich als moderat oder niedrig, zum Teil auch als sehr niedrig ein.

Die Ergebnisse sind aufgrund der zahlreichen Einzelvergleiche komplex. Zusammenfassend kommen die Autoren auf Basis aller Ergebnisse aber zu einem recht deutlichen Fazit: „Die beste verfügbare Evidenz spricht dafür, dass niedrig dosiertes, oral eingenommenes Misoprostol viele Vorteile gegenüber anderen Methoden der Geburtseinleitung hat.“ So zeitigt Misoprostol sogar etwas bessere Resultate als vaginal verabreichtes Dinoproston, das oft als „Goldstandard“ der Geburtseinleitung gehandelt wird: Gerade in besonders niedrigen Dosierungen bis 25 Mikrogramm führt es wahrscheinlich zu weniger Kaiserschnitten und möglicherweise (unsichere Evidenz) zu weniger Überstimulationen als Dinoproston, bei gleichzeitig ähnlich guter Auslösung erwünschter Wehen.

Zu den durch die vorliegende Evidenz noch nicht befriedigend geklärten Fragen gehört jene nach der optimalen Dosierung von oralem Misoprostol. Einzeldosen von mehr als 50 Mikrogramm sind nach Ansicht der Autoren und auf Basis eine älteren Cochrane Reviews auf jeden Fall als zu riskant abzulehnen – sie wurden im aktuellen Review deshalb erst gar nicht berücksichtigt. Trotz des noch bestehenden Forschungsbedarfs kommen die Autoren aber zu dem Schluss, dass eine anfängliche Dosis in der Größenordnung von 25 Mikrogramm vermutlich eine gute Balance zwischen Wirksamkeit und Sicherheit biete.

Besonders interessant sind die Ergebnisse dieses Reviews hinsichtlich der Debatte um die Sicherheit des Einsatzes von Misoprostol in der Geburtshilfe. In der Praxis wird dafür nämlich oft das eigentlich für Magengeschwüre zugelassene Misoprostol-Präparat Cytotec genutzt, ein sehr preiswertes Medikament, das seit 1986 auf dem Markt ist. Ein solcher Off Label Use ist an sich nichts Ungewöhnliches. Allerdings enthält eine Tablette Cytotec 200 Mikrogramm Misoprostol, also das achtfache der von den Review-Autoren empfohlenen Einzeldosis. Das erschwert die korrekte Dosierung und hat möglicherweise zu Fällen von Überdosierungen und gefährlichen Überstimulierungen geführt. Anfang des Jahres 2020 lösten Medienberichte über solche Vorfälle in Deutschland eine umfangreiche Debatte über die Sicherheit von Cytotec bzw. des darin nethaltenen Wirkstoffs Misoprostol aus. Der aktuelle Review legt nahe, dass die in den Berichten vermutete Häufung von Überstimulationen eher mit Anwendungsfehlern (d.h. Überdosierungen) zu tun hat, als mit dem Risikoprofil von niedrig dosiertem Misoprostol per se.

 

 

Originalpublikation

  • Kerr RS, Kumar N, Williams MJ, Cuthbert A, Aflaifel N, Haas DM, Weeks AD. Low‐dose oral misoprostol for induction of labour. Cochrane Database of Systematic Reviews 2021, Issue 6. Art. No.: CD014484. DOI: 10.1002/14651858.CD014484.

 

Weitere Informationen

 

 


Quelle: Cochrane Deutschland, 30.06.2021 (tB).

Schlagwörter: , ,

MEDICAL NEWS

Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19
New meta-analysis finds cannabis may be linked to development of…
New guidance on how to diagnosis and manage osteoporosis in…
Starting the day off with chocolate could have unexpected benefits
Better mental health supports for nurses needed, study finds

SCHMERZ PAINCARE

Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…
Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern

DIABETES

Bundestag berät über DMP Adipositas: DDG begrüßt dies als Teil…
Mit der Smartwatch Insulinbildung steuern
Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…
Minimalinvasive Geräte warnen ungenügend vor Unterzuckerung
Typ-1-Diabetes und Hashimoto-Thyreoiditis treten häufig gemeinsam auf

ERNÄHRUNG

Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren

ONKOLOGIE

Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver
Positive Ergebnisse beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom: Phase-III-Studie zur Radioligandentherapie mit 177Lu-PSMA-617
Lymphom-News vom EHA2021 Virtual. Alle Berichte sind nun online verfügbar!
Deutsch-dänisches Interreg-Projekt: Grenzübergreifende Fortbildungskurse in der onkologischen Pflege
Sotorasib: Neues Medikament macht Lungenkrebs-Patienten Hoffnung

MULTIPLE SKLEROSE

NMOSD-Erkrankungen: Zulassung von Satralizumab zur Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen
Verzögerte Verfügbarkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Neuer Biomarker bei Multipler Sklerose ermöglicht frühe Risikoeinschätzung und gezielte…
Multiple Sklerose beginnt oft lange vor der Diagnose
Goldstandard für Versorgung bei Multipler Sklerose

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung