Das Gute im Geschäft – wie Unternehmen Ethik treiben

EKD-Institut präsentiert die Ergebnisse eines empirischen Forschungsprojektes

Hannover (20. November 2009) – Ob Korruption, Datenskandal, Massenentlassungen oder Umweltverschmutzung –"unethisches" Verhalten von Unternehmen sorgt für Schlagzeilen. Spätestens seit der Finanzmarktkrise fragen viele Menschen: Spielt Ethik überhaupt eine Rolle im Unternehmensalltag? Oder unterliegt dort alles letztlich nur dem Ziel ökonomischer Gewinnmaximierung? Das Sozialwissenschaftliche Institut (SI) der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) stellt am heutigen Freitag im Rahmen einer Tagung in der Evangelischen Akademie im Rheinland in Bonn die Ergebnisse einer Studie über ethische Diskurse in Unternehmen vor.

„Ethik braucht das Erlebnis einer Wertegemeinschaft, damit sie dauerhaft im Unternehmensalltag wirksam werden kann“, so das Fazit von SI-Referentin Veronika Drews. Für die Studie führten Soziologin Veronika Drews und die Politikwissenschaftlerin Tabea Spieß Gruppendiskussionen mit 60 Führungskräften aus fünf großen Unternehmen. Dabei zeigte sich: Der erlebte Rückhalt im Unternehmen ist zentral für die Frage, ob und wie Ethik im Unternehmensalltag gelebt wird. Die Tradition und Kultur eines Unternehmens spielen hierbei eine wichtige Rolle. Öfter jedoch bildeten sich Wertegemeinschaften im Kleinen, während es im Alltag des Gesamtunternehmens vor allem um die Aushandlung von Interessen gehe.

„Die Umsetzung von Ethik ist ein politischer Prozess, in dem es häufig relativ kleine Gruppen sind, die ihre Wertvorstellungen als für das Gesamtunternehmen wichtig verkaufen“, so Drews. In solchen Keimzellen gelebter Unternehmensethik würden ethische Probleme reflektiert und anschließend übersetzt in Gewinn, finanzielles Risiko oder möglichen Imageverlust. „Strategische Ökonomisierung“ nennt Soziologin Drews dies.

Explizite Ethik, die in Form von Unternehmenswerten, Traditionen und Geschichten vorliegt, ist laut der Untersuchung zentral für die Identifikation mit dem Unternehmen. Zudem helfe sie Mitarbeitenden und Führungskräften dabei, ihren individuellen Alltag zu meistern und zugleich als Unternehmen langfristig erfolgreich zu wirtschaften. Auch der Konstanzer Ökonom Prof. Josef Wieland ist überzeugt, dass „nachhaltig erfolgreiche Unternehmensführung in einer globalen Welt ohne Ethik im Geschäft nicht zu haben ist“, wie er bei der Projektpräsentation in Bonn erläutert.

Bedenklich findet Drews, dass in Unternehmen häufig keine großen Worte um das Thema Ethik gemacht werden. In Problemsituationen würden zumeist stillschweigend geteilte Wertvorstellungen handlungsleitend. Entscheidend für gelebte Unternehmensethik sei, dass in ethischen Fragen auf gemeinschaftliches Erfahrungswissen und Routinen zurückgegriffen werden könne, so Drews. Gerade in Krisenzeiten jedoch müssten solche Wertvorstellungen immer wieder in Erinnerung gerufen und auch hinsichtlich ihrer Umsetzungsmöglichkeiten aktualisiert werden. „Die Gruppendiskussionen zeigen uns, dass sonst der Mut, die eigenen Werte auch zu leben, rapide sinkt“, berichtet Drews.

„Führungskräfte haben Signalfunktion für gelebte Unternehmensethik“, betont Projektmitarbeiterin Spieß. Sie seien die „Galionsfiguren“ einer Wertegemeinschaft. Versagen sie als authentische Vorbilder oder bei der Durchsetzung von Unternehmenswerten, so erzeuge das Unsicherheit und rufe Ängste auch auf den höheren Ebenen des Unternehmens hervor.

Von Kirche erwarten die Führungskräfte gerade in der Wirtschaftskrise vor allem Verständnis und Unterstützung. Anstöße zur Reflexion gibt dagegen laut den empirischen Ergebnissen in erster Linie prophetische Kritik am Handeln von Unternehmen und Managern. Ob Lob oder Tadel: im Gespräch mit Kirche werden Werte erinnert. Das kann motivieren, sich wieder mit ethischen Fragestellungen zu beschäftigen. Genau hier habe Kirche eine wichtige Funktion und könne Ethik im Unternehmensalltag umsetzen helfen, so Drews.


Quelle: Pressemitteilung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 20.11.2009 (tB).

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