„deprexis“

Neue Wege in der Depressionstherapie von MS-Patienten

 

Hamburg (5. Februar 2015) – Ein interdisziplinäres Forscher-Team des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) hat eine neue Therapiemöglichkeit zur Behandlung von Depressionen bei Patienten mit Multipler Sklerose in einer ersten klinischen Studie erfolgreich evaluiert: Mit dem computergestützten Therapieprogramm „deprexis“ können MS-Patienten über das Internet direkt von zu Hause Hilfe erhalten. Das Expertenteam aus Psychologen und Ärzten des Instituts für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose (INIMS), des Instituts für Medizinische Psychologie sowie der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des UKE haben die Studienergebnisse nun in der renommierten Fachzeitschrift The Lancet Psychiatry publiziert.


Multiple Sklerose (MS) ist eine chronische, entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Neben den weit bekannten Beeinträchtigungen der Gehfunktion leiden Patienten mit MS oft auch an psychischen Symptomen wie z.B. Störungen des Lernens und des Gedächtnisses sowie an Depressionen. Insbesondere das Risiko, eine Depression zu entwickeln, ist bei Patienten mit MS drei- bis viermal höher als in der Allgemeinbevölkerung. Obwohl die hohe Depressionsrate zu starken Beeinträchtigungen im Familien- und Arbeitsleben führen kann, werden Depressionen bei Patienten mit MS oft nicht erkannt und behandelt, da der Einsatz antidepressiver Medikamente bei MS-Patienten wegen möglicher Nebenwirkungen problembehaftet sein kann. Darüber hinaus erschweren die eingeschränkte Gehfähigkeit und Mobilität vieler Patienten mit MS den Zugang zu klassischen Depressionsbehandlungen wie der ambulanten Psychotherapie.

„Ziel unserer Studie war es, psychologische Methoden der Depressionsbehandlung den vielen Patienten mit MS zugänglich zu machen, die an Depressionen leiden, denen es aber aufgrund ihrer neurologischen Symptome oft schwer fällt, eine passende Behandlung zu finden“, erklärt Prof. Dr. Christoph Heesen, Neurologe und Leiter der MS-Tagesklinik des UKE. Hierbei setzten die Forscher ein computergestütztes Verfahren der so genannten kognitiven Verhaltenstherapie ein, auf das die Patienten direkt von zuhause über das Internet zugreifen konnten: das Computer-Programm „deprexis“. „Dieses Verfahren greift die wesentlichen Elemente der Verhaltenstherapie auf“, sagt der an der Studie beteiligte Psychologe Prof. Dr. Steffen Moritz von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des UKE. „Es nutzt dafür künstliche Intelligenz, um eine dialogähnliche Situation mit dem Patienten zu erzeugen. Auf diese Weise werden Patienten beim Erlernen neuer Strategien unterstützt, um depressive Denkstrukturen zu vermeiden und aktiv am Leben teilzunehmen.“

Insgesamt wurden 90 Patienten mit MS für diese Studie zufällig einer dreimonatigen Therapie mit dem „deprexis“-Programm oder einer Wartegruppe zugewiesen. Am Ende der drei Monate hatten sich die Depressionswerte in der „deprexis“-Gruppe signifikant verbessert, während sie in der Wartegruppe unverändert anhielten. Auch gaben die Patienten in der Therapiegruppe eine signifikant verringerte Ermüdbarkeit und eine erhöhte Lebensqualität nach der Intervention an.

„Die hohe Depressionsrate bei Patienten mit MS hat neben psychologischen vermutlich auch biologische Ursachen, da MS z.B. auch zu Nervenschädigungen in Hirnregionen führen kann, die für das emotionale Erleben wichtig sind“, erklärt Studienleiter Prof. Dr. Stefan Gold, Psychologe und Neurowissenschaftler am Institut für Neuroimmunologie und Multiple Sklerose des UKE. „In weiteren Studien wäre es nun spannend zu sehen, ob eine erfolgreiche Depressionsbehandlung wie durch „deprexis“ bei Patienten mit MS möglicherweise auch direkte Auswirkungen auf Hirnveränderungen hat.“ Die Frage nach den psychologischen und biologischen Auswirkungen solcher Programme soll in zukünftigen Studien weiter untersucht werden.

Sollte sich der Nutzen von „deprexis“ in weiteren Studien bestätigen, könnte das Programm durch die einfache Verfügbarkeit über das Internet schnell vielen MS-Patienten mit Depressionen zugänglich gemacht werden. Da depressive Symptome bei vielen chronischen Erkrankungen auftreten und Mobilitätseinschränkungen oft eine große Barriere bei der Depressionstherapie darstellen, könnte das Verfahren auch für andere Patientengruppen mit chronisch-körperlichen Krankheiten hilfreich sein.


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Literatur

 


Quelle: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, 05.02.2015 (tB).

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