Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN)

Ingwerextrakt hilft nicht zur Prophylaxe von Migräneanfällen

 

Berlin (28. Februar 2020) – Eine doppelblinde Placebo-kontrollierte Studie [1] untersuchte die Wirksamkeit von Ingwerextrakt zur Prophylaxe von Migräneanfällen. Im Vergleich zur Placebotherapie gab es keinen Vorteil – allerdings sank in beiden Studiengruppen die Häufigkeit schwerer Migräneanfälle. Laut DGN-Pressesprecher spricht das für einen Placeboeffekt in beiden Studienarmen. Helfen können Pestwurzextrakt (Petadolex), Mutterkraut sowie eine Kombination von Vitamin B2, Magnesium und Coenzym Q10. Eine nicht-medikamentöse Maßnahme, deren Wirkung wissenschaftlich belegt ist und die auch in den Leitlinien empfohlen wird, ist regelmäßiger Ausdauersport.

Laut Angaben der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. [2] leiden ca. 10-15% der Bevölkerung an Migräne. Im Erwachsenenalter sind Frauen etwa dreimal häufiger betroffen als Männer. Standard der medikamentösen Migräne-Prophylaxe sind Betablocker, Kalziumkanal-Blocker, Antikonvulsiva oder Botulinumtoxin, wenn all diese Therapieoptionen wirkungslos bleiben (oder Kontraindikationen vorliegen), können gemäß neuer Leitlinienergänzung [3] auch moderne Antikörper zum Einsatz kommen. Letztere gehen mit relativ wenig Nebenwirkungen einher, haben aber das Manko, dass fast ein Drittel der Migränepatienten von vornherein gar nicht auf sie ansprechen. Die herkömmlichen Substanzklassen führen zu verschiedenen Nebenwirkungen, die oft die Therapietreue der Patienten beeinträchtigen. Bei etwa 38% der Betroffenen wäre eine Therapie zur Prophylaxe von Migräneanfallen aus medizinischer Sicht angeraten, aber nur etwa 3-13% unterziehen sich einer solchen Therapie, so eine Studie aus dem Vorjahr [4].

„Patienten fürchten Nebenwirkungen. Sanfte, nicht-medikamentöse Maßnahmen als Alternative zur medikamentösen Migräneprophylaxe stehen hoch im Kurs“, erklärt Professor Dr. Hans-Christoph Diener, Pressesprecher der DGN. „Es macht daher Sinn, pflanzliche Präparate für die Migräneprophylaxe zu untersuchen.“

Seit langem bekannt ist bekannt, dass Ingwer einen schmerzstillenden Effekt hat, weshalb eine aktuelle brasilianische Studie [1] in einem doppelblinden Placebo-kontrollierten Design ein Ingwerextrakt testete. 107 Patienten mit episodischer Migräne im Alter zwischen 18 und 60 Jahren, die ansonsten keine prophylaktische Therapie erhielten, wurden eingeschlossen und erhielten über drei Monate entweder das Ingwerextrakt (3x tägl. 200 mg) oder ein Placebo (1:1-Randomisierung). Die Patienten wurden einmal im Monat ärztlich konsultiert und mussten ein Schmerztagebuch führen. Wie sich zeigte, unterschied sich der Anteil der Patienten, die auf die Therapie ansprachen (definiert als eine Halbierung der Migräneanfälle bis zum Studienende), zwischen den Gruppen nicht. Ingwerextrakt war gegenüber Placebo nicht überlegen – insgesamt war in beiden Gruppen aber ein Rückgang der Migränetage mit starken Schmerzen (in der Verumgruppe um 42%, in der Placebogruppe um 39%) und des Schmerzmittelgebrauchs zur Behandlung der Attacken festgestellt worden. „Die vorliegende Studie gibt leider keinen Hinweis darauf, dass Ingwer in der Migräneprophylaxe wirksam ist. Sie zeigte keine Überlegenheit von Ingwer gegenüber Placebo. Zwar kam es in beiden Gruppen zu einem Rückgang der schweren Anfallstage und der Einnahme der Akutmedikation, doch wir von einem Placeboeffekt ausgehen, der in beiden Armen der verblindeten Studie eintrat.“

Wie der Experte ausführt, gibt es bislang nur zwei Naturheilmittel mit nachgewiesener migräneprophylaktischer Wirkung: Pestwurzextrakt (Petadolex) und Mutterkraut. Pestwurzextrakt ist in Deutschland als Nahrungsergänzungsmittel erhältlich. Mutterkraut war in den Studien als CO2-Extrakt untersucht worden und hatte sich als wirksam erwiesen. Doch in dieser Form wird Mutterkraut in Deutschland nicht vertrieben und der Einsatz anderer Formen wurde nicht geprüft und kann daher nicht empfohlen werden.

Erfolgreich im Hinblick auf die Schwere der Migräneattacken (wenn auch nicht auf die Häufigkeit), ist die Kombination von Vitamin B2, Magnesium und Coenzym Q10, das hatte bereits 2015 eine randomisierte Multicenterstudie aus Deutschland gezeigt [5].

Professor Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der DGN, fasst abschließend zusammen: „Viele naturheilkundliche Mittel haben bisher enttäuscht und können eine medikamentöse Prophylaxetherapie nicht ersetzen. Es gibt aber eine nichtmedikamentöse Maßnahme, die nachweislich Wirkung hat, keine Nebenwirkungen, auch in den Leitlinien verankert ist, aber von Patienten häufig nicht genügend berücksichtigt wird: Regelmäßiger Ausdauersport kann die Anfallsfrequenz bei Menschen mit Migräne senken. Wir möchten Patienten ermuntern, das Potenzial dieser nachweislich wirksamen Intervention voll auszuschöpfen.“

 

Literatur

  1. Laís Bhering Martins, Ana Maria dos Santos Rodrigues, Nayara Mussi Monteze et al. Double-blind placebo-controlled randomized clinical trial of ginger (Zingiber officinale Rosc.) in the prophylactic treatment of migraine. Cephalalgia 2019, 2019, https://doi.org/10.1177/0333102419869319
  2. http://www.dmkg.de/patienten/antworten-auf-die-wichtigsten-fragen-rund-um-den-kopfschmerz-onlinebroschuere/online_broschuere_migraene.html
  3. Diener H.-C., May A. et al., Prophylaxe der Migräne mit monoklonalen Antikörpern gegen CGRP oder den CGRP-Rezeptor, Ergänzung der S1-Leitlinie Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne, 2019, in: Deutsche Gesellschaft für Neurologie (Hrsg.), Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie. Online: www.dgn.org/leitlinien
  4. Ha H, Gonzales A. Migraine headache prophylaxis. Am Fam Physician 2019; 99:17-24
  5. Gaul C, Diener HC, Danesch U et al. Improvement of migraine symptoms with a proprietary supplement containing riboflavin, magnesium and Q10: a randomized, placebo-controlled, double-blind, multicenter trial. J Headache Pain. 2015; 16: 516. doi: 10.1186/s10194-015-0516-6.

Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN)

sieht sich als wissenschaftliche Fachgesellschaft in der gesellschaftlichen Verantwortung, mit ihren über 10.000 Mitgliedern die neurologische Krankenversorgung in Deutschland zu sichern und zu verbessern. Dafür fördert die DGN Wissenschaft und Forschung sowie Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Neurologie. Sie beteiligt sich an der gesundheitspolitischen Diskussion. Die DGN wurde im Jahr 1907 in Dresden gegründet. Sitz der Geschäftsstelle ist Berlin.

 


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V. (DGN), 28.02.2020 (tB).

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