Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2011

»Schmerzpatienten haben gute Gründe, unzufrieden zu sein«

 

Frankfurt am Main (23. März 2011) – Patientinnen und Patienten, die an chronischen Schmerzen leiden, sind mit der Effizienz ihrer Therapie häufig unzufrieden. Dies belegen erneut Untersuchungen, die auf dem Deutschen Schmerz- und Palliativtag in Frankfurt präsentiert werden. »Schmerzpatienten haben auch gute Gründe unzufrieden zu sein«, erklärt Tagungspräsident Dr. Gerhard H. H. Müller-Schwefe. »Die mangelhafte Ausbildung der Ärzte im Bereich der Schmerztherapie und gesundheitspolitische Restriktionen für Schmerzspezialisten sind wesentliche Ursachen der Behandlungsdefizite.«

 

In Deutschland leiden mindestens 17 Prozent der erwachsenen Bevölkerung – rund zwölf Millionen Menschen – an chronischen Schmerzen. Das belegt die aktuelle Analyse einer Forschergruppe um Jos Kleinen von der Universität Maastricht. »Diese Zahl markiert aber eher die untere Grenze«, kommentiert Dr. Gerhard H. H. Müller-Schwefe, Präsident des Deutschen Schmerz- und Palliativtags inFrankfurt. Denn Studien zu chronischen Kopf- und Krebsschmerzen oder Dauerschmerzen im Kindesalter blieben bei dieser Analyse ebenso außen vor wie Daten zu chronischen Schmerzen von Patienten mit Parkinson oder Multipler Sklerose. Ebenso belegen die Forscher die Unzufriedenheit der Patienten: Zwar schwanken die Zahlen in den einzelnen Studien deutlich, doch attestieren zwischen 13 und 51 Prozent der Patienten ihrer Behandlung eine unzureichende Wirksamkeit.

 

 

VERWALTUNG ERSETZT BEHANDLUNG

 

»Schmerzpatienten haben gleich mehrere gute Gründe, unzufrieden zu sein«, sagt Müller-Schwefe. »Defizite in der Therapie haben vor allem mit der nach wie vor ungenügenden Ausbildung der Ärzte auf dem Gebiet der Schmerztherapie zu tun«, moniert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie e.V. (DGS). Seit 20 Jahren fordert die DGS in zahllosen Gesprächen mit Gesundheitsministern und Gesundheitspolitikern, wie auch Standespolitikern, Diagnostik und Therapie chronischer Schmerzen als Pflichtbestandteil in die ärztliche Approbationsordnung einzufügen. Dies wurde immer mit  großem Verständnis aber ohne jede Bereitschaft zu dringend notwendigen Änderungen aufgenommen.

 

Hinzu kommt der Mangel an spezialisierten Einrichtungen, was ebenfalls mit den Ausbildungsdefiziten, aber auch mit der wirtschaftlichen Situation von Schmerzpraxen zu tun hat. Halbjährlich wechselnde finanzielle Rahmenbedingungen haben viele potentiellen Schmerztherapeuten in andere Tätigkeitsbereiche getrieben.

 

Nicht zuletzt spielt auch die anschwellende Flut von Leitlinien eine Rolle, welche die Behandlung oft eher erschweren denn verbessern. »Schmerzpatienten werden daher hierzulande nur selten adäquat behandelt, immer häufiger aber  nur noch  verwaltet.«

 

 

FACHARZTFÜRSCHMERZMEDIZINGEFORDERT

 

Die seit 20 Jahren gleichbleibend schlechte Versorgung der Schmerzpatienten mache, so Müller-Schwefe, vor allem auch Eines deutlich:»Schmerzmedizin kann man nicht en passant verbessern.« Fortschritte für die betroffenen Patienten werde es nur dann geben, wenn die Schmerzmedizin als eigenständiges und gleichwertiges Fach mit entsprechenden Lehr- und Weiterbildungsinhalten an den Universitäten auf allen Ebenen der medizinischen Ausbildung etabliert ist. Ebenso ist es erforderlich, dass die Schmerzmedizin in den Leistungsverzeichnissen der Krankenkassen enthalten ist und adäquate Vergütungsregeln etabliert werden.

 

 

EIN- ZWEI- ODER DREIMAL TÄGLICH?

 

Dass die Zufriedenheit von Patienten mit einer medikamentösen Schmerztherapie wesentlich von der Darreichungsform des Medikamentes und damit von der Einnahmehäufigkeit abhängt, belegt eine Untersuchung mit 875 Patienten und ihren 219 behandelnden Ärzten, die Dr. Müller-Schwefe auf dem Schmerz- und Palliativtag präsentiert. Befragt wurden bei der Studie Patienten, die ein stark wirksames Schmerzmittel (Opioid) entweder ein Mal, zwei Mal oder drei Mal täglich einnahmen oder alle drei bis sieben Tage ein Opiat-Pflaster wechseln mussten. Patientinnen und Patienten, die drei Mal täglich ein Opioid nehmen mussten, waren generell unzufriedener. Sie gaben häufiger an (39%), dass ihre Schmerzen vor der nächsten Medikamentengabe  zunehmen (»End of Dose Pain«), mehr als die Hälfte war durch Restschmerzen in ihren täglichen Aktivitäten sehr eingeschränkt, über 40 Prozent litten unter Schlafstörungen.

 

 

EINMAL TÄGLICH IST BESSER

 

Am besten schnitt jene Therapie bei den Patienten ab, bei der das Medikament nur einmal täglich genommen werden musste. Über Schmerzen vor der nächsten Medikamentengabe berichteten 19 Prozent, 26 Prozent klagten über sehr eingeschränkte Aktivitäten und 21 über Schlafstörungen. Auffallend war, dass Patienten, die Schmerzpflaster hatten, häufiger über Probleme berichteten, als jene, die zweimal oder einmal täglich Medikamente einnahmen.

 

»Konfrontiert mit den Aussagen ihrer Patienten, war rund die Hälfte der behandelnden Ärzte überrascht«, resümmiert Müller-Schwefe die Umfrage bei den Ärzten. 36 Prozent der Mediziner wollten aufgrund dieser Ergebnisse auch ihre Behandlung umstellen.

 

 

GRUNDLAGEN EINER ANGEPASSTEN THERAPIE

 

»Diese Befunde zeigen, dass wir eine Schmerztherapie sehr individuell zuschneiden müssen«, betont Müller-Schwefe. Darum sei es unerlässlich, so der Experte weiter, dass die individuelle Wirkstärke und Wirkdauer eines Schmerzmedikamentes kontinuierlich erfasst und dokumentiert wird. Gleiches gelte auch für andere Therapiemaßnahmen. Dieser Dokumentation dient der Deutsche Schmerzfragebogen, den Schmerztherapeuten einsetzen. »Ob ein Arzt die Wirkung seiner Behandlung mit solchen Instrumenten konsequent dokumentiert und anpasst, ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal einer guten Therapie«, sagt Müller-Schwefe.

 

 


Quelle: Deutsche Gesellschaft für Schmerztherapie e.V., 23.03.2011 (tB)

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