ENS 2013: Neurologen tagen in Barcelona

Demenz: Diagnose immer früher und präziser

 

Barcelona, Spanien (10. Juni 2013) – Da Alzheimer und andere Formen der Demenz weltweit im Vormarsch sind, zählt das Thema in der medizinischen Forschung zu den vorrangigsten überhaupt. Wie fieberhaft die Suche verläuft, um die Krankheit zu bremsen oder eines Tages sogar zu heilen, beweisen die über 50 Präsentationen europäischer Forschergruppen allein zu Demenz beim Kongress der Europäischen Neurologengesellschaft in Barcelona. Fortschritte gibt es vor allem bei der immer besseren Diagnostik der Erkrankung.

 

„Besondere Fortschritte hat die Demenzforschung aktuell in der Diagnostik gemacht. Die Feststellung von Demenz beruht in erster Linie auf klinischen Angaben und war noch vor wenigen Jahrzehnten nur per Autopsie eindeutig möglich. Dank den Erkenntnissen der Genforschung kann sie heute bereits lange vor dem Tod erfolgen. Da zudem die verschiedenen Biomarker der einzelnen Subtypen der Krankheit bekannt sind, nähert sich die Differenzialdiagnose von Alzheimer und anderen Demenzen immer mehr dem Zeitpunkt der Diagnose im Frühstadium an, in dem die kognitiven Beeinträchtigungen noch gering sind“, berichtete Dr. Ana Verdelho (Santa Maria Hospital, Universität Lissabon) beim 23. Meeting der Europäischen Neurologengesellschaft (ENS) in Barcelona. Derzeit diskutieren dort 3.000 Experten/-innen aktuelle Entwicklungen ihres Fachgebietes.

 

Erfolgsmeldungen gibt es laut Dr. Verdelho besonders bei den auf Biomarkern beruhenden Diagnoseverfahren, wobei die Kombination aller Methoden die Möglichkeiten der Diagnose erheblich verbessern: So können neben der Darstellung von Atrophie des Medialen Temporallappens durch Magnetresonanztomografie (MRT) auch Ablagerungen von Beta-Amyloid im Gehirn gemessen oder durch die Positronenemissionentomografie (PET), etwa mit dem sogenannten „Pittsburgh Compound B“, im Gehirn sichtbar gemacht werden. Als weitere Option lassen sich Veränderungen des Stoffwechsels in der Großhirnrinde über das PET-Verfahren – hier zum Beispiel mit Verwendung von radioaktiver Flurdesoxyglukose (FDG) – feststellen. Eine weitere Verbesserung der Diagnose bringt die Messung von Tau-Proteinen und Beta-Amyloid in der Rückenmarksflüssigkeit.

 

 

Mitverfolgen des Gehirnabbaus

 

Andererseits erlaubt das Bestimmen jener Gene, die hinter bestimmten Demenz-Phänotypen  stehen, auch die genauere Beschreibung der Veränderungen bei Patienten/-innen über den Zeitverlauf. So berichteten beispielsweise italienische Forschern/-innen aus Mailand vom atypischen Krankheitsbild einer sich wiederholenden Abweichung im C9orf-72-Gen, die hier zu psychotischen Zuständen führte. Eine andere Gruppe skizzierte auf dem ENS-Kongress den Fall einer 63-jährigen Patientin mit Aphasie-Sprachstörungen infolge einer Progranulin-Mutation und beschrieb ausführlich die neuroanatomischen Korrelate des Krankheitsfortschritts. Dr. Verdelho: „Von großer Bedeutung werden solche Ergebnisse besonders dann sein, wenn eines Tages Protein-spezifische Therapieformen verfügbar sind.“ Besonders relevant ist dies für Krankheitsformen wie die frontotemporale Demenz, für die es bisher noch keine Behandlung gibt.

 

Datenerhebungen über den Zeitverlauf hinweg tragen auch dazu bei, dass sich die verschiedenen Demenztypen immer besser voneinander abgrenzen lassen. „In dieser Hoffnung kooperieren derzeit bereits mehrere europäische Projekte, und die Ergebnisse scheinen vielversprechend zu werden. Die genaue Bestimmung hilft bei der Auswahl von Patienten/-innen für Studien, in denen neue Behandlungen im Frühstadium getestet werden – wie wir dies momentan etwa bei der Alzheimer-Krankheit durch die Immunisierung gegen das Protein Beta-Amyloid versuchen“, so die portugiesische Neurologin („Alzheimer-Impfung“).

 

 

Demenz nicht unvermeidbar

 

Als eindeutig „gute Nachricht“ zeigten beim ENS-Kongress präsentierte Beobachtungsstudien, dass Demenz im Alter nicht unvermeidbar ist: 40 bis 50 Prozent der 90-Jährigen sind nicht davon betroffen, womit ein Vorbeugen grundsätzlich möglich scheint. Da die Therapie derzeit noch fehlt sowie auch aus gesundheitspolitischen Überlegungen rückt Prävention immer mehr in den Mittelpunkt. Sie sollte in der Lebensmitte beginnen und bis zum hohen Alter fortdauern, so der Konsens bisheriger Forschung. „Bildung und Lebensstil – etwa der Umgang mit vaskulären Risikofaktoren und Ernährung – spielen in der Demenzvorbeugung eine Rolle, zudem auch körperliche Aktivität und der allgemeine Gesundheitszustand wie etwa die Kontrolle von Diabetes und Bluthochdruck sowie die Schlaganfall-Prävention“, erklärte Dr. Verdelho.

 

 

Genuntersuchung sagt spätere Erkrankung voraus

 

Weitere auf dem ENS Kongress präsentierte Forschungsarbeiten widmeten sich den klinischen Manifestationen der einzelnen Demenzformen, zudem gibt es zahlreiche neue Daten zu in den vergangenen Jahren entdeckten Genen. „Manche frühklinische Erscheinungsformen, etwa bei der frontotemporalen Demenz hat die Medizin bisher gar nicht mit dieser Krankheit in Verbindung gebracht“, erklärte Dr. Verdelho. Sie selbst hat gemeinsam mit Kollegen/-innen aus Portugal und Frankreich eine Genmutation in einer Großfamilie identifiziert, in der viele Fälle der frontotemporalen Lobärdegeneration auftraten, wobei dieselbe Mutation auch in einer besonderen sporadischen Form von Demenz im frühen Alter – beim kortikobasalen Syndrom – vorgefunden wurde. Bemerkenswert war, dass sich dieselbe Mutation – es handelte sich um das Progranulin-Gen – völlig unterschiedlich im Krankheitsbild manifestierte. „Diese Demenz kann somit sowohl familiär als auch bei Einzelpatienten/-innen auftreten“, hob Dr. Verdelho hervor.

 

Relevant ist die Genuntersuchung auch, um bei noch gesunden Nachkommen von Demenzpatienten/-innen mit Genmutation zu bestimmen, ob auch sie künftig von der Krankheit betroffen sein werden oder nicht. „Das Risiko kann 50 Prozent betragen. Wir empfehlen allen Angehörigen eine genetische Beratung, damit sie selbst entscheiden können, ob sie ein Screening durchlaufen wollen und um gegebenenfalls ihr Leben dahingehend zu gestalten“, erklärte die Expertin. Bisher zeigte sich jedoch, dass nur die wenigsten Verwandten diese Beratung annehmen wollen, was auf die fehlenden Heilungsmöglichkeiten für diese Krankheitsformen zurückzuführen sei. „Was Menschen dennoch motivieren könnte, dies in Erwägung zu ziehen oder an Studien teilzunehmen, ist ihr Beitrag für die Suche nach künftigen Therapien. Denn je mehr Patienten/-innen wir finden können, desto leichter fallen Medikamententests.“

 

 

Computer assistiert die Gehirn-Rehabilitation

 

Im Moment sind Fortschritte in der Therapie oder Prävention von Demenz freilich noch äußerste Mangelware und weitgehend auf die vaskuläre Form der Krankheit beschränkt. Deren Vorbeugung – besonders die der Hirngefäßerkrankungen – hat sich laut Dr. Verdelho in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verbessert. Einzelerfolge der Grundlagenforschung in Tierversuchen oder auf Zellebene ließen sich häufig nicht ohne weiteres übertragen. „Man versucht deshalb, etwa über den Weg der Neuropsychologie voranzukommen, wie aktuelle tschechische Pilotstudien mit computerunterstützter kognitiver Rehabilitation zeigen. Als schwierig erweist sich bei diesen Trainings allerdings, dass es bei Betroffenen eine sehr große Zahl von Faktoren gibt, die sehr unterschiedlich sein können“, so die Forscherin. 

 


Quellen: ENS Abstract 175: Is aging without dementia just a dream? ENS Abstract O 330: Phenotypic variability of familial and sporadic progranulin p.Gln257ProfsX27 mutation; ENS Abstract O 331: Neuroanatomical correlates of disease progression in a case of nonfluent/agrammatic variant of primary progressive aphasia due to progranulin (GRN) Cys157LysfsX97 mutation; ENS Abstract P 661: Computer-assisted cognitive rehabilitation in stroke and Alzheimer’s disease: pilot study; ENS Abstract P 670: Cerebrospinal fluid and neuroimaging biomarkers in posterior cortical atrophy. (tB) 

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