Entwicklungschancen der Medizintechnik:

Zu viele Gesundheitstechnologien scheitern auf dem langen Weg von der Entwicklung zur Zulassung

 

Die Publikation ist im Handel erhältlich (ISBN 978-3-8167-7642-0) , wird aber auch als PDF unter http://www.acatech.de zum Download angeboten.München (7. August 2008) – Die Perspektiven der Medizintechnik in Deutschland erscheinen hervorragend – auf den ersten Blick. Die Branche erreicht hohe Wachstumsraten und meldet mehr Patente an als jeder andere Wirtschaftszweig. Trotzdem kosten lange Zulassungswege und unklare Zuständigkeiten in den Ministerien Jobs und Chancen: Vor allem kleinere Unternehmen können die langen Vorfinanzierungszeiträume kaum überbrücken. Seit März 2007 liegen deshalb Empfehlungen von acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften vor. Sie zielen auf einen schnelleren Zugang neuer Medizintechnik zur Gesundheitsversorgung und auf neue Finanzierungswege. In ihrer jüngsten Publikation "Hot Topics der Medizintechnik" fragt die Akademie nun nach: Wurden die vorgeschlagenen Maßnahmen umgesetzt? Welche Empfehlungen müssen nochmals bekräftigt und welche angepasst werden?

Die Publikation dokumentiert die Ergebnisse eines Expertengespräches von Vertretern aus Wissenschaft und Wirtschaft. Es fand während der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik in Aachen im September 2007 statt. Den Band der Reihe "acatech diskutiert" ergänzen Beiträge aus den für die Gesundheitstechnologie relevanten Bundesministerien für Bildung und Forschung (BMBF), für Wirtschaft und Technologie (BMWi) und für Gesundheit (BMG). Die Publikation zeichnet das Bild einer Diskussion, in der vielfach über Innovationshemmnisse in der Medizintechnik geklagt wird. Damit möchte die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften die Grundlage für einen Runden Tisch schaffen, der die Umsetzung der Empfehlungen voranbringt.

Die wichtigsten Empfehlungen der Akademie zur Medizintechnik bleiben unverändert:

 

  • Pilotprojekte: Vielversprechende Medizintechnik sollte in ausgewählten Exzellenzzentren zeitlich begrenzt erprobt werden.
  • Fast-Track-Programme: Innovative medizintechnische Produkte, die sich in den Pilotprojekten bewährt haben, sollten beschleunigt geprüft und zugelassen werden.
  • Innovation-Launch-Programme: Die Rahmenbedingungen zur Einführung innovativer Medizintechnik in großen Kliniken und Krankenhausketten sollten verbessert werden.

 

Das Hauptproblem sind noch immer lange Zulassungswege und unklare Zuständigkeiten – und sie treiben vor allem kleine Startup-Unternehmen oftmals in die Pleite. So mussten zwei Drittel der Unternehmen aus dem Bereich regenerative Medizin ihre Geschäftstätigkeit aufgrund von Restriktionen bei der Zulassung wieder einstellen. "Bislang sind die Anforderungen für die Kalkulierbarkeit einer Geschäftsentwicklung nicht transparent", schreibt Thomas Schmitz-Rode, Direktor des Lehrstuhls für Angewandte Medizintechnik am Helmholtz-Institut der Rheinisch Westfälischen Technischen Hochschule Aachen zur Situation der regenerativen Medizintechnik.

Damit die Zulassungsprozesse schneller und durchsichtiger werden, plädieren die Experten für eine stärkere Koordination der beteiligten Ministerien. Seit den Empfehlungen der Akademie vom März 2007 gebe es bereits einige erfreuliche Entwicklungen, loben die Herausgeber der "Hot Topics". So habe sich die Koordination im BMBF innerhalb der verschiedenen Referate stark verbessert. Auch werden die acatech Empfehlungen in der Fortschreibung des "Aktionsplans Medizintechnik" – dem wichtigsten Instrument zur Förderung der Branche – einbezogen. Der medizintechnische Ausschuss lade darüber hinaus regelmäßig Vertreter des BMWi ein, was die Abstimmung zwischen den Ministerien erleichtert.


Das Wirtschaftsministerium hat ebenfalls zentrale Forderungen der Akademie umgesetzt: Dort waren bislang mehrere Fachreferate für die Belange der Gesundheitswirtschaft zuständig. Mit einem "Arbeitsstab Gesundheitswirtschaft und soziale Dienstleistungen" bündelt das Ministerium nun die für die Branche relevanten Maßnahmen.

Das Gesundheitsministerium dagegen ist der Empfehlung von acatech, eine Projektgruppe Medizintechnik einzurichten, nicht gefolgt. Staatssekretär Dr. Klaus Theo Schröder verwies in seiner Rede auf der Tagung in Aachen auf das Wirtschaftlichkeitsgebot. Unter dieser Prämisse sei das deutsche Gesundheitswesen offen für innovative Medizintechnik. In seiner – ebenfalls in der Publikation abgedruckten – Rede sagte der Staatssekretär: "Wir wollen die Anforderungen an die Unternehmen und Produkte auf das notwendige und vernünftige Maß beschränken, um Entwicklungschancen der Branche nicht unnötig zu verhindern."

Aus den Ministerien kommen insgesamt also ermutigende Signale für die Medizintechnik, die eine Zukunftstechnologie ist. Denn aufgrund der Demografie – Stichwort alternde Gesellschaft – werden chronische und degenerative Krankheiten beispielsweise des Bewegungsapparates zunehmen: Der Bedarf an Medizintechnik wird steigen. Schon deshalb sollte die Entwicklung neuer Technologien nicht nur unter dem Kostenaspekt gesehen werden. "Tatsächlich kann ein teureres, innovatives Produkt die Kosten einer Therapie in der Gesamtbilanz senken, wenn es beispielsweise die Krankenhaustage reduziert, die Infektionsgefahr vermindert oder die Lebensqualität verbessert", sagte Thomas Schmitz-Rode.

Der Diskussionsband, der in der Reihe "acatech diskutiert" erschienen ist, kann kostenlos auf den Seiten der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften herunter geladen oder direkt beim Fraunhofer IRB Verlag bestellt werden. Interessierte Journalisten können zudem Rezensionsexemplare in der Geschäftsstelle der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften anfordern.

Schmitz-Rode, Thomas (Hrsg.):
Hot Topics der Medizintechnik. 63 S., kartoniert.
Fraunhofer IRB Verlag 2008
ISBN 978-3-8167-7642-0

Die Publikation ist im Handel erhältlich, wird aber auch als PDF unter http://www.acatech.de  zum Download angeboten.

Über acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften
acatech vertritt die Interessen der deutschen Technikwissenschaften im In- und Ausland in selbstbestimmter, unabhängiger und gemeinwohlorientierter Weise. Als Arbeitsakademie berät acatech Politik und Gesellschaft in technikwissenschaftlichen und technologiepolitischen Zukunftsfragen. Darüber hinaus hat es sich acatech zum Ziel gesetzt, den Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft zu erleichtern und den technikwissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern. Zu den Mitgliedern der Akademie zählen herausragende Wissenschaftler aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen und Unternehmen. acatech finanziert sich durch eine institutionelle Förderung von Bund und Ländern sowie durch Spenden und projektbezogene Drittmittel. Um die Akzeptanz des technischen Fortschritts in Deutschland zu fördern und das Potenzial zukunftsweisender Technologien für Wirtschaft und Gesellschaft deutlich zu machen, veranstaltet acatech Symposien, Foren, Podiumsdiskussionen und Workshops. Mit Studien, Empfehlungen und Stellungnahmen wendet sich acatech an die Öffentlichkeit. Die Geschäftsstelle von acatech befindet sich in München; zudem ist acatech mit einem Hauptstadtbüro in Berlin vertreten.

 


 

Quelle: Pressemitteilung der acatech – Deutsche Akademie der Technikwissenschaften vom 07.08.2008.

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