Valproinsäure

Epilepsie-Präparat während der Schwangerschaft senkt IQ beim Kind

 

  • Experten warnen Mütter jedoch vor Absetzen des Medikaments

 

Darmstadt (6. Mai 2013) – Nehmen Frauen während einer Schwangerschaft Valproinsäure, eines der am häufigsten verschriebenen Epilepsie-Medikamente, schadet das der Intelligenz der Kinder langfristig. Zu diesem Ergebnis kommt eine erste Langzeitstudie. Als Konsequenz warnt die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN) jedoch davor, das Medikament einfach abzusetzen. Ein Neurologe müsse das Risiko individuell abschätzen, die Schwangere die Tagesdosis entsprechend herabsetzen und Folsäure einnehmen.

 

Epileptische Anfälle während der Schwangerschaft können der Mutter und dem ungeborenen Kind schaden und sogar lebensbedrohlich für beide sein. Gleichzeitig erhöhen Epilepsie-Medikamente das Risiko etwa für Fehlbildungen des Zentralen Nervensystems des Kindes und Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten. „Zudem bestätigt eine lang erwartete Studie jetzt den Verdacht, dass der Intelligenzquotient (IQ) des Kindes auch langfristig sinken kann, wenn die Mutter während der Schwangerschaft Valproinsäure nimmt“, fasst Professor Dr. med. Bernhard J. Steinhoff zusammen. Er ist Ärztlicher Direktor des Epilepsiezentrums Kork und Epilepsie-Experte der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN).

 

Die Forscher hatten 224 Kinder epilepsiekranker Mütter bis ins Alter von sechs Jahren untersucht. Dadurch fanden sie heraus, dass der IQ der Sechsjährigen, deren Mütter während der Schwangerschaft Valproinsäure genommen hatten, im Durchschnitt um acht bis elf Punkte niedriger war als der IQ der Gleichaltrigen, deren Mütter eines von drei anderen Antiepileptika genommen hatten. Ähnliche statistische Zusammenhänge entdeckten die Wissenschaftler hinsichtlich der Sprachfähigkeit und der Gedächtnisleistung der Kinder. Die Schwächen der Kinder waren umso ausgeprägter, je mehr Valproinsäure die Mütter zu sich genommen hatten. Die Forscher wiesen auch einen klaren Zusammenhang zwischen der Einnahme von Folsäure durch Mütter während der Schwangerschaft und einem höheren IQ ihrer Kinder im Alter von sechs Jahren nach.

 

Der DGKN-Experte Steinhoff empfiehlt daher, Epilepsie-Patientinnen im gebärfähigen Alter über die Gefahren durch Valproinsäure aufzuklären und solchen Frauen, die zum ersten Mal Epilepsie-Medikamente nehmen müssen, ein alternatives Präparat zu verschreiben. Vor allem aber rät Steinhoff zu Besonnenheit: „Schwangere, die Valproinsäure nehmen, sollten jetzt nicht in Panik verfallen.“ Das Schlechteste sei, das Medikament ohne Prüfung abzusetzen. „Das würde das Risiko für Anfälle markant erhöhen und könnte lebensgefährlich sein.“ Auch eine Umstellung auf ein anderes Medikament könne Probleme bedeuten. Vielmehr sollten Ärzte das Risiko individuell abklären und mit den Patientinnen entscheiden, ob die Umstellung auf ein anderes Medikament sinnvoll sei. Für Schwangere sei es aber auf alle Fälle ratsam, die Valproinsäure-Dosis unter 1000 Milligramm pro Tag zu senken. Auch in puncto Folsäure ist die neue Studie laut Steinhoff sehr bedeutsam: „Davor gab es nur wenige Daten, die belegen, dass es Vorteile hat, Folsäure während der Schwangerschaft zu nehmen. Die prophylaktische Gabe von Folsäure ist zu empfehlen“, sagt der DGKN-Experte.

 

 

Quelle

 

  • Lancet Neurol 2013; 12: 244–52, Published Online, January 23, 2013

 

 

Weitere Informationen

 

 

 

Die Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN) ist die medizinisch-wissenschaftliche Fachgesellschaft für Ärzte und Wissenschaftler in Deutschland, die auf dem Gebiet der klinischen und experimentellen Neurophysiologie tätig sind. Anliegen der DGKN ist es, die Forschung auf diesem Gebiet zu fördern sowie eine qualitätsgesicherte Aus-, Weiter- und Fortbildung zu garantieren. Zu diesem Zweck richtet die DGKN wissenschaftliche Tagungen, Symposien und Fortbildungsveranstaltungen aus. Sie erarbeitet Richtlinien und Empfehlungen für die Anwendung von Methoden wie EEG, EMG oder Ultraschall. Darüber hinaus setzt sich die DGKN für den wissenschaftlichen Nachwuchs ein, indem sie etwa Stipendien und Preise vor allem für junge Forscher vergibt. Die Methoden der klinischen Neurophysiologie kommen Patienten bei der Diagnose und Therapie von neurologischen Erkrankungen wie Parkinson, Alzheimer, Migräne, Epilepsie, Schlaganfall oder Multiple Sklerose zugute

 


 

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und funktionelle Bildgebung (DGKN), 06.05.2013 (tB).

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