Evidenz zu vaginaler („natürlicher“) Geburt recherchiert und bewertet

IQWiG unterstützt erstmals Fachgesellschaften bei neuer S3-Leitlinie

 

Köln (31. Januar 2019) – Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) unterstützt erstmals Fachgesellschaften bei der Erstellung einer interdisziplinären S3-Leitlinie. Dafür hat das Institut Studien zu verschiedenen Fragen rund um das Thema „Vaginale Geburt“ recherchiert, bewertet und in insgesamt acht Evidenzberichten dargestellt. Auf dieser Grundlage erarbeitet eine Leitliniengruppe unter Federführung der deutschen Fachgesellschaften für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) sowie für Hebammenwissenschaft (DGHWi) nun Empfehlungen für die neue S3-Leitlinie „Vaginale Geburt am Termin“ (umgangssprachlich als „natürliche“ Geburt in Abgrenzung zur Entbindung mit Kaiserschnitt bezeichnet). Auch angesichts einer wachsenden Zahl von Kaiserschnitten soll die neue S3-Leitlinie medizinischem Fachpersonal künftig mehr Orientierung und Sicherheit in Hinblick auf ihre Entscheidungs- und Handlungsoptionen geben. Die Leitliniengruppe lobt die hohe Qualität der IQWiG-Berichte.

 

Auftrag stammt vom BMG

Auftraggeber des Instituts war das Bundesgesundheitsministerium (BMG), das neben dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) als einzige Institution solche Expertisen beim IQWiG anfordern kann.

Die aus Expertinnen und Experten verschiedener Disziplinen zusammengesetzte Leitliniengruppe formulierte vorab insgesamt acht Schlüsselfragen, die das IQWiG bearbeiten sollte. Die Fragen reichen von der Gestaltung der Umgebung während der Geburt über den Einsatz von Ultraschalluntersuchungen in den verschiedenen Geburtsphasen bis zur Mobilisation während der Geburt.

 

Nicht zu allen Fragen sind gesicherte Aussagen möglich

Wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Instituts feststellen, ist die Studienlage in Hinblick auf einige Aspekte der natürlichen Geburt nicht befriedigend. Teils fehlen Studien, teils sind die Ergebnisse nicht belastbar.

Das gilt etwa für Ultraschalluntersuchungen während der Geburt (intrapartal), weil hier lediglich Daten zur Bestimmung des Höhenstands des kindlichen Kopfs und zur Lage des Rückens in einer bestimmten Konstellation vorliegen. Im ersten Fall ist die Ultraschall-Diagnostik mit einer Zunahme der Kaiserschnitte assoziiert. Im zweiten Fall steigt dagegen die Zahl der Spontangeburten. Ursache sind die Maßnahmen, die durch den Ultraschall initiiert wurden.

Ob sich eine veränderte Umgebungsgestaltung, etwa durch Sitzmöbel oder Änderung von Raumtemperatur oder Beleuchtung, günstig oder ungünstig auf das Geburtserleben der Gebärenden auswirkt oder Kaiserschnitte durch solche Maßnahmen vermieden werden können, bleibt aufgrund der begrenzten Aussagekraft der Studien unklar. Allerdings hat sich gezeigt, dass weniger Wehenmittel gegeben werden müssen.

 

S3-Leitlinien werden systematisch entwickelt

Die neue S3-Leitlinie soll dazu beitragen, dass Hebammen und Entbindungspfleger sowie Ärztinnen und Ärzte die Geburt so begleiten können, wie es dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse entspricht.

Während für S1-Leitlinien, die noch rund 45 % aller Leitlinien ausmachen, lediglich ein „informeller Konsens“ der Autorinnen und Autoren aus der Fachgesellschaft erforderlich ist, müssen S3-Leitlinien „alle Elemente einer systematischen Entwicklung durchlaufen“. Das schließt unter anderem ein, dass wissenschaftliche Studien recherchiert und hinsichtlich ihrer methodischen Güte sowie ihrer klinischen Relevanz bewertet werden.

 

AWMF: Kooperation hat sich bewährt

„Recherche und Bewertung von klinischen Studien können sehr aufwendig sein, weshalb die Expertise des IQWiG eine wertvolle Unterstützung bedeutet“, erklärt Rainhild Schäfers (DGHWi), eine der Koordinatorinnen. „Und da wir uns bereits davon überzeugen konnten, dass alle acht Berichte eine hohe Qualität aufweisen, hat sich die Zusammenarbeit schon jetzt bewährt“, so Rainhild Schäfers. Auch die AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e. V.) betont die gute Kooperation mit dem IQWiG.

„Es war eine in allen Phasen des Projekts angenehme und konstruktive Kooperation“, erklärt IQWiG-Leiter Jürgen Windeler. „Wir freuen uns, dass wir im Fall der S3-Leitlinie zur vaginalen Geburt einen Beitrag leisten können, die Versorgung von Schwangeren und ihren Babys zu verbessern. Die Ergebnisse unserer Nutzenbewertungen finden bislang nur selektiv und auf Umwegen Eingang in Leitlinien. Diesmal haben wir gezielt diejenigen Fragen bearbeitet, bei denen die Autorinnen und Autoren der Leitlinie Klärungsbedarf sehen. Das war ein Paradebeispiel für das Zusammenspiel von IQWiG und Fachgesellschaften“, so Jürgen Windeler.

 

Zum Ablauf der Berichterstellung

Den Auftrag erteilt hatte das BMG im September 2016. Die acht Teilberichte sowie ein zusammenfassender „Sachbericht“ wurden jeweils unmittelbar nach Fertigstellung, zwischen April 2017 und Dezember 2018, an den Auftraggeber verschickt. Alle Dokumente werden nun zeitgleich vom IQWiG publiziert.

 

Weitere Informationen

 


Quelle: Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), 31.01.2019 (tB).

Schlagwörter: , ,

MEDICAL NEWS

Inadequate sequencing of SARS-CoV-2 variants impedes global response to COVID-19
New meta-analysis finds cannabis may be linked to development of…
New guidance on how to diagnosis and manage osteoporosis in…
Starting the day off with chocolate could have unexpected benefits
Better mental health supports for nurses needed, study finds

SCHMERZ PAINCARE

Versorgung verbessern: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin fordert die Einführung des…
Pflegeexpertise im Fokus: Schmerzmanagement nach Operationen
Versorgung verbessern: Bundesweite Initiative der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin zu…
Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern

DIABETES

„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ gibt…
Toujeo® bei Typ-1-Diabetes: Weniger schwere Hypoglykämien und weniger Ketoazidosen 
Bundestag berät über DMP Adipositas: DDG begrüßt dies als Teil…
Mit der Smartwatch Insulinbildung steuern
Verbände fordern bessere Ausbildung und Honorierung von Pflegekräften für Menschen…

ERNÄHRUNG

Wie eine Diät die Darmflora beeinflusst: Krankenhauskeim spielt wichtige Rolle…
DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren

ONKOLOGIE

Anti-Myelom-Therapie mit zusätzlich Daratumumab noch effektiver
Positive Ergebnisse beim fortgeschrittenen Prostatakarzinom: Phase-III-Studie zur Radioligandentherapie mit 177Lu-PSMA-617
Lymphom-News vom EHA2021 Virtual. Alle Berichte sind nun online verfügbar!
Deutsch-dänisches Interreg-Projekt: Grenzübergreifende Fortbildungskurse in der onkologischen Pflege
Sotorasib: Neues Medikament macht Lungenkrebs-Patienten Hoffnung

MULTIPLE SKLEROSE

NMOSD-Erkrankungen: Zulassung von Satralizumab zur Behandlung von Jugendlichen und Erwachsenen
Verzögerte Verfügbarkeit von Ofatumumab (Kesimpta®)
Neuer Biomarker bei Multipler Sklerose ermöglicht frühe Risikoeinschätzung und gezielte…
Multiple Sklerose beginnt oft lange vor der Diagnose
Goldstandard für Versorgung bei Multipler Sklerose

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Frühdiagnose
Parkinson-Erkrankte besonders stark von Covid-19 betroffen
Gangstörungen durch Kleinhirnschädigung beim atypischen Parkinson-Syndrom
Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung