Berlin (6. Mai 2008) – Innovative Therapien erleichtern unzähligen Patienten das Leben mit ihrer Erkrankung. Aber immer häufiger kommt es zu Diskussionen um die Erstattung der Kosten. Ärzte müssen mitunter finanzielle Folgen fürchten, wenn sie moderne Therapien leitliniengemäß verordnen. Auf dem 3. Berliner Roche Forum haben sich Experten des Gesundheitswesens und Patienten vor diesem Hintergrund für eine breite und transparente gesellschaftliche Diskussion über die Leistungen des solidarischen Gesundheitswesens ausgesprochen.


Im Moment würden Entscheidungen über die Priorisierung medizinischer Maßnahmen vielfach in das Arzt-Patienten-Verhältnis verlagert, kritisierte Privatdozent Dr. Ulrich Graeven von der Arbeitsgemeinschaft Internistischer Onkologen. Der Arzt komme dadurch in ein unauflösbares Dilemma, weil er gleichzeitig die optimale Betreuung der Patienten sicher zu stellen hat und dafür sorgen soll, dass die Kosten nicht überborden. Die Folgen seien fatal: "Wenn der Patient annehmen muss, dass der Arzt ein Agent der Rationierung ist, dann ist das Vertrauensverhältnis fundamental gestört", so Graeven.

Rationierung von Leistungen ist längst Realität
Auch die Journalistin und Krebsbetroffene Sibylle Herbert sprach von einem "deutlich gestörten" Verhältnis zwischen Arzt und Patient: "Die Patienten leiden nicht nur an ihrer Erkrankung, sie leiden auch am System", so Herbert. So würden Patienten vielfach teure Diagnostik aus eigener Tasche bezahlen. Und gerade innovative Therapien würden knapp gehalten: "Biologika in der Rheumatologie sind zum Beispiel medizinischer Standard, aber der Arzt kann es sich nicht leisten, sie zu verordnen, weil er Gefahr läuft, große Beträge aus eigener Tasche bezahlen zu müssen."

Besonders bedenklich sei die derzeitige Entwicklung für vulnerable gesellschaftliche Gruppen, wie Professor Dr. Friedrich Wilhelm Schwartz von der Abteilung Epidemiologie, Sozialmedizin und Gesundheitsforschung an der Medizinischen Hochschule Hannover betonte: "Die Gefahren der Rationierung konzentrieren sich auf alte, arme und arbeitslose Menschen". Hier zeige die soziale Epidemiologie schon heute, dass die gesundheitlichen Ungleichheiten im Vergleich zur nicht benachteiligten Bevölkerung zunähmen.

Keine Angst vor offenen Diskussionen
Vor diesem Hintergrund sei es dringend erforderlich, eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber anzustoßen, was ein solidarisches Gesundheitswesen in Zukunft noch bezahlt und wer darüber entscheidet, was bezahlt wird. Dr. Heiner Geißler, Bundesminister a.D., sprach sich dafür aus, diese Diskussionen primär im Parlament zu führen. Professor Schwartz plädierte dagegen für eine sehr viel breitere Debatte: "Die Diskussionen müssen in Betroffenenzirkel und Expertenkreise getragen werden. Und wir müssen die Patienten beteiligen!"

Schwartz warnte gleichzeitig davor, angesichts der anstehenden Umbruchphase zu resignieren: "Die Gesetzliche Krankenversicherung hat seit Otto von Bismarck immer wieder Phasen der Rationierung und der Expansion durchlaufen." So habe der Staat 1972 auf eine zunehmend als problematisch empfundene Situation im Krankenhausbereich reagiert, indem er sein Engagement durch Übernahme der Investitionskosten der Kliniken stark erhöhte. Das Beispiel zeigt: Nicht nur immer neue Budgetierungen, auch ein verstärktes staatliches Engagement kann das Resultat einer breit geführten Diskussion sein.

Dem Arzt dürfen nicht alle Spielräume geraubt werden
Neben einer Verbesserung der Finanzierungsgrundlage wurde auf dem 3. Berliner Roche Forum auch über Instrumente diskutiert, die dazu beitragen können, medizinische Leistungen objektiver zu bewerten. Professor Dr. Jürgen Wasem von der Universität Duisburg/Essen stellte dazu Konzepte für Kosten-Nutzen-Analysen vor, die nach dem Willen des Gesetzgebers jetzt auch im Umfeld der Gesetzlichen Krankenversicherung eingeführt werden sollen.

Die in Berlin versammelten Experten begrüßten diese Entwicklung, warnten allerdings vor einer zu starken Einengung der ärztlichen Entscheidungsfreiheit: "Es ist wichtig, medizinische Leistungen objektiv zu bewerten. Aber auf der Mikroebene müssen immer noch Spielräume für den Arzt bleiben", betonte Schwartz. Auch Roche Vorstand Dr. Hagen Pfundner plädierte für eine Systemerneuerung mit Augenmaß: "Wir haben im internationalen Vergleich immer noch ein sehr gutes Gesundheitssystem mit kurzen Wartezeiten, schnellem Zugang zum Facharzt und einer relativ raschen Einführung von Innovationen."


Quelle: Pressemitteilung der Firma Roche Pharma vom 06.05.2008 (medical relations).

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