Familienpflegezeit –  ein Flop?

Erforschung familialer Pflege ist kein Bereich für Momentaufnahmen

 

Osnabrück (12. August 2013) – Mitte Juli wurde bekannt, dass im Jahr 2013 bislang nur etwa 70 Anträge auf Familienpflegezeit gestellt wurden. Die Kritik nach dieser Bestandsaufnahme viel deftig aus. Heike Asbach, Doktorandin an der Hochschule Osnabrück, ist Expertin in diesem Bereich. Sie begleitet pflegende Familien für ihr Promotionsvorhaben bis zu 18 Monate. Die Wissenschaftlerin arbeitet am gemeinsamen Forschungskolleg FamiLe der Hochschule Osnabrück und der Privaten Universität Witten/Herdecke. Am 20. September lädt das Kolleg zur 1. Internationalen Fachtagung „Familiengesundheit im Lebensverlauf“ nach Osnabrück ein.

 

Die Kritik fiel deftig aus: Nachdem Mitte Juli bekannt wurde, dass im Jahr 2013 bislang nur etwa 70 Anträge auf Familienpflegezeit gestellt wurden, kursierten in den Medien die Begriffe „Flop“, „Totalausfall“ oder „Reinfall“. Heike Asbach, Doktorandin am Forschungskolleg „FamiLe – Familiengesundheit im Lebensverlauf“, kann die Kritik nachvollziehen, versachlicht sie allerdings merklich: „Beim Instrument der Familienpflegezeit können Beschäftigte für maximal zwei Jahre ihre Arbeitszeit reduzieren, um nahe Angehörige zu pflegen. Dem steht gegenüber, dass eine häusliche Pflegesituation im Schnitt über acht Jahre besteht.“ Es ist nur ein Grund, warum die Familienpflegezeit nicht die erhoffte Resonanz erhält. Hinzu kommt die fehlende finanzielle Entlastung durch den Staat. Was dieses Beispiel zeigt: „Um ein tragfähiges, entlastendes und familienorientiertes Unterstützungskonzept zu entwickeln, gilt es, die Bedarfe und Bedürfnisse der Pflegebedürftigen und der pflegenden Angehörigen zu kennen.“ Genau diese Analyse nimmt Asbach in ihrer Promotion zum Thema „Familiale Bewältigung von Pflegebedürftigkeit im zeitlichen Verlauf“ vor.

Eines ist der Forscherin an der Hochschule Osnabrück besonders wichtig: „Ich werde eine Längsschnittuntersuchung vornehmen.“ Der Hintergrund: Bislang dominieren Querschnittstudien in diesem Bereich der Pflegeforschung. Deren Ergebnisse bilden häufig die Grundlage für die Entwicklungen auf diesem Feld. Dabei ist die Aussagekraft begrenzt. „Es handelt sich ja immer um Momentaufnahmen“, moniert Asbach. „Viele Probanden werden in einer stabilen Phase befragt. Das kann in einer Woche allerdings schon ganz anders aussehen.“ Genau darum wird Asbach drei bis fünf pflegende Familien über einen Zeitraum von bis zu 18 Monaten begleiten und sie regelmäßig interviewen. „Nur so ergibt sich ein adäquates Bild von der Hilfe- und Pflegebedürftigkeit und dem tatsächlichen Pflegeverlauf.“

Was für Asbachs Arbeit ebenfalls zentral ist: Sie betrachtet die Binnenperspektive der Familie. Ausgangspunkt ist dabei die Person des Pflegebedürftigen, mit der Asbach gemeinsam herausarbeitet, welche Menschen zu deren Netzwerk gehören. Nicht nur Verwandte, auch weitere Bezugspersonen im Umfeld werden dabei erfasst. Die Bedeutung dieses Familien-Ansatzes ist groß. Denn im Jahr 2009 wurden laut Pflegestatistik in Deutschland mehr als 1,6 Millionen Menschen zu Hause versorgt, die meisten allein durch ihre Angehörigen. „Der Vorrang der häuslichen Pflege ist politisch ja gewollt“, gibt Asbach zu bedenken. „Dann gilt es aber auch, die von Familien erbrachten Pflegeleistungen besser und stärker mit den professionellen Leistungsangeboten zu vernetzen.“

Durch Fallstudien will Asbach Einblicke in das Erleben der Beteiligten geben und anhand der Ergebnisse Handlungsempfehlungen für ein familienorientiertes Unterstützungskonzept ableiten. Zudem möchte sie eine Botschaft transportieren: „Es werden meist die negativen Seiten und Belastungen häuslicher Pflegesituationen thematisiert. Die Pflege eines Angehörigen kann aber auch mit Zufriedenheit einhergehen. Und Familien können aus Krisenzeiten, die die Pflegebedürftigkeit eines Angehörigen mit sich bringt, durchaus gestärkt hervorgehen.“

Mit dem neuen Ansatz, die Lebensverlaufsperspektive einzunehmen, setzt das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte Forschungskolleg „FamiLe“ wichtige Impulse in der Gesundheits- und Versorgungsforschung. Das Kolleg basiert auf einer engen Kooperation der Hochschule Osnabrück und der Privaten Universität Witten/Herdecke. Insgesamt 14 junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, zu denen auch Heike Asbach zählt, forschen an drängenden gesellschaftlichen Fragen im Blick auf Familien.

Einen Einblick in seine Arbeit gibt das Forschungskolleg während einer internationalen Fachtagung am 20. September. An der Hochschule Osnabrück werden die „FamiLe“-Wissenschaftler sowie weitere renommierte Forscher aus dem In- und Ausland ihre neuesten Erkenntnisse zur Familiengesundheit vorstellen. Prof. Dr. Friederike zu Sayn-Wittgenstein, Sprecherin des Kollegs in Osnabrück, gibt eine inhaltliche Einführung und stellt das Kolleg vor. Unter anderem referieren Prof. Dr. Katharina Gröning (Universität Bielefeld) zum Thema „Familiale Pflege in modernen Zeiten“ sowie Prof. Dr. Ingrid Schoon (University of London) unter der Überschrift „Health and Well-Being in the Life Course“.

 

 

Chronisch krank und Schule – Interviewpartner gesucht

Wer gesund ist, geht in die Schule, und wer krank ist, bleibt Zuhause: so die weitverbreitete Vorstellung. Diese klare Trennung zwischen gesund und krank kann vor dem Hintergrund der Zunahme chronischer Erkrankungen für viele Kinder und Jugendliche heute nicht mehr uneingeschränkt gelten.

Der Pflegewissenschaftler Andreas Kocks, Doktorand am Forschungskolleg FamiLe, sucht für seine Promotion chronisch kranke Schulkinder und deren Familien, die bereit sind, in Einzelinterviews von ihren Erfahrungen zu berichten. Welche Erfahrungen haben sie gemacht? Welche Herausforderungen stellen sich ihnen? Was konnten sie vielleicht auch nicht meistern? Die Ergebnisse dieser Arbeit sollen einen Einblick in die Lebenswelt der betroffenen Familien ermöglichen, um zukünftige Ansatzpunkte für Unterstützungsangebote in der Familie und in der Schule entwickeln zu können.

 

Weitere Informationen erhalten Interessierte bei Andreas Kocks unter andreas.kocks@uni-wh.de

 

 

Weitere Informationen

 

 


 

Quelle: Hochschule Osnabrück, 12.08.2013 (hB).

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