Folgen einer Bewusstseinstrübung nach Operationen unterschätzt:

Experten fordern erhöhte Aufmerksamkeit bei Diagnosestellung

 

Berlin (25. September 2008) – Nach Operationen kommt es bei fünf bis fünfzehn Prozent der Patienten zu einer Bewusstseinstrübung, einem sogenannten postoperativen Delir. Bei Operationen am offenen Herzen oder nach orthopädischen Eingriffen sind sogar rund die Hälfte der Patienten davon betroffen. Vor allem ältere Patienten haben eine Bewusstseinsstörung. Die Bedeutung des postoperativen Delirs für die Erholung der Patienten wurde bisher unterschätzt. Denn eine unbehandelte Bewusstseinstrübung erhöht nicht nur die Komplikationsrate, sondern kann auch als Spätfolge eine demenzielle Störung auslösen. Experten forderten deshalb anlässlich des HAI 2008, dem Hauptstadtkongress der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), eine erhöhte Aufmerksamkeit bei der Diagnosestellung. Ein neuer Schnelltest kann die Störung schneller und besser als bisher erkennen.

 

"In Kliniken wurde das Delir bisher, wenn es als solches erkannt wurde, lediglich als temporäre Störung ohne gravierende Spätfolgen wahrgenommen. Neuere Studien zeigen jedoch, dass ein postoperatives Delir ein ernstes Warnsignal ist", berichtet Professor Dr. med. Claudia Spies, Tagungspräsidentin des HAI 2008 und Direktorin der Klinik für Anästhesiologie und operative Intensivmedizin an der Charité Berlin. "Die Patienten haben häufiger einen komplizierten Verlauf, die Liegezeiten auf der Intensivstation und in der Klinik sind länger. Viele bleiben auch nach der Entlassung gebrechlich und haben ein erhöhtes Sterberisiko", sagt die Expertin.

 

Ihr Kollege Dr. med. Finn Radtke hat deshalb in einer Studie untersucht, wie das postoperative Delir möglichst schnell und zuverlässig diagnostiziert werden kann. Als am besten geeignet erwies sich die von einem kanadischen Experten entwickelte "Nursing Delirium Screening Scale", kurz Nu-DESC, mit der das Pflegepersonal innerhalb von einer Minute den psychiatrischen Zustand der Patienten abschätzen kann. "Der Nu-DESC erkennt auch die sogenannten hypoaktiven Formen des Delirs, bei denen die Aufmerksamkeit der Patienten vermindert und Geist und Bewegungen verlangsamt sind", erläutert Dr. Radtke. Seine Studie zeigt, dass bei genauem Hinsehen 24 Prozent aller Patienten im Aufwachraum ein mehr oder weniger schweres Delir haben.

 

Noch häufiger sind leichte Gedächtnisstörungen, postoperative kognitive Dysfunktionen (POCD) genannt, die mit speziellen Tests aufgedeckt werden können. Eine von den Berliner Forschern auf der diesjährigen Tagung der American Thoracic Society in Toronto vorgestellte Studie ergab, dass fast jeder zweite Patient nach einer Operation Zeichen einer POCD aufweist. Bemerkenswert ist laut Spies, dass alle Patienten vor der Operation mental gesund waren. Die meisten erholten sich später wieder von ihren Störungen. Wenn die POCD jedoch längere Zeit andauert, zeigt sie wie das postoperative Delir ein erhöhtes Sterberisiko an.

 

Die Ursachen von POCD und postoperativem Delir sind nicht ganz klar. Die Forscher vermuten aber, dass sie zum einen eine Folge einer Vorerkrankung und des biologischen Alters der Patienten ist. Zum anderen könnte auch der Operationsstress im Zusammenhang mit bestimmten Medikamenten bewirken, dass die Störungen nach der Operation vorübergehend oder auch dauerhaft verstärkt werden.

 

Ein Delir kann sich innerhalb weniger Stunden, als direkt nach den Erwachen aus der Narkose, aber noch Tage danach entwicklen. Experten unterscheiden drei Subtypen eines postoperativen Delirs. Die bekannteste Form ist die hyperaktive. Kennzeichnend für sie ist eine motorische Unruhe und gesteigerte Reaktionen auf Umweltreize, sogenannte Stimuli. Einige Patienten kennen nach einer Operation vorübergehend weder Zeit noch Ort noch Angehörige. Weniger bekannt und deshalb häufig unerkannt ist die hypoaktive Form des Delirs. Bei ihr leiden die Betroffenen unter scheinbarer Bewegungsarmut, kaum Kontaktaufnahme mit der Außenwelt, Halluzinationen und Desorientierung. Die Symptome eines hypoaktiven Delirs werden erst durch Befragen deutlich, da es kaum vegetative Anzeichen dafür gibt. Die dritte Form ist ein Mischtyp und vereinigt die Symptome beider Ausprägungsformen.

 


 

Quelle: HAI 2008 – Hauptstadtkongresses der DGAI für Anästhesiologie und Intensivtherapie mit Pflegesymposium (18. bis 20. September 2008, bcc Berliner Congress Center).

 

MEDICAL NEWS

Perinatal patients, nurses explain how hospital pandemic policies failed them
Johns Hopkins Medicine expert creates comprehensive guide to new diabetes…
An amyloid link between Parkinson’s disease and melanoma
Ultrasensitive, rapid diagnostic detects Ebola earlier than gold standard test
Paranoia therapy app SlowMo helps people ‘slow down’ and manage…

SCHMERZ PAINCARE

Jedes vierte Kind wünscht bessere Schmerzbehandlung
Lebensqualität von Patienten in der dauerhaften Schmerztherapie mit Opioiden verbessern
Wenn Schmerzen nach einer OP chronisch werden
Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2021 – ONLINE: Schmerzmediziner, Politiker und…
Deutscher Schmerz- und Palliativtag 2021 – ONLINE: COVID-19-Pandemie belastet Schmerzpatienten…

DIABETES

„Wissen was bei Diabetes zählt: Gesünder unter 7 PLUS“ meldet…
Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes gehören nicht zur Risikogruppe und…
Neue Studie will Entstehung von Typ-1-Diabetes bei Kindern verhindern
Toujeo®: Ein Beitrag zu mehr Sicherheit für Menschen mit Typ-1-Diabetes
Diabeloops Ziel: Baldige Marktpräsenz mit ​individuellen Lösungen zum Diabetes-Management für​ verschiedene…

ERNÄHRUNG

DGEM plädiert für Screening und frühzeitige Aufbautherapie: Stationäre COVID-19-Patienten oft…
Führt eine vegane Ernährungsweise zu einer geringeren Knochengesundheit?
Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren
Gesundheitliche Auswirkungen des Salzkonsums bleiben unklar: Weder der Nutzen noch…

ONKOLOGIE

Leberkrebs: Bei welchen Patienten wirkt die Immuntherapie?
Konferenzbericht vom virtuellen Münchener Fachpresse-Workshop Supportive Therapie in der Onkologie
Wie neuartige Erreger die Entstehung von Darmkrebs verursachen können
Onkologische Pflegekräfte entwickeln Hörspiel für Kinder: Abenteuer mit Alfons
Krebsüberleben hängt von der Adresse ab

MULTIPLE SKLEROSE

Multiple Sklerose: Salzkonsum reguliert Autoimmunerkrankung
Erste tierexperimentelle Daten zur mRNA-Impfung gegen Multiple Sklerose
Multiple Sklerose: Immuntherapie erhöht nicht das Risiko für schweren COVID-19-Verlauf
Empfehlung zur Corona-Impfung bei Multipler Sklerose (MS)
Fallstudie: Beeinflusst SARS-CoV-2 Infektion die Multiple Sklerose?

PARKINSON

Parkinson-Agenda 2030: Die kommenden 10 Jahre sind für die therapeutische…
Gemeinsam gegen Parkinson: bessere Therapie durch multidisziplinäre Versorgung
Neuer Bewegungsratgeber unterstützt Menschen mit M. Parkinson durch Yoga
Covid-19-Prävention: besondere Vorsicht bei Patienten mit der Parkinson-Krankheit
Neue Studie zur tiefen Hirnstimulation bei Parkinson-Erkrankung als Meilenstein der…