Forschung für Frühgeborene

 

Würzburg (15. November 2011) – Die jüngsten Vorfälle in einer Bremer Kinderklinik haben es wieder auf tragische Weise gezeigt: Infektionen stellen für Frühgeborene eine große, häufig lebensbedrohliche Gefahr dar. Wie man die Frühchen vor Infektionen schützen kann, ist deshalb ein Thema, an dem weltweit geforscht wird. Auch bei einer der größten Tagungen der Neugeborenenmedizin – der „Recent Advances in Neonatal Medicine“, die Anfang Oktober in Würzburg stattfand, stand dieses Thema auf dem Programm. Eine neueste Studie, auf die Mediziner große Hoffnungen gesetzt hatten, brachte jedoch eine herbe Enttäuschung.

 

„Der Autor der Studie, Robert Carr aus London, hat es in seinem Vortrag treffend formuliert: ‚Diese Studie stellt einen Meilenstein dar – aber sie ist eine große Enttäuschung‘“. Auch Professor Christian P. Speer hatte sich mehr von dem neuen Ansatz zur Vorbeugung von Infektionen bei Neugeborenen erhofft. Speer ist Direktor der Universitäts-Kinderklinik in Würzburg und Organisator der „Recent Advances“. Sechsmal hat er die Tagung seit ihrer Gründung im Jahr 1996 organisiert. Regelmäßig ist die Zahl der Teilnehmer gewachsen, so dass der Kongress inzwischen mit rund 800 Teilnehmern aus 62 Nationen der größte seiner Art außerhalb der USA ist.

Ansatzpunkt der Studie ist die Tatsache, dass das Immunsystem von Frühgeborenen längst nicht so weit entwickelt ist wie bei Kindern, die zum errechneten Zeitpunkt auf die Welt kommen. „Kinder, die 15 oder 16 Wochen zu früh geboren werden, besitzen deutlich weniger Antikörper. Außerdem fehlt es ihnen an Zellen, die diese Antikörper produzieren“, sagt Speer. Damit nicht genug: In den ersten Lebensmonaten sinkt die Menge an Antikörpern weiter; erst um den errechneten Geburtstermin herum beginnen die entsprechenden Zellen des Immunsystems mit der Antikörperproduktion. Das unreife Abwehrsystem macht die oft nicht einmal 1000 Gramm schweren Frühchen anfällig für Infektionen.

Dagegen wollten Neonatologen mit einer neuen Therapie angehen. Die Gabe von Antikörpern und von Wachstumsfaktoren sollte die frühkindlichen Abwehrkräfte stärken und ihnen so mehr Schutz vor Bakterien und anderen Erregern bieten. „Wie Robert Carr auf der Tagung erläuterte, brachte diese Therapie allerdings nicht den erhofften Erfolg“, sagt Speer. Egal, ob die Frühgeborenen den Wachstumsfaktor erhielten, die Antikörper oder keine dieser Therapien: In allen drei Gruppen war die Wahrscheinlichkeit für die Frühchen, an einer Lungen- oder Darmentzündung oder einer Blutvergiftung – Sepsis im Fachjargon – zu erkranken, gleich hoch. Auch was die Sterblichkeit betraf, gab es so gut wie keine Unterschiede.

„Das ist tatsächlich ein Rückschlag für unsere Bemühungen“, sagt der Neonatologe Speer. Dennoch kann er in dem Ergebnis auch etwas Positives entdecken. „Die Studie hat den klaren Befund erbracht, dass die Therapie mit Antikörpern und Wachstumsfaktoren Frühgeborenen keinen Vorteil bringt. Sie liefert damit die Grundlage dafür, dass in Zukunft keine Frühgeborenen unnötig therapiert werden“, so Speer.


Muttermilch ist der Schlüssel zum Erfolg

Um die Vermeidung von Infektionen ging es auch bei weiteren Programmpunkten der „Recent Advances in Neonatal Medicine“ – zumindest indirekt. Beispielsweise bei der Frage, welche Nahrung sich am besten für Frühgeborene eignet. Hier zeigen aktuelle Untersuchungen: „Muttermilch ist aufgrund ihrer besonderen Zusammensetzung unübertroffen für die Entwicklung der Kinder“.

So finden sich in Muttermilch nicht nur verschiedenste Nährstoffe in optimaler Kombination; Muttermilch enthält auch eine Fülle von Immunfaktoren. Gestillte Kinder erkranken nachweisbar seltener als nicht-gestillte an Infektionen des Darms oder Atemtrakts. Wenn Mütter einen Virusinfekt in sich tragen, finden sich die entsprechenden Antikörper wenige Tage später im Körper der gestillten Säuglinge und schützen diese vor einer Ansteckung. Neueste Studien weisen überdies darauf hin, dass bei Frühgeborenen, die mit Muttermilch ernährt werden, die Sepsisrate sinkt.

„Wir legen deshalb großen Wert darauf, dass Mütter ihre Kinder mit Muttermilch ernähren“, sagt Speer. Zwar werden in der Würzburger Uniklinik für die Frühgeborenen bestimmte Anteile der Milch, wie beispielsweise Eiweiß, Fett oder Mineralien, erhöht. Dennoch sei Muttermilch die optimale Ernährung und „der Schlüssel zum Erfolg.“


Wenn die Atmung Probleme bereitet

Die Neugeborenenmedizin hat in den vergangenen Jahren große Erfolge verzeichnen können. Frühgeborene, die vor wenigen Jahrzehnten noch so gut wie keine Überlebenschance hatten, wachsen heute ohne bleibende Schäden zu normalen Kindern heran. Verantwortlich dafür ist unter anderem auch die Entwicklung eines besonderen Medikaments. Die Substanz mit dem Namen Surfactant hilft Frühgeborenen, schneller von alleine zu atmen.

Liegt der Geburtstermin vor der 24. Schwangerschaftswoche, besitzen die Frühchen noch keine anatomisch voll ausgereiften Lungenbläschen. Auch bei einem späteren Geburtstermin kann den Kleinen eine Art Schutzfilm für die Lungenbläschen fehlen, der verhindert, dass die Lunge beim Ausatmen kollabiert. Kurz nach der Geburt über einen Tubus direkt in die Atemwege verabreicht, stabilisiert Surfactant die Lunge innerhalb weniger Sekunden.


Zwei Verfahren – zwei Ergebnisse

Dennoch müssen auch heute noch Frühgeborene bisweilen künstlich beatmet werden. Der Schlauch, der dabei verwendet wird, ist immer auch ein potenzieller Wegbereiter für Bakterien und andere Erreger und steigert somit die Gefahr einer Infektion. Mediziner setzten deshalb alles daran, ihn so kurz wie möglich zum Einsatz zu bringen. Eine Alternative zum Tubus in der Luftröhre ist die Beatmung über die Nase. Hierbei kommen inzwischen zwei verschiedene Verfahren zur Anwendung. Sie unterscheiden sich im Wesentlichen in der Frequenz der Beatmung: Während im einen Fall ein permanenter Überdruck herrscht, setzt das andere Verfahren auf wechselnde Druckverhältnisse, die zudem mit der spontanen Atmungsaktivität der Neugeborenen synchronisiert werden können.

Welches Verfahren das bessere ist, hat der israelische Neonatologe Amir Kugelman untersucht. Die Ergebnisse seiner Studie hat Kugelman auf dem Kongress in Würzburg vorgestellt. Demnach zeige die sogenannte „intermittierende Ventilation“ deutliche Vorteile für die behandelten Kinder. Diese müssen deutlich seltener intubiert und mechanisch beatmet werden und entwickeln messbar seltener Folgeschäden. Wird die Technik im Anschluss an eine mechanische Beatmung über einen Tubus in der Luftröhre eingesetzt, schaffen es die Frühgeborenen sehr viel besser, von alleine zu atmen.


Weitere Forschung ist notwendig

Auch wenn Kugelmans Untersuchungen zu einem eindeutigen Ergebnis kommen: Für ein abschließendes Urteil ist es seinen Worten nach zu früh. Dazu sei die Zahl der untersuchten Frühgeborenen bislang zu klein.

Es gibt also weiterhin noch zu forschen für die Neugeborenenmediziner. Drei Jahre haben sie Zeit, bis der nächste Kongress in Würzburg stattfindet

 

 


Quelle: Julius-Maximilians-Universität Würzburg, 15.11.2011 (tB).

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