MEDIZIN

DOC-CHECK LOGIN

Gefährliche Tandems

Wenn Infektionserreger gemeinsam krank machen

 

Hamburg (17. Januar 2011) – Jährlich sterben weltweit mehr als 9.5 Millionen Menschen an Infektionskrankheiten, so schätzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Ca. 8 Millionen Todesfälle gehen allein auf das Konto von HIV/AIDS, Malaria, Tuberkulose (TB) und anderen Lungeninfektionen. Diese Infektionserkrankungen sind am 26. und 27. Januar Thema eines internationalen Symposiums in Hamburg. Der besondere Fokus: Koinfektionen, also gemeinsam auftretende Erreger, die sich in ihrem Krankheitsbild gegenseitig beeinflussen. Veranstalter ist das Leibniz Center Infection, kurz LCI genannt, ein Zusammenschluss der führenden norddeutschen Institute zur Infektionsforschung, dem Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Forschungszentrum Borstel und Heinrich-Pette-Institut.

 

"In der Praxis haben wir es oft mit gemischten Infektionen durch zwei oder mehr Erreger zu tun. Das hat Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf, die Reaktionen des Körpers und schlussendlich auf den Behandlungserfolg. Koinfektionen können zum Beispiel die Immunität gegen andere Infektionserreger unterdrücken oder auch überschießende Reaktionen des Abwehrsystems auslösen", fasst Ulrich Schaible vom Forschungszentrum Borstel, einer der Mitorganisatoren des Symposiums, zusammen. Darüber hinaus können die wichtigsten Vorbeugemaßnahmen, Schutzimpfungen, durch bereits bestehende Infektionen beeinflusst werden. Das erläutert Susanne Nylén Spoormaker vom Karolinska Institut in Schweden in ihrem Vortrag. Sie entdeckte mit Ihren Kollegen, dass chronische Wurminfektionen in Magen und Darm die Wirkung der TB-Schutzimpfungen und die Körperabwehr gegen den TB-Erreger hemmen. Chronischer Wurmbefall scheint in endemischen Gebieten aber nicht nur die Anfälligkeit für TB, sondern auch für HIV/AIDS und Malaria zu erhöhen – eine Herausforderung, die bei Prophylaxe und Therapie bedacht werden muss.

 

Derzeit ist knapp ein Drittel der Weltbevölkerung mit dem TB-Erreger infiziert (WHO-Report November 2010). HIV und TB gehen eine tödliche Liaison ein, in der sich beide Erreger gegenseitig begünstigen. Robert J. Wilkinson vom Imperial College in London untersucht die Auswirkung einer HIV-Koinfektion auf die latente Tuberkulose. Diese Interaktionen und die Auswirkungen auf das Immunsystem sind auf molekularer Ebene noch wenig verstanden. "Die Wechselwirkungen sind sehr komplex und HIV-1 Koinfektionen können eine versteckte Tuberkulose dahingehend verändern, dass es zum Ausbruch einer aktiven TB kommt", erläutert Wilkinson in seinem Vortrag. Welche Bedeutung hat dies für Verlaufskontrollen und die Therapie dieser Koinfektion? Antworten auf solche Fragen können nur im engen Dialog zwischen Grundlagenforschern und Klinikern gefunden werden. "Hier sehe ich unsere große Stärke", bestätigt Rolf Horstmann vom Bernhard-Nocht-Institut. "Die drei Institute des Leibniz Center Infection ergänzen sich perfekt in der Erforschung der drei wichtigsten Infektionen weltweit – HIV, TB und Malaria – und von Wurminfektionen. Die LCI-Institute arbeiten eng mit Klinikern und Forschern vor Ort in Afrika, Osteuropa, Asien und Lateinamerika zusammen – eine wichtige Voraussetzung, um drängende Probleme der Weltgesundheit zu lösen".

 

"Aber auch in westlichen Ländern bereiten Koinfektionen große Probleme: mehr als 95 Prozent der Grippe-Todesfälle gehen auf eine Lungenentzündung und die Koinfektion mit bakteriellen Keimen zurück, meist Pneumokokken. Ursache sind häufig außer Kontrolle geratene Immunreaktionen auf die Influenza A-Viren, die den Bakterien den Weg bereiten. Bestandteile dieser Bakterien befeuern dann die Entzündung auch noch weiter", so Thomas Dobner vom Heinrich-Pette-Institut. Jonathan McCullers vom St. Jude Childrens Research Hospital in Memphis (USA) entdeckte, dass bestimmte Antibiotika, die häufig gegen Pneumokokken eingesetzt werden, die Bakterien zwar schnell zerstören, dadurch jedoch eine überschießende Entzündung entstehen kann. Die Bakterieninfektion wird durch diese "Beta-Lactame" einerseits gestoppt, die Zerstörung des Lungengewebes schreitet andererseits jedoch fort und kann tödlich enden. In seinem Vortrag beschreibt McCullers, dass andere Antibiotika (Clindamycin und Azithomycin) in Tierexperimenten hingegen einen besseren Schutz vor schweren Lungenentzündungen nach einer Influenza- und Pneumokokken-Koinfektionen boten. Beide Antibiotika hemmen die Proteinbiosynthese der Bakterien ohne diese aufzulösen, sodass die bakteriellen Bestandteile nicht freiwerden. Ergebnisse, die zukünftig in standardisierte Behandlungsempfehlungen einfließen und Tausenden von Grippepatienten das Leben retten könnten.

 

 


Quelle: Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, Forschungszentrum Borstel und Heinrich-Pette-Institut, 17.01.2011 (tB).

MEDICAL NEWS

Using face masks in the community: first update – Effectiveness…
Difficulties to care for ICU patients caused by COVID-19
Virtual post-sepsis recovery program may also help recovering COVID-19 patients
‘Sleep hygiene’ should be integrated into epilepsy diagnosis and management
Case Western Reserve-led team finds that people with dementia at…

SCHMERZ PAINCARE

Projekt PAIN2020: Wir nehmen Schmerzen frühzeitig ernst. Jetzt für alle…
Wechselwirkung zwischen psychischen Störungen und Schmerzerkrankungen besser verstehen
Wie ein Schmerz den anderen unterdrückt
Opioidtherapien im palliativen Praxisalltag: Retardierte Analgetika zeigen Vorteile
Krankenhäuser und Praxen müssen sich bei der Schmerztherapie nach Operationen…

DIABETES

Kinder und Jugendliche mit Typ-1-Diabetes gehören nicht zur Risikogruppe und…
Neue Studie will Entstehung von Typ-1-Diabetes bei Kindern verhindern
Toujeo®: Ein Beitrag zu mehr Sicherheit für Menschen mit Typ-1-Diabetes
Diabetes: Neue Entdeckung könnte die Behandlung künftig verändern
Für Menschen mit Typ-2-Diabetes: Fixkombination aus Basalinsulin und GLP-1-Analogon

ERNÄHRUNG

Regelmässiger Koffeinkonsum verändert Hirnstrukturen
Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren
Gesundheitliche Auswirkungen des Salzkonsums bleiben unklar: Weder der Nutzen noch…
Fast Food, Bio-Lebensmittel, Energydrinks: neue Daten zum Ernährungsverhalten in Deutschland
Neue Daten zur Ernährungssituation in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen: Mangelernährung…

ONKOLOGIE

Konferenzbericht: Aktuelle Daten aus der Hämatologie vom ASH 2020
Anzeige: Aktuelle Daten zur Therapie des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms
Aktuelle Daten zu Apalutamid und Abirateron in der Therapie des…
Forschende entwickeln neuen Ansatz, um Krebs der Bauchspeicheldrüse zu erkennen
Blasenkrebs: Wann eine Chemotherapie sinnvoll ist – Immunstatus erlaubt Abschätzung…

MULTIPLE SKLEROSE

Erste tierexperimentelle Daten zur mRNA-Impfung gegen Multiple Sklerose
Multiple Sklerose: Immuntherapie erhöht nicht das Risiko für schweren COVID-19-Verlauf
Empfehlung zur Corona-Impfung bei Multipler Sklerose (MS)
Fallstudie: Beeinflusst SARS-CoV-2 Infektion die Multiple Sklerose?
Multiple Sklerose: Novartis’ Siponimod verzögert Krankheitsprogression und Hirnatrophie bei aktiver…

PARKINSON

Neuer Bewegungsratgeber unterstützt Menschen mit M. Parkinson durch Yoga
Neue Studie zur tiefen Hirnstimulation bei Parkinson-Erkrankung als Meilenstein der…
Putzfimmel im Gehirn
Parkinson-Patienten in der Coronakrise: Versorgungssituation und ein neuer Ratgeber
Neuer Test: Frühzeitige Differenzialdiagose der Parkinson-Erkrankung