Gemeinschaft – eine geistliche und soziale Kraft

 

Pfingstbotschaft des amtierenden Vorsitzenden des Rates der EKD, Präses Nikolaus Schneider

 

Hannover (21. Mai 2010) – In diesen Tagen sind viele beunruhigt: Inflationsangst geht um. Scheitert der Euro, dann scheitert Europa – so prophezeit es die Bundeskanzlerin. Die europäischen Regierungen basteln an immer neuen Schutzschirmen, die sich alsbald als löcherig erweisen. Von Krediten und Bürgschaften in schwindelerregender Milliardenhöhe ist die Rede. Und das Eurobarometer, das die Begeisterung der EU-Bürger für den Staatenverbund erkunden soll, sinkt auf einen Tiefpunkt.

 

In der Zeit solcher Wirrnisse und Ängste feiern wir Pfingsten. Die Jünger und Jüngerinnen damals hatten auch Angst. Jesus, auf den sie ihre Hoffnung gesetzt, ja ihr ganzes Leben ausgerichtet hatten, hatte sie verlassen und war vor ihren Augen aufgefahren in den Himmel. Sie waren einsam. Aber sie blieben beisammen. Und dann geschah das Pfingstwunder: Gott goss seinen Geist über sie aus. Die Jünger konnten auf einmal in fremden Sprachen predigen. Und Menschen aus aller Herren Länder konnten sie verstehen. Petrus berichtete fremden Menschen von Jesus, von seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt. Und seine Predigt ging den Zuhörern zu Herzen. So entstand die erste christliche Gemeinde, von der es heißt, dass ihre Mitglieder beständig blieben im Glauben, in der Gemeinschaft, beim Brotbrechen und beim Gebet. Sie hatten alle Dinge gemeinschaftlich und ihre Einnahmen teilten sie unter allen auf, je nach dem, was eine jede und ein jeder nötig hatte.

 

Die Bibel ist kein Navigationsgerät, das uns sicher zu politischen oder gar ökonomischen Zielen führt. Und dennoch drängt sich ein Vergleich auf: Heute wie damals geht es um Angst und Furcht. Und es geht um Gemeinschaft, um Einheit um Einstehen für andere und um Teilen. Die ersten Christinnen und Christen waren verbunden im gemeinsamen Glauben und in der Gemeinsamkeit der von ihm vermittelten Werte. Das gemeinsame Wirtschaften, das Teilen und die Solidarität mit den Hilfsbedürftigen war nicht Grundlage und Ziel der frühchristlichen Gemeinsamkeit, sondern ihre notwendige Folge. Für die ersten Christinnen und Christen war die Gemeinschaft bereits in Christus angelegt. Sie erlebten in herausgehobener Weise die geistliche wie soziale Kraft ihrer Gemeinschaft.

 

Die biblische Pfingstgeschichte bietet keine volkswirtschaftlichen Ratschläge für den Umgang mit der Euro-Krise. Allenfalls den Hinweis, dass jede Gemeinschaft langfristig geistige und auch geistliche Fundamente braucht, will sie Stürmen rauer Zeiten trotzen. Aber das sollten wir nicht unterschätzen! Europa ist durch diese Krise herausgefordert. Politikerinnen und Politiker erkennen, dass der Zusammenhalt gefährdet ist und der Glaube an die Vision von Europa schwindet. In diesen Wirrnissen trifft uns die Botschaft von Pfingsten: Gott befreit Menschen. Der Mensch kann nicht alles bis zum Letzten abschätzen. Doch Gott steht uns bei und schenkt uns seinen Geist. Dieser Geist ist die Kompassnadel, die uns den Weg durch dieses Leben weist: Gott hat die alte machtvolle und gewaltige Prophezeiung Wirklichkeit werden lassen: Männer und Frauen, Söhne und Töchter, Alte und Junge, hatten und haben Visionen von dem neuen Himmel und der neuen Erde Gottes. Die Visionen von einer Welt ohne Krankheit, ohne Tränen, ohne Todesmächte und Todesgewalten tragen sie durch die Zeit: Damit wir schon jetzt Frieden üben und Gerechtigkeit; damit wir uns schon jetzt selbst verändern und eine Welle der Veränderungen von Menschen anstoßen; damit wir uns schon jetzt für Ordnungen und Gesetze einsetzen, die wirklich allen Menschen dienen und auch die Kleinen respektieren und schützen.

 

Pfingsten geschieht heute wie vor 2000 Jahren. Pfingsten verändert uns und mit uns die Welt zu einer Schöpfung, wie Gott sie will. Das ist und bleibt unsere Antwort auf das Geschenk Gottes, das ist unsere menschliche Aufgabe und Verantwortung – bis der Herr wiederkommt.

 


 

Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), 21.05.2010 (tB).

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