Glauben in der Ich-Gesellschaft

 

Bern, Schweiz (27. Oktober 2014) – Zunehmend entscheidet jeder für sich allein, was er glauben und praktizieren will. Die religiöse Wahlfreiheit setzt die Glaubensgemeinschaften unter Druck: Sie stehen in Konkurrenz zu säkularen Freizeitangeboten. Dies sind die Ergebnisse einer vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) geförderten Studie, deren Schlussbericht nun in Buchform vorliegt.


Religionssoziologen aus Lausanne und aus St. Gallen haben die Religiosität und Spiritualität der Schweizer Bevölkerung vermessen. Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms «Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft» (NFP 58) haben sie die bisher umfangreichste Studie zu diesem Thema durchgeführt. Basierend auf einer repräsentativen Umfrage unter 1.229 Personen, 73 Tiefeninterviews und einer Auswertung vieler weiterer Datenquellen legen Jörg Stolz, Judith Könemann, Mallory Schneuwly Purdie, Thomas Englberger und Michael Krüggeler nun ihre Erkenntnisse in einem soeben erschienenen Buch (*) dar.


Unterschiedliche Gottesvorstellungen

Darin unterteilen die Forschenden die christliche religiös-spirituelle Landschaft in vier Typen mit ganz unterschiedlichen Glaubensvorstellungen: Über die Hälfte der Bevölkerung (57%) gehört zur Gruppe der Distanzierten, die gemäss den Religionssoziologen in Zukunft weiterhin wachsen wird. Die Institutionellen hingegen machen noch knapp einen Fünftel der Bevölkerung (18%) aus. Während die katholischen und reformierten Kerngemeinden schrumpfen, wachsen die charismatischen Freikirchen innerhalb der Institutionellen. Die Alternativen (13%) halten sich konstant, doch den Säkularen (12%) sagen die Forschenden langfristig ein deutliches Wachstum voraus.

Zwischen den vier Typen gibt es grosse Unterschiede, etwa in ihrem Verständnis von Begriffen wie «Gott». «Während Freikirchliche Gott als übernatürlichen Freund, Herrn und Wunderwirker sehen, erscheint er katholischen und reformierten Institutionellen als Mischung aus Vater-Mutter-Figur und transzendentem Psychoanalytiker. Alternative verstehen Gott meist als eine Licht-Kraft-Energie, während Distanzierte nicht so recht wissen, wie sie sich Gott vorstellen sollen», halten die Forschenden im neuen Buch fest. Die Institutionellen sind praktisch einhellig (zu 99%) der Meinung, Gott interessiere sich für jeden Einzelnen. Das glauben aber nur 2% der Säkularen: Sie denken oft, dass Gott eine reine Illusion sei.


Säkularer Konkurrenzdruck

Innerhalb aller vier Typen entfaltet sich eine starke Individualisierung. Zunehmend entscheidet jeder für sich allein, was er glauben und praktizieren will. Dabei stehen der individuelle Nutzen und die persönliche Befindlichkeit im Vordergrund. Das eigene Ich ist sowohl bei Gläubigen als auch bei Ungläubigen zur zentralen Richtschnur des Entscheidens geworden. Aufgrund der Wahlfreiheit gerät die religiöse Sphäre zunehmend unter Konkurrenzdruck, weil die Individuen sowohl religiöse als auch säkulare Angebote nach Leistung und Preis beurteilen. Diese Konsumorientierung hat sich in der Schweiz seit den 1960er-Jahren durchgesetzt, schreiben die Forschenden.

Die wichtigsten Konkurrenten bestehen aus säkularen Freizeitaktivitäten, welche religiöse Aktivitäten verdrängen können. Wenn Kinder und Jugendliche an den Wochenenden Fussball spielen statt die Sonntagsschule besuchen, behindert das deren religiöse Sozialisierung. Das führt insbesondere bei Reformierten und Katholiken zu einem starken Traditionsabbruch, schreiben die Forschenden.


Zunehmende Kritik

Schliesslich erkläre der Konkurrenzdruck auch, warum Religionsgemeinschaften immer mehr auf kirchliches Marketing setzen. Trotzdem werden Religionen zunehmend distanziert und kritisch betrachtet, wie die Forschenden insgesamt zum Schluss kommen. So sind 85% der Befragten völlig oder eher der Meinung, dass bei einer Betrachtung der Geschehnisse in der Welt «Religionen eher zum Kon
flikt als zum Frieden führen».

 

  • (*) J. Stolz, J. Könemann, M. Schneuwly Purdie, T. Englberger, & M. Krüggeler (2014). Religion und Spiritualität in der Ich-Gesellschaft. Vier Gestalten des (Un-)Glaubens. Zürich: TVZ/NZN.

 

 

Weitere Informationen

 

 


 

Quelle: Schweizerischer Nationalfonds SNF, 27.10.2014 (tB).

HERRNHUTER LOSUNGEN

MEDICAL NEWS

Fitness watches generate useful information, but increase patient anxiety
A new device provides added protection against COVID-19 during endoscopic…
81 million Americans lacking space or bathrooms to follow COVID…
Front-line physicians stressed and anxious at work and home
EULAR: High-Dose Glucocorticoids and IL-6 Receptor inhibition can reduce COVID-19…

SCHMERZ PAINCARE

Wechselwirkung zwischen psychischen Störungen und Schmerzerkrankungen besser verstehen
Wie ein Schmerz den anderen unterdrückt
Opioidtherapien im palliativen Praxisalltag: Retardierte Analgetika zeigen Vorteile
Krankenhäuser und Praxen müssen sich bei der Schmerztherapie nach Operationen…
Morbus Fabry mittels Datenanalysen aus dem PraxisRegister Schmerz aufspüren

DIABETES

DDG und Verbände definieren erstmals einen Handlungsrahmen für nicht-ärztliche Assistenzberufe…
Typ-2-Diabetes: Neue Hinweise bestärken die Bedeutung von Übergewicht für Spätfolgen
Suliqua®: Eine sinnvolle Option, wenn die BOT zur Blutzuckerkontrolle nicht…
“Körperstolz”: Michael Krauser managt seinen Diabetes digital
Der richtige Sensor – von Anfang an

ERNÄHRUNG

Corona-Erkrankung: Fehl- und Mangelernährung sind unterschätze Risikofaktoren
Gesundheitliche Auswirkungen des Salzkonsums bleiben unklar: Weder der Nutzen noch…
Fast Food, Bio-Lebensmittel, Energydrinks: neue Daten zum Ernährungsverhalten in Deutschland
Neue Daten zur Ernährungssituation in deutschen Krankenhäusern und Pflegeheimen: Mangelernährung…
Baxter: Parenterale Ernährung von Patienten mit hohem Aminosäurenbedarf

ONKOLOGIE

Anzeige: Aktuelle Daten zur Therapie des fortgeschrittenen Prostatakarzinoms
Aktuelle Daten zu Apalutamid und Abirateron in der Therapie des…
Blasenkrebs: Wann eine Chemotherapie sinnvoll ist – Immunstatus erlaubt Abschätzung…
Ibrutinib mit Rituximab bei nicht vorbehandelter CLL: Hinweis auf Zusatznutzen…
Bestmögliche Versorgungssicherheit bei der Krebstherapie mit CAR-T-Zellen

MULTIPLE SKLEROSE

Multiple Sklerose: Novartis’ Siponimod verzögert Krankheitsprogression und Hirnatrophie bei aktiver…
Neurofilamente als Diagnose- und Prognosemarker für Multiple Sklerose
Bedeutung der Langzeittherapie bei Multipler Sklerose – mehr Sicherheit und…
Bristol Myers Squibb erhält Zulassung der Europäischen Kommission für Ozanimod…
Einige MS-Medikamente könnten vor SARS-CoV-2/COVID-19 schützen

PARKINSON

Neue Studie zur tiefen Hirnstimulation bei Parkinson-Erkrankung als Meilenstein der…
Putzfimmel im Gehirn
Parkinson-Patienten in der Coronakrise: Versorgungssituation und ein neuer Ratgeber
Neuer Test: Frühzeitige Differenzialdiagose der Parkinson-Erkrankung
Gegen das Zittern: Parkinson- und essentiellen Tremor mit Ultraschall behandeln…