„Gottes Geist schafft neue Wege“

 

Pfingstbotschaft des Vorsitzenden des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Dr. h.c. Nikolaus Schneider

 

Hannover (27. Mai 2012) – Pfingsten ist das Fest der Erneuerung: Aus Zögern wird Begeisterung, aus Angst wird Mut, aus Rückzug wird Aufbruch. Gottes Geist schafft neue Wege mitten in der Welt und macht tiefe Verständigung möglich – über innere und äußere Grenzen hinweg.

So lesen wir in der Apostelgeschichte im zweiten Kapitel: „Als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Wind und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt wie von Feuer; und er setzte sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem heiligen Geist und fingen an, zu predigen in anderen Sprachen, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ (Apostelgeschichte 2, 1-4)

 

Pfingsten ist ein Wunder des Hörens und des Verstehens. Pfingsten öffnet Ohren und Augen. Der Heilige Geist lässt Menschen neu hören und neu verstehen: Gottes Gegenwart lässt sich in unserem Leben und in unserer Welt wahrnehmen und entdecken.


Pfingsten geht zu Herzen. Als die Menschen damals die Pfingstpredigt des Petrus hörten, „ging’s ihnen durchs Herz“, und sie fragten: „Was sollen wir tun?“ (Apostelgeschichte 2,37). Belebt und befeuert durch den Pfingstgeist brechen die Christinnen und Christen auf in die Welt, um ihr von Gottes Gegenwart in Jesus Christus zu erzählen.

 

Pfingsten gibt Kraft zur Umkehr. In diesen Zeiten vieler Krisen erkennen wir, dass manche alte Muster an Wert verlieren. So gefährdet der Irrglaube, Wohlstand für alle durch immerwährendes quantitatives Wirtschaftswachstum zu erzielen, die Zukunft der Erde und der nächsten Generationen.


Unsere Welt braucht eine gerechtere Verteilung der Güter und ein neues Wachstumsmodell, das sich nicht allein an der Höhe des Bruttoinlandsprodukts misst, sondern ein qualitatives Wachstum befördert. Für den Frieden in unserer Gesellschaft brauchen wir gerechte Zugänge zu Gesundheit, Bildung und Arbeit und eine Beteiligung Vieler an der Gestaltung unserer politischen Prozesse.


Deutschland, Europa und die ganze Welt stehen vor vielen Herausforderungen, ohne dass die alten schon bewältigt wären. Gottes Geist kann Einsicht und Mut schenken, verhärtete Positionen und Rechthabereien zu überwinden.

 

Pfingsten sagt: Christus ist bei uns. Der auferstandene Herr ist durch den Heiligen Geist bei seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern gegenwärtig. Daran glaubt und darauf hofft die Christenheit. So schlug am ersten Pfingstfest die Geburtsstunde für die große und bunte, vielfältige und vielstimmige Kirche Jesu Christi. Sie lebt bis heute in sehr verschiedenen Formen und Gestalten auf der ganzen Welt. Deshalb erinnern und feiern alle christlichen Kirchen zu Pfingsten das Geschenk dieses einen, vielfältigen, sprachkräftigen, tröstenden und ermutigenden Heiligen Geistes als Geburtstag der Kirche.


Im Dom zu Ratzeburg wird in diesem Jahr der Geburtstag einer Kirche in ganz besonderer Weise gefeiert. Die evangelische Kirche in Deutschland freut sich über die Gründung der neuen "Evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland" und feiert das in einem großen Gottesdienst. Der Aufbruch in die neue "Nordkirche" ist ein mutiger Schritt, und eine deutsch-deutsche Vereinigungsgeschichte der ganz besonderen Art.

 

 


Quelle: Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), 25.05.2012 (tB).

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