Harninkontinenz geriatrischer Patienten

Herausforderung für Ärzte und Patienten

 

München (16. September 2014) – Für die Versorgung älterer Menschen die an einer Harninkontinenz leiden, gibt es kein Patentrezept. Urologen, Gynäkologen, Internisten und Neurologen müssen eng zusammenarbeiten, um den Patienten zu helfen. „Die Harninkontinenz beim geriatrischen Patienten ist ein klassisches geriatrisches Syndrom, das nur interdisziplinär optimal behandelt werden kann“, erläutert Priv. Doz. Dr. Andreas Wiedemann, Chefarzt der Urologie am Evangelischen Krankenhaus Witten.


Als Leiter der interdisziplinären Arbeitsgruppe Harninkontinenz der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) diskutiert er auf dem Jahreskongress der Fachgesellschaft Ende September neue Behandlungsmöglichkeiten und zukunftsweisende Ansätze. Ebenfalls stellt die Arbeitsgruppe die aktualisierte und komplett überarbeitete Leitlinie „Harninkontinenz“ vor. „Der Geriater sollte die Rolle eines Koordinators einnehmen das Know-How anderer Fachdisziplinen kennen und nutzen“, so Wiedemann. Wichtig sei dabei, dass er neben der körperlichen auch die psychische und soziale Dimension der Harninkontinenz im Auge behalte.


Die Mitarbeit der Patienten ist wichtig

Die Leitlinie betont, dass neben geeigneten Arzneimitteln auch Verhaltensänderungen eine Harninkontinenz verbessern können. Dazu gehören unter anderem Gewichtsreduktion, weniger Kaffee und aufhören zu Rauchen. Oft können Ärzte und Patienten auch die Diuretika-Therapie optimieren, damit die Patienten nicht mehr so häufig zur Toilette müssen. Möglichkeiten dazu sind zum Beispiel die Gabe retardierter Präparate oder eine Dosisreduktion.


Aktualisierte S2-Leitlinie zur Arzneimitteltherapie der Harninkontinenz

Dr. Klaus Becher, Chefarzt der Klinik für Geriatrie und Frührehabilitation am HELIOS Hanseklinikum Stralsund, stellt einige Details aus der aktualisierten Leitlinie vor:


Seit einigen Jahren neu auf dem Markt sind die Substanzen Fesoterodin und Silodosin. Der Muskarinrezeptor-Antagonist Fesoterodin stellt eine Option für die Behandlung einer überaktiven Blase bei geriatrischen Patienten dar. „Günstig ist die geringe Lipophilie des Fesoteridin, die dazu führt, dass es die Blut-Hirn-Schranke kaum überwindet. Das ist bei geriatrischen Patienten besonders wichtig, um kognitive Verschlechterungen zu vermeiden“, so Becher.

Silodosin ist ein Alpha-1A-Adrenorezeptor-Antagonist (kurz: Alpha-Blocker) zur symptomatischen Behandlung der benignen Prosatahypertrophie. Der überwiegend selektive 1A-Blocker bindet nur in geringem Ausmaß an die kardiovaskulären 1B-Rezeptoren, so dass es nur selten zu orthostatischen Nebenwirkungen kommt. „Auch dies ist bei geriatrischen Patienten besonders von Vorteil, um Schwindel und nachfolgende Stürze zu vermeiden“, betont der Geriater.

Botulinumtoxin findet Einsatz bei neurogenen Blasenstörungen wie neurogener Detrusorüberaktivität und neurogener Blasenfehlfunktion. Das Toxin wird an verschiedenen Stellen in die Blasenmuskulatur injiziert und führt dort zu einer vorübergehenden Dämpfung der Detrusorkontraktilität. So kann die Blase mehr Urin über einen längeren Zeitraum speichern. Davon profitieren im geriatrischen Bereich etwa Parkinson-Patienten. „Ein großer Vorteil für geriatrische Patienten sind die fehlenden Nebenwirkungen im zentralen Nervensystem“, so die Bewertung der DGG-Arbeitsgruppe.

Glycosaminoglycanersatz: Glycosaminoglycane stellen eine Schutzschicht an der inneren Oberfläche der Blase dar gegen Bakterien, Kristalle oder andere Substanzen, die im Urin vorkommen. Wenn die Schutzschicht defekt ist, kann es leichter zu Harnwegsinfekten kommen. Eine Natrium-Hyaluronat-Lösung kann zum vorübergehenden Ersatz der körpereigenen Glycosaminoglycan-Schicht an der inneren Oberfläche der Harnblase instilliert werden.


Geriatrische Methoden auch für andere Fächer wichtig

Die aktualisierte Leitlinie richtet sich auch an die Spezialisten anderer Fachdisziplinen. „Sie sollten die Besonderheiten geriatrischer Patienten kennen, beispielsweise im Hinblick auf Sturzneigung und Kognition“, betont Wiedemann. Beispielsweise könne es Sinn machen, vor geplanten urologischen Operationen ein geriatrisches Assessment durchzuführen. Dies könne die Entscheidung für oder gegen einen operativen Eingriff beeinflussen.

  • Auftaktveranstaltung der DGG
    Über das Thema „Zukunftsvision Uro-Geriatrie“ spricht Priv. Doz. Dr. Andreas Wiedemann während des Auftaktsymposiums der DGG am Mittwoch, den 24. September 2014, von 12:45 bis 14:00 Uhr im Rahmen des 26. Deutschen Geriatriekongresses vom 24. bis 27. September in Halle.

  • -Symposium der AG-Inkontinenz der DGG in Halle
    Die aktualisierte S2-Leitlinie ist Thema auf einem Symposium der Arbeitsgruppe Inkontinenz am Freitag, den 26. September 2014, von 8:00 bis 9
    :30 Uhr.


Weitere Informationen


Die aktualisierte S2-Leitlinie ist voraussichtlich ab dem 24.09. über die Webseite der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) einzusehen sowie auf der Website der DGG.

Der Arbeitsgruppe Inkontinenz der DGG gehören an: Dr. Klaus Becher (Helios Hanseklinikum Stralsund), Dr. Nicole Büntig (Klinikum Braunschweig), Dr. Barbara Bojack (Ärztin für Urologie, Gießen), Dr. Sigrid Ege (Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart), Dr. Martin Hatzinger (Markuskrankenhaus Frankfurt), Univ.-Prof. Dr. Ruth Kirschner-Hermanns (Universitätsklinikum Bonn), Priv.-Doz. Dr. Mathias Pfisterer (Agaplesion Elisabethenstift Darmstadt), Priv.-Doz. Dr. Andreas Wiedemann (Evangelisches Krankenhaus Witten).

 


Quelle. Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG), 16.09.2014 (tB) Thomas Backe

MEDICAL NEWS

IU School of Medicine researchers develop blood test for anxiety
COVID-19 pandemic increased rates and severity of depression, whether people…
COVID-19: Bacterial co-infection is a major risk factor for death,…
Regenstrief-led study shows enhanced spiritual care improves well-being of ICU…
Hidden bacteria presents a substantial risk of antimicrobial resistance in…

SCHMERZ PAINCARE

Hydromorphon Aristo® long ist das führende Präferenzpräparat bei Tumorschmerz
Sorgen und Versorgen – Schmerzmedizin konkret: „Sorge als identitätsstiftendes Element…
Problem Schmerzmittelkonsum
Post-Covid und Muskelschmerz
Kopfschmerz bei Übergebrauch von Schmerz- oder Migränemitteln

DIABETES

Wie das Dexom G7 abstrakte Zahlen mit Farben greifbar macht…
Diabetes mellitus: eine der großen Volkskrankheiten im Blickpunkt der Schmerzmedizin
Suliqua®: Einfacher hin zu einer guten glykämischen Kontrolle
Menschen mit Diabetes während der Corona-Pandemie unterversorgt? Studie zeigt auffällige…
Suliqua® zur Therapieoptimierung bei unzureichender BOT

ERNÄHRUNG

Positiver Effekt der grünen Mittelmeerdiät auf die Aorta
Natriumaufnahme und Herz-Kreislaufrisiko
Tierwohl-Fleisch aus Deutschland nur mäßig attraktiv in anderen Ländern
Diät: Gehirn verstärkt Signal an Hungersynapsen
Süßigkeiten verändern unser Gehirn

ONKOLOGIE

Strahlentherapie ist oft ebenso effizient wie die OP: Neues vom…
Zanubrutinib bei chronischer lymphatischer Leukämie: Zusatznutzen für bestimmte Betroffene
Eileiter-Entfernung als Vorbeugung gegen Eierstockkrebs akzeptiert
Antibiotika als Störfaktor bei CAR-T-Zell-Therapie
Bauchspeicheldrüsenkrebs: Spezielle Diät kann Erfolg der Chemotherapie beeinflussen

MULTIPLE SKLEROSE

Multiple Sklerose: Aktuelle Immunmodulatoren im Vergleich
Neuer Biomarker für Verlauf von Multipler Sklerose
Multiple Sklerose: Analysen aus Münster erhärten Verdacht gegen das Epstein-Barr-Virus
Aktuelle Daten zu Novartis Ofatumumab und Siponimod bestätigen Vorteil des…
Multiple Sklerose durch das Epstein-Barr-Virus – kommt die MS-Impfung?

PARKINSON

Meilenstein in der Parkinson-Forschung: Neuer Alpha-Synuclein-Test entdeckt die Nervenerkrankung vor…
Neue Erkenntnisse für die Parkinson-Therapie
Cochrane Review: Bewegung hilft, die Schwere von Bewegungssymptomen bei Parkinson…
Technische Innovationen für eine maßgeschneiderte Parkinson-Diagnostik und Therapie
Biomarker und Gene: neue Chancen und Herausforderungen für die Parkinson-Diagnose…