Hilfe im Angesicht des absehbaren Todes

 

Berlin (26. November 2011) – Palliativmedizin ist Medizin im Angesicht des absehbaren Todes. Sie ist nicht auf Wiederherstellung der Gesundheit, sondern auf Linderung der physischen, psycho-sozialen und auch spirituellen Leiden der Schwerkranken und ihrer Familien ausgerichtet. „Und dennoch können solche Maßnahmen sogar dazu führen, dass Patienten länger leben, wie etwa eine Studie mit Lungenkrebspatienten gezeigt hat. Das könnte einen Perspektivwechsel in der Medizin einleiten!“ Dies erklärte Prof. Dr. Gian Domenico Borasio, Universität Lausanne, beim Symposium „Innovative Therapien in der Palliativmedizin“ am 25. und 26.11. in Berlin.

 

Prof. Borasio leitete die Veranstaltung zusammen mit Prof. Dr. Monika Führer und Prof. Dr. Dr. Peter C. Scriba von der Universität München. Veranstalter waren die der Paul-Martini-Stiftung und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Palliativmedizin ist in Deutschland noch eine recht junge medizinische Disziplin. „Erst seit 2009 ist sie als Pflichtlehr- und Prüfungsfach in die Approbationsordnung für Ärzte aufgenommen worden“, erläuterte Führer. „Damit wird nun allen Medizinstudierenden die Palliativmedizin als Kernbereich ärztlicher Kompetenz vermittelt.“ Zugleich mahnte sie, dabei nicht nur an alte Patienten zu denken – Palliativmedizin müsse auch für schwerstkranke Kinder und ihre Familien da sein.

Traditionell wurde unter Palliation kaum mehr als das Lindern von Schmerzen und anderen körperlichen Symptomen verstanden. Inzwischen umfasst sie eine multidimensionale Betreuung, die die Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen erfordert – von Ärzten und Pflegenden, aber auch Sozialarbeitern, Psychologen, Seelsorgern, Trauerbegleitern und anderen. Dies ist, so Scriba, ein ausdrückliches Bekenntnis dazu, dass auch sterbenskranke Menschen eine für sie angemessene medizinische Versorgung bekommen müssen, ohne dass gefragt wird, was sich für diese Patienten „denn noch lohnt“.

Rückendeckung für diesen umfassenden Ansatz bietet neben der Definition von Palliativmedizin der Weltgesundheitsorganisation WHO die „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen in Deutschland“ der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin (DGP), des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands (DHPV) und der Bundesärztekammer (BÄK) von 2010 (http://charta-zur-betreuung-sterbender.de). Sie wurde mittlerweile von mehr als 370 Institutionen und Hunderten von Einzelpersonen unterzeichnet, was breite Zustimmung aus Gesundheitswesen und Gesellschaft anzeigt.

Psychosoziale Maßnahmen – das machten viele der Referenten des Symposiums deutlich – müssen ebenso wie medikamentöse evaluiert werden, wozu die Erarbeitung geeigneter Instrumente und die Durchführung von Studien nötig ist. Die in einem Vortragstitel geäußerte Frage, ob es auch so etwas wie evidence-based Spiritual Care geben kann, formuliert das besonders pointiert, macht aber deutlich, dass sich auch psychosoziale Maßnahmen nicht außerhalb des wissenschaftlich Untersuchbaren abspielen.

Medikamente können insbesondere zur Linderung von Schmerzen, Atemnot, gastrointestinalen Symptomen, Fatigue und Kachexie einen wichtigen Beitrag leisten. In der Schmerztherapie spielen weiterhin Opioide eine wesentliche Rolle. In den letzten Jahren gab es hier Fortschritte hinsichtlich der Abmilderung der häufigen Nebenwirkung Obstipation, wie mehrere Referenten erläuterten. Auch sei es gelungen, besonders schnell und kurz wirksame Darreichungsformen zu entwickeln, mit denen sich insbesondere kurzzeitige „Durchbruchschmerzen“ lindern lassen.

Mehr als die Hälfte der stationär behandelten Palliativpatienten leidet auch unter Atemnot, häufig begleitet von starken Ängsten oder Panik. Dazu kommt es auch bei optimal therapierter Grunderkrankung (z.B. Lungenkrebs), so dass eine symptomatische Therapie indiziert ist. Wirksame Linderung, so Dr. Steffen Simon von der Uniklinik Köln, verschaffen oft schon so einfache Hilfsmittel wie Hand- und Tischventilatoren oder Atemübungen. Medikamentöse Therapie der Wahl sind Opioide (z.B. Morphin), wobei diese gegen Atemnot häufig geringer dosiert werden können als gegen Schmerzen. Ihre gute Wirksamkeit sei durch Studien belegt.

Die Hoffnung der Veranstalter ist es, dass das Symposium zu einem besseren Verständnis des Innovationspotenzials der Palliativmedizin und zur Stärkung dieses noch jungen, aber für die künftige Entwicklung der Medizin ungemein wichtigen Fachgebiets beiträgt.


Die Paul-Martini-Stiftung

Die gemeinnützige Paul-Martini-Stiftung, Berlin, fördert die Arzneimittelforschung sowie die Forschung über Arzneimitteltherapie und intensiviert den wissenschaftlichen Dialog zwischen medizinischen Wissenschaftlern in Universitäten, Krankenhäusern, der forschenden Pharmaindustrie, anderen Forschungseinrichtungen und Vertretern der Gesundheitspolitik und der Behörden. Träger der Stiftung ist der vfa, Berlin, der als Verband derzeit 45 forschende Pharma-Unternehmen vertritt.


Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina

Die Leopoldina ist Deutschlands Nationale Akademie der Wissenschaften. Sie bringt exzellente Wissenschaftler zusammen, die Politik und Gesellschaft in relevanten wissenschaftlichen Fragen beraten. Hierfür greift sie Themen auf und erarbeitet dazu, unabhängig von politischen und wirtschaftlichen Interessen, wissenschaftsbasierte Expertisen. Mit dem Ziel, Zukunft zu gestalten, bringt sie diese zum Wohl der Gesellschaft in den nationalen und internationalen politisch-gesellschaftlichen Diskurs ein. Die Leopoldina vertritt Deutschland in internationalen Akademiengremien und pflegt Kontakte zu nationalen wissenschaftlichen Akademien. Durch Meetings, Symposien und Vorträge fördert sie den Austausch mit der Öffentlichkeit sowie unter Forscherinnen und Forschern. Sie unterstützt den wissenschaftlichen Nachwuchs, verleiht Auszeichnungen sowie Preise.

 


Quelle: Paul-Martini-Stiftung, 26.11.2011 (tB).

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